Die Basis meiner Arbeit ist das Experiment

Der Hongkonger Regisseur Danny Yung und Darsteller Ke Jun über ihre Arbeit mit der chinesischen Kun-Oper

Bei den diesjährigen Kunstfestspielen Herrenhausen war der Hongkonger Regisseur Danny Yung zu Gast in Hannover. Im Gepäck: Die europäische Erstaufführung von „Flee By Night“ – experimentelles Musiktheater auf der Basis eines 450 Jahre alten chinesischen Stückes. Vor der Aufführung konnte „Saitensprung“ mit Yung und dem Hauptdarsteller Ke Jun über zeitgenössisches chinesisches Musiktheater, die harte Ausbildung zum Kun-Oper-Darsteller und über die Rolle des Regisseurs sprechen.

Nur das Summen der Scheinwerfer ist zu hören. Die Bühne ist komplett leer, eine große weiße Fläche. Ein Mann tritt auf, in einem bodenlangen grauen Gewand, und trägt erst einen Tisch und dann zwei Holzstühle herein. Im Laufe des Abends werden wir keine weitere Bühnenausstattung sehen. Ein Tisch, zwei Stühle. Nein, kein zeitgenössischer Regisseur hat sich diesen Minimalismus ausgedacht – es ist die elementarste Form des Bühnenbilds im traditionellen chinesischen Musiktheater.

Chinesisches Musiktheater (xiqu) ist ein komplexes Bühnenkunstwerk, das Gesang, Sprechvortrag, Tanz und Kampfkunst vereint. Die starke Kodifizierung macht es faszinierend – und schwer zugänglich zugleich. Jede Geste, zum Beispiel die zur Faust geballte Hand, und jeder Schritt hat eine festgelegte Bedeutung. Eine weitere Besonderheit ist die Polyvalenz der Zeichen: Das beschriebene Bühnenbild mit einem Tisch und zwei Stühlen kann auch Hügel oder Festungen symbolisieren.

Die Kun-Oper (kunqu) ist eine der über 300 Formen des chinesischen Musiktheaters mit einer ca. 600jährigen Geschichte – über den asiatischen Raum hinaus ist sie, anders als etwa die Peking-Oper, kaum bekannt. Für die europäische Erstaufführung von „Flee By Night“ sind Regisseur Danny Yung und Ke Jun, Intendant eines Kun-Theaters und mehrfach ausgezeichneter Darsteller, von weit her angereist: aus Hongkong und aus Nanjing, der zweitgrößten Stadt Ostchinas. Regisseur Yung geht es nicht um das Konservieren von Traditionen, sondern um Austausch, kritische Auseinandersetzung und Weiterentwicklung. Ungefähr zu der Zeit, als in England Shakespeare wirkte (mittlere Ming-Zeit in China), verfasste der Autor Li Kaixian die Kun-Oper „Legende vom kostbaren Schwert“ (Baojian Ji). Ein Akt dieser Oper, „Flucht in der Nacht“ (Yé Ben) bzw. „Flee By Night“, bildet die Basis für die experimentelle Arbeit Yungs mit Darstellern der Kun-Oper. Der Protagonist Lin Chong verliert durch Intrigen seinen geachteten Posten bei der Regierung. Nach langem inneren Kampf beschließt er, sich den „Gesetzlosen“ anzuschließen. „Der Moment der Entscheidung – wie geht es jetzt weiter – das interessiert mich“, sagt Yung. „Der Wechsel von einem System in ein anderes, Revolution und Gegenrevolution – das ist ein Thema, das auch nach 450 Jahren Brisanz hat.“

Yung arbeitet schon über zehn Jahre mit diesem Stück – die Fassung, die bei den Kunstfestspielen Herrenhausen zu sehen war, verarbeitet drei Geschichten: Die von Lin Chong, der seine geachtete Stellung in der Gesellschaft verliert und sich den Gesetzlosen anschließt. Die des Autors Li Kaixian, der selbst ins Exil gehen musste. Und die Geschichte von Darsteller Ke Jun und seinem Schüler Yang Yang. Jun begann im Alter von 12 Jahren seine Ausbildung zum Kun-Oper-Darsteller, in der Theaterschule der Provinz Jiangsu. Das Training ist physisch und psychisch sehr anstrengend, auch ist körperliche Gewalt durch den Lehrer keine Seltenheit. Die Ausbildung dauert lange, erst mit 19 hatte Jun sie abgeschlossen.

Der Grund für den Eintritt in die Theaterakademie war ganz praktischer Art: Ein Gesetz der chinesischen Regierung in den 1970er Jahren verpflichtete ihn, als den Jüngeren von zwei Brüdern, in der Landwirtschaft zu arbeiten. Die einzige Möglichkeit, diese Regelung zu umgehen, bestand darin, einen Job in der Stadt zu finden. Die Theaterakademie machte auf dem Land und in kleineren Städten regelmäßig eine Art „Casting“ für Nachwuchsdarsteller – Jun wurde als einer von 16 aus 6000 Zwölfjährigen ausgewählt. Das war seine Chance, dem vorgezeichneten Weg in der Landwirtschaft zu entkommen und zugleich die Familie zu entlasten.

Vom chinesischen Musiktheater hatte er nicht viel Ahnung, in der kleinen Stadt, wo er aufwuchs, gab es keine Theateraufführungen. Am Anfang seiner Ausbildung war er dann auch nicht sonderlich interessiert an der Kun-Oper – eigentlich wollte er lieber Soldat werden. Als Jugendlicher änderte er sogar seinen Namen zu Jun, dem Namen, den er heute noch trägt. Das chinesische Wort „Jun“ bedeutet „Armee“. Auf eine gewisse Weise hat er es schließlich geschafft, mit der militärischen Laufbahn: Sein Rollenfach ist das des Kämpfers (wusheng), und auf der Bühne stand er oft als General oder Soldat.

Auch seinem Schüler, Yang Yang, kamen Bedenken an der Laufbahn des Kun-Oper-Darstellers. Mitten in der Arbeit für das „Flee By Night“-Projekt wollte er nach Peking gehen und etwas ganz anderes machen, sein Glück beim Film versuchen. Es folgten acht Monate des Zweifelns. Erst dann fiel die für seinen Lehrer Jun erlösende Nachricht: Yang bleibt dabei. Chinesisches Musiktheater lernt man nicht aus Skripten oder Büchern, sondern die Kunst der Darbietung wird von Mund zu Mund, von Meister zu Schüler, weitergegeben. Der Darsteller speichert verschiedene Stücke auswendig im Kopf ab und kann sie jederzeit ohne Probe auf der Bühne zeigen. Diese „Meisterlehre“ hat aber auch zur Folge, dass die Stücke langsam aussterben, wenn keine neuen Kun-Oper-Darsteller nachfolgen. Die Arbeit des Regisseurs Yung prägt deshalb auch immer die Frage: „Wie können wir die nächste Generation von Kun-Oper-Darstellern bestärken, ihr Glück nicht in der Armee oder anderswo zu suchen, sondern ernsthaft die Kun-Oper weiterzuentwickeln?“

Viele seiner Projekte bringen Darsteller aus verschiedenen asiatischen Traditionen zusammen – China, Japan, Thailand, Indonesien liegen auf der Landkarte zwar recht nah beieinander, bisher gebe es aber wenig kulturellen Austausch, sagt Yung. Indem er Begegnungsräume schafft, hofft er auf neue Impulse, wie und in welcher Form die traditionellen Kunstformen erhalten und weiterentwickelt werden können.

Yung, der in Hongkong aufgewachsen ist, lernte als Kind zunächst die Peking-Oper kennen. Bei großen Familienfeierlichkeiten wie Hochzeit oder Beerdigung gehörte immer eine Theater-Aufführung dazu. Allerdings: „Keiner schaut so wirklich zu – es ist laut, Menschen rennen umher, Menschen weinen. Nur die kleinen Kinder gucken gespannt auf die Bühne“, erzählt Yung. „Ich war so fasziniert von den Darstellern, wie fokussiert sie waren, trotz des Chaos um sie herum.“ Später kam die Faszination für das minimalistische Bühnenbild hinzu: „Einen Tisch, zwei Stühle – mehr braucht es nicht. Das ist so machtvoll.“ Er fügt an: „Und eigentlich ist das ziemlich zeitgemäß.“

Das traditionelle chinesische Musiktheater kennt keinen Leiter, jeder Darsteller ist sein eigener „Regisseur“, was Raumaufteilung oder Timing betrifft. Worin besteht dann die Arbeit Yungs? Sein Ziel sei es nicht, die einstudierte Darstellungskunst optimal zur Geltung zur bringen. „Sondern mir geht es um die Konfrontation mit anderen Stilelementen und Formen, um das Reflektieren der eigenen Arbeit. Ich gebe keine Anweisungen, sondern Impulse“. Am Anfang der experimentellen Arbeit steht dabei immer die Rückkehr zum Ursprung eines Stückes. Auf „Flee By Night“ bezogen heißt das: Zurück zu dem Moment, in dem Li Kaixian in seinem Studierzimmer sitzt und das Stück schreibt. Was ist seine Motivation, was geht in ihm vor? Im Dialog mit den Darstellern entwickelt er dann, was uns heute an diesem Stück interessiert, was relevant ist. Und mit welchen Mitteln das auf der Bühne umgesetzt werden kann.

Aus dieser Arbeit ist zum Beispiel hervorgegangen, dass die Darsteller in „Flee By Night“ nicht die traditionellen farbenfrohen Gewänder der Kun-Oper tragen. Stattdessen haben sie verschiedenen Kostüme: moderne Anzüge, das lange Gewand der Bühnenarbeiter der Jin-Dynastie, die weiße Probenkleidung der Kun-Oper-Darsteller. Auch wurde der traditionelle Gesang in fast allen Szenen durch Videoprojektionen ersetzt. Lediglich in einer Szene singt Jun, ansonsten werden die Texte auf eine große weiße Wand hinter der Bühne projiziert, sowohl in Chinesisch als auch in Englisch, teilweise zusammen mit Bildern.

Die eigene künstlerische Position zu hinterfragen ist durchaus eine Herausforderung für die Darsteller, die in ihrer Ausbildung vor allem gelernt haben, folgsam den Anweisungen des Meisters nachzukommen. „Meine erste Reaktion auf Yungs Projekt war Ablehnung“, gibt Jun offen zu. „Die komplette Idee erschien mir abwegig.“ Aber: „Danny Yung hat nicht aufgegeben. Er hat meine Position und meine Art zu denken anerkannt, so dass wir uns schließlich gemeinsam weiterentwickeln konnten.“

Christiane Müller

Zum Weiterlesen:

„Lebendige Erinnerung – Xiqu. Zeitgenössische Entwicklungen im chinesischen Musiktheater“. Herausgegeben von Tian Mansha und Johannes Odenthal. Berlin, Theater der Zeit.

2017-11-29T16:56:35+00:00 Oktober 2015|Kategorien: Begegnung der Kulturen|