Plattenkritik (Ausgabe: Begegnung der Kulturen)

JIANG YI LIN
Masques
Solaris Records

Auf einem Instrument nicht nur etwas vorspielen, sondern auch eine Geschichte erzählen zu können ist eine besondere Herausforderung beim Musizieren. Dass Jiang Yi Lin mit dem Klavier etwas erzählen kann, beweist er auf sehr eindrückliche Weise mit seinem Debüt-Album „Masques“. Titelgebend für diese CD waren die drei Werke „Masques“, von Karol Szymanowski, Alexander Scriabin und Claude Debussy. Der deutsch-chinesische Pianist begibt sich mit dieser Auswahl auf die Suche nach Wahrheit im Leben, die durch Masken oftmals schwer zu ergründen ist. Zusätzlich stellt er Werke von Franz Schubert, Franz Liszt und Lü Wencheng vor.
Shéhérazade, der Narr Tantris und Don Juan, drei literarische Figuren, inspirierten Karol Szymanowski zu seiner Komposition „Masques“. Der erst 27-jährige Jiang Yi Lin erfüllt hier nicht nur die virtuosen Ansprüche des Werkes mit scheinbarer Leichtigkeit, sondern schafft es vor allem, mit dem Klavier die Figuren zum Leben zu erwecken. Tantris, den Narren, hört man förmlich herumspringen und -schleichen. Der Schalk und der neckische Charakter des Narren erscheinen einem im Geiste, bei Yi Lins Interpretation. In einem unüberschaubaren Wust aus Akkorden in der „Sérénade de Don Juan“ gibt es stets eine erzählende Melodiestimme. In der Tat klingt es wie eine sprechende Stimme, die sich manchmal in kaum aushaltbarer Spannung überschlägt und dann wieder flüstert und leise kichert. Dies verleiht der doch nicht ganz leicht verständlichen Musik eine erstaunliche Klarheit und Transparenz.
Das höchst anspruchsvolle Werk Franz Liszts „Après une lecture de Dante: Fantasia quasi Sonata“ erfordert Ausdauer, nicht nur für den Spieler. Jedes kleine Detail dieser Komposition arbeitet Yi Lin genau heraus, macht es für den Zuhörer erfahrbar. Dennoch verliert er sich nicht in Kleinigkeiten, sondern spannt einen großen Bogen, der das Werk plausibel macht.
Nur die Drei Klavierstücke D. 946 von Franz Schubert scheinen noch nicht gänzlich durch die Interpretation des Pianisten „demaskiert“ worden zu sein. Im Gegensatz zu den anderen Werken klingen sie gedeckt und zurückhaltend, ja fast geheimnisvoll.
Abschließend spielt Jiang Yi Lin ein Arrangement von Chen Peixun über ein Werk der chinesischen Literatur von Lü Wencheng. „Herbstmond über dem ruhigen See“ heißt es, und wie eingangs bei Szymanowski lässt Yi Lin auch hier das Klavier zum lautmalerischen Erzähler werden – das Wasser des Sees, das die Füße umspielt, ist beinahe tatsächlich spürbar.
Insgesamt fügen sich alle Werke auf der CD, obwohl aus ganz verschiedenen Stilepochen, zu einem sinnvollen Ganzen. Yi Lin beweist damit große Vielfalt und Reife in der Interpretation der Stücke. Eine gelungene Debