“Eritrea ist immer in mir”

Ein junger Flüchtling erzählt von seinem langen Weg nach Deutschland – und von den Liedern seiner Heimat, die ihm Kraft geben

„Asmara… Asmara“, singt Mussie. Es ist ein Lied über die Schönheit der Hauptstadt Eritreas. Er singt auf Tigrinya, eine der in Eritrea gesprochenen Sprachen, denn dort ist Mussie aufgewachsen. 22 Jahre ist er alt, trägt Jeans und ein T-Shirt, hat kleine, dichte, schwarze Locken und eine schmächtige Figur. Sein freundliches Gesicht strahlt eine neugierige Offenheit aus, und wenn er lacht, zeigt er eine Reihe strahlend weißer Zähne. Unter dem linken Arm hält er eine Krar, ein eritreisches Zupfinstrument mit sechs Saiten und pentatonischer Stimmung. In der rechten Hand hat er einen kleinen Plastikzipfel, den er wie ein Plektrum benutzt. Wenn Mussie die Finger der linken Hand auf die Saiten legt oder hochnimmt, verändert er die einzelnen Tonhöhen auf der Krar.

Der kleine Probenraum, in dem er musiziert, gehört zum Jugendzentrum in der Peiner Straße in Hannover-Döhren. Mussie und sein Freund Ermiyas proben hier mehrmals in der Woche. Dann singen sie Lieder aus Eritrea auf Tigrinya; einer sitzt dabei am Keyboard, der andere spielt die Krar. Dazu wummert ein lauter Rhythmus aus der Musikbox. Man möchte sofort anfangen zu tanzen.

Mussie und Ermiyas sind Flüchtlinge aus Eritrea und leben in verschiedenen Heimen in Hannover. Über die Musik lernten sie einander erst in Deutschland kennen. Ermiyas hatte nach seiner Ankunft in der Stadt herumgefragt nach anderen eritreischen Flüchtlingen, nach jemandem, der Musik macht. Und jemand aus der Flüchtlingshilfe, der Mussie kannte, vermittelte ihm den Kontakt. Eritreer vernetzen sich schnell untereinander, auch in einer fremden Umgebung, sagt Mussie. Ermiyas und er singen von der Freude am Leben, von der Liebe und von ihrem Land, Eritrea. Dort haben sie diese Lieder gelernt.

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Mussie ist aus Dekemhare, seiner Heimatstadt in Eritrea, nach Europa geflohen, um hier ein neues Leben zu beginnen. Drei Wochen lang hatte er seine Flucht geplant, gemeinsam mit zwei Freunden. „Ich erinnere mich noch genau“, sagt er und lächelt, „das war ein Freitag, und ich kam von der Schule. Ich bin direkt zu meinen Freunden gegangen. Ihr Dorf liegt nicht weit entfernt von der Grenze zu Äthiopien. Wir sind einfach aufgebrochen – zu Fuß.“ Seine Familie, seine Freunde, seine Bekannten und das Leben in Eritrea ließ er hinter sich, ohne sich von jemandem zu verabschieden. Mit lediglich seinem Schülerausweis in der Tasche und der Kleidung, die er trug, machte er sich auf den Weg in eine fremde Welt.

In Eritrea leben etwa 6,7 Millionen Menschen. Das nordostafrikanische Land grenzt an den Sudan, Äthiopien, Dschibuti und das Rote Meer. Offiziell hat das Land eine demokratische Verfassung, internationale Beobachter bezeichnen das politische System jedoch als repressiv und Staatschef Isayas Afewerki als einen Diktator. Die Lage der Menschenrechte in Eritrea ist schwierig, Pressefreiheit existiert praktisch nicht; Regierungskritiker werden inhaftiert und gefoltert. Mussie wird, solange die Diktatur in Eritrea herrscht, nie wieder dorthin zurückkehren können, weil er politisch verfolgt würde. Dann droht ihm sofort das Gefängnis. Und das bedeutet in Eritrea Folter. Junge Leute haben außerdem kaum Perspektiven, weil sie jederzeit von der Armee eingezogen werden können und dann oftmals jahrelang dort bleiben müssen.

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Seit einem Jahr und neun Monaten ist Mussie nun schon in Deutschland. Die Sprache beherrscht er bereits ganz gut, aber für seinen Freund Ermiyas muss er fast alles übersetzen. In der Volkshochschule Laatzen besucht er einen Deutschkurs, und im Jugendzentrum in der Peiner Straße nimmt er Keyboardunterricht – zusammen mit Ermiyas. In seiner Freizeit trifft er seine eritreischen Freunde, die er in Hannover kennengelernt hat, oder er spielt Krar. Die Musik mache ihn glücklich, sagt er, sie gebe ihm Kraft. Um in Deutschland weiter Musik machen zu können, hat er sich eine eigene Krar gebaut. Inzwischen hat er sich über das Internet aus Eritrea bereits ein zweites Instrument bestellt.

„In meiner Familie mache nur ich Musik, nur ich“, sagt Mussie stolz. Eine Musikschule hat er nie besucht. „In Eritrea lernt man ein Instrument nicht durch Unterricht oder Noten, sondern durch die Gemeinschaft. Man sitzt zusammen im Hof oder auf den Straßen und macht gemeinsam Musik. Die anderen klatschen dann dazu, und man schaut sich bei den Musikern ab, wie sie mit ihren Instrumenten umgehen. Ich habe es mir sozusagen selbst beigebracht.“ Mussie grinst und klimpert etwas verlegen auf den Saiten herum.

Untergebracht ist er in einem Flüchtlingsheim im Herzen von Hannover. Dort hat er ein kleines Zimmer für sich allein. Das ist gerade mal fünf Quadratmeter groß, aber mit dem Nötigsten ausgestattet. Über seinem Bett hängt ein Foto, das ihn mit einem Freund zeigt. Auf einem kleinen Regal stehen ein Wasserkocher, ein paar Gläser und Teebeutel, Kaffee und Zucker. Außer einem Bett hat Mussie einen kleinen Schrank und einen Fernseher. Er betrachtet das Foto. „Dieses Bild ist kurz vor meiner Flucht entstanden. Das ist ein sehr guter Freund von mir. Manchmal vermisse ich meine Freunde und die Familie. Aber das ist ja auch normal“, sagt er und lächelt wieder verlegen. „Nach der Schule wird man Soldat in Eritrea. Das wollte ich nicht, deshalb bin ich geflohen. Der Präsident ist ein Diktator. Wir haben keine Freiheiten, deswegen bin ich nach Europa gekommen.“

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Eine Flucht ist immer gefährlich. Mussie und seine beiden Freunde überquerten zu Fuß die Grenze nach Äthiopien. Das ist ein äußerst riskantes Unterfangen, denn die Grenzen werden vom Militär bewacht, das Gelände ist zum Teil vermint. Wer bei der Flucht aufgegriffen wird, kommt ins Gefängnis oder muss zur Armee. Mussie und seine Begleiter wussten nicht, wo die Grenzposten patrouillierten. „Das hat auch einfach mit Glück zu tun“, sagt er, und jetzt liegt etwas Ehrfürchtiges liegt in seiner Stimme.

In Äthiopien schliefen die drei jungen Männer in einem Flüchtlingslager nahe der Grenze. Von dort aus legten sie über mehrere Tage eine lange Strecke durch ein Waldgebiet zu Fuß zurück in eine kleine Stadt. Anschließend ging es in einem Auto weiter in eine andere Stadt, die ganz in der Nähe eines Übergangs in den Sudan liegt. Dort übernachteten sie in einem Hotel, vor dem sie eines Tages von der Polizei überrascht wurden. „Jemand muss gehört haben, dass wir nicht Amharisch miteinander gesprochen haben. Das ist die äthiopische Landessprache“, erzählt Mussie. „Daraufhin muss jemand die Polizei informiert haben.“ Mussie konnte sich als Einziger erfolgreich vor den Beamten verstecken, seine Freunde wurden in ein Flüchtlingslager gebracht, das viele Kilometer zurück auf dem Weg nach Eritrea lag. Von diesem Zeitpunkt an reiste Mussie ohne seine beiden Freunde weiter und war auf sich allein gestellt. Hin und wieder hatte er Kontakt zu ihnen und wusste, dass sie sich auf dem Weg hinter ihm befanden.

Etwa drei bis vier Wochen blieb Mussie in Äthiopien. Dann schloss er sich einer Gruppe anderer Flüchtlinge an, die auch auf dem Weg nach Europa waren. Mit etwa vierzehn Leuten überquerten sie zu Fuß die Grenze in den Sudan. Nachts schliefen sie einfach auf dem Boden. Einige machten etwas zu essen für die Flüchtlinge, die dort auf der Erde lagen, denn auf der Flucht helfen sich die Menschen gegenseitig. Etwa drei Wochen blieben sie gemeinsam im Sudan.

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Wir treffen Mussie im Flüchtlingsheim in Hannover. Besuch darf er empfangen. Am Eingang müssen wir uns jedoch von einem Pförtner registrieren lassen. „Bis 22 Uhr dürfen Sie maximal bleiben, dann ist Nachtruhe“, sagt er. Mussie erwartet uns schon. In einer ruhigen Ecke im Innenhof erzählt er uns von Eritrea. Und er hat auch seine selbstgebaute Krar mitgebracht, auf der er mit geschlossenen Augen so leidenschaftlich singt, dass man eine Gänsehaut bekommt. „,Meley‘ heißt das Lied“, sagt Mussie, als der letzte Ton verklungen ist. „Das ist mein Lieblingslied und stammt von einem eritreischen Musiker, der leider schon tot ist. Es handelt von einem jungen Mann, der sich in eine Frau verliebt und sie dann verlassen muss, weil er in ein fernes Land geht, um dort zu arbeiten.“

Aber Mussie kennt nicht nur eritreische Lieder. Begleitet von seiner Krar singt er uns „Bruder Jakob“ vor, auf Deutsch und sogar auf Tigrinya. „Willst du mal ausprobieren?“, fragt er mich und hält mir das Instrument hin. Ja, das will ich. Aber es ist gar nicht so leicht, die Krar auch nur festzuhalten. Man klemmt sie sich unter den Arm, aber die Hand muss locker bleiben, damit die Finger auf den Saiten beweglich sind. Für mich ist es schwer, auf der Krar etwas zu spielen. Mussie lacht.

Wir wollen wissen, ob es noch andere Musiker im Flüchtlingsheim gibt? „Nein, eigentlich nicht. Hier wohnt nur noch ein Sänger aus Afghanistan“, sagt Mussie. Und spielt Musik sonst eine Rolle im Alltag der Flüchtlinge, die hier im Heim leben? „Nein, sie sind mit anderen Sachen beschäftigt.“ Mussie hat ohnehin nicht viel Kontakt zu ihnen. Man kenne sich vom Sehen, sagt er, aber an sich habe man kaum etwas miteinander zu tun. Nur die wenigen anderen Eritreer aus dem Heim kenne er ganz gut. Mit denen koche er ab und zu zusammen, wie es in Eritrea üblich ist. Aber das ersetzt keine Familie. Diese Gemeinschaft fehle ihm, sagt er. In Eritrea ist Mussie mit sieben Geschwistern aufgewachsen, von denen zwei inzwischen in Israel leben.

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Seine ältere Schwester in Israel war es auch, die Mussie während der Flucht Geld zukommen ließ. Die Fahrten in überfüllten Autos oder auf einem Schiff lassen sich die Schlepper teuer bezahlen. Insgesamt habe die Flucht seine Schwester etwa 10.000 Dollar gekostet. „Ich weiß nicht, wo sie das hergenommen hat“, sagt Mussie verlegen. Seine Schwester informierte auch die Familie in Eritrea über seine Flucht und seine Aufenthaltsorte.

Eines Tages ging es für Mussie aus dem Sudan weiter, mit 22 anderen Menschen auf nur zwei Pick-ups, Richtung Libyen. Die Reise führte sie zwei Wochen durch die Sahara. Viele sterben in der Wüste aufgrund von Wassermangel. Für Frauen und Kinder ist die Flucht deshalb am schlimmsten; Kinder dehydrieren und sterben als erste. „Ich hatte nicht so viele Probleme in der Sahara. Das hat wirklich viel mit Glück zu tun.“ Das sagt Mussie immer wieder. Freunde von ihm haben diesen Weg nicht ganz geschafft. Sie seien auf der Flucht umgekommen, berichtet er.

Aber nicht nur wegen des Wassermangels ist die Flucht durch die Sahara gefährlich. Die Fahrer brausen durch die Wüste, ohne Rücksicht auf Verluste. „Einmal sind vier oder fünf Leute von unserem Auto runtergefallen. Einer davon war ein Eritreer. Er war fast tot. Wir haben ihn wieder auf das Auto geladen und haben uns um ihn gekümmert. Er schwebte zwischen Leben und Tod. Und er hat überlebt!“, ruft Mussie, als sei dies der Beweis für das Glück, das ihn und andere auf der Flucht begleitete. Während einer Übernachtung in einer Höhle in der Sahara wurde die Flüchtlingsgruppe ausgeraubt. „Sie haben mein ganzes Geld weggenommen“, sagt Mussie. Aus der Wüste wurden er und der Rest der Gruppe von libyschen Fahrzeugen abgeholt und nach Libyen gefahren. Die Überquerung der Grenze war auch hier gefährlich, weil dort viele Soldaten postiert sind. Aber sie erreichten eine Kleinstadt, um von dort aus, mit etwa 30 Leuten auf nur einem Wagen, weiter in die Hauptstadt Tripolis zu fahren. In Tripolis wollten sie ein Schiff nach Italien nehmen – nach Europa.
Zunächst wurden sie jedoch alle in ein Flüchtlingslager nahe der Stadt gebracht, wo sie mehrere Wochen warten mussten. Das war im Dezember 2013. „Kurze Zeit bevor wir auf das Schiff wollten, ist ein Boot auf dem Weg nach Italien mit etwa 300 Leuten untergegangen. Deshalb haben wir so lange auf die Überfahrt gewartet“, berichtet Mussie. Endlich, nach langem Aufenthalt in Tripolis, lag ein Schiff bereit, das ihn und etwa 260 andere Flüchtlinge nach Italien bringen sollte. 13 Stunden dauerte die Reise auf dem Meer, in einem kleinen Holzschiff. „Man sitzt ganz eng nebeneinander und hat überhaupt keinen Platz. Und dann hat uns das italienische Militär gesehen auf dem Wasser. Sie sind mit Booten zu uns herausgefahren und haben uns an Bord geholt.“

Europa war erreicht – die Ankunft in Lampedusa ein großes Glück. Von Italien aus konnte er zum ersten Mal persönlich Kontakt zu seiner Familie in Eritrea aufnehmen. „Wir haben von der Polizei einen Telefonkredit bekommen, und ich habe meine Mutter angerufen. Sie war so glücklich, als sie mich hörte.“ Nach einem mehrwöchigen Aufenthalt in Lampedusa ging der Weg mit dem Flugzeug weiter nach Rom, vier Tage später weiter nach Mailand. Dort erhielt Mussie überraschend einen Anruf von seinen beiden eritreischen Freunden, mit denen er sich damals auf die Flucht gemacht hatte. Sie waren bereits vor ihm in Europa angekommen. „Über Facebook haben wir uns wieder gefunden. Und als ich in Mailand war, haben sie mich angerufen. Meine Nummer hatten sie von meiner Mutter bekommen“, erzählt Mussie. „Einer von ihnen ist jetzt in Schweden und der andere in Holland.“

Mussie flog von Mailand aus auf direktem Wege weiter nach Frankfurt und weiter nach Hannover. Eigentlich habe er auch gerne nach Schweden gewollt, denn dort kenne er jemanden, der Musik macht, sagt Mussie. Die Polizei habe ihn ohne einen gültigen Ausweis jedoch nicht weiter gelassen.

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Manchmal telefoniert der junge Afrikaner mit seiner Familie in Eritrea. Sie fehle ihm sehr, sagt er und schaut zu Boden. „Es ist schwer, ohne Familie zu sein.“ Dennoch habe er auf der Flucht nicht eine einzige Sekunde lang daran gedacht, nach Eritrea zurückzukehren. „Ich gehe nie dahin zurück – nicht, solange der Diktator da ist.“ Auch seine Verwandten wird er erst dann wieder besuchen können, wenn nicht mehr Isayas Afewerki an der politischen Spitze des Landes steht und sich eine echte Demokratie etabliert hat. Derzeit müsste Mussie bei einer Rückkehr nach Eritrea mit politischer Verfolgung und Gefängnis rechnen. Er klopft sich auf die Brust und sagt: „Eritrea ist immer hier.“ Eines Tages kann die Familie vielleicht nachkommen.

Noch wartet Mussie auf seine Aufenthaltserlaubnis in Deutschland. Die Anhörung war bereits vor einem Jahr und drei Monaten. Er will er auf jeden Fall hierbleiben. Es sei so aufregend hier, und Hannover gefalle ihm gut, sagt er und seine Augen leuchten auf. „Ich hoffe, sie sagen ja!“

Später möchte Mussie Automechaniker werden, denn das hat er bereits neun Monate lang in Eritrea gelernt. Und die Musik und seine Krar werden ihn stets begleiten. Manchmal hat er zusammen mit Ermiyas Auftritte und spielt auf kleinen Festivals oder eritreischen Hochzeiten. Manchmal spielt er auch einfach nur für sich. Dann singt er von Eritrea – von seiner Heimat.

Miriam Stolzenwald / Desislava Markova

2017-11-29T16:51:38+00:00 Oktober 2015|Kategorien: Begegnung der Kulturen|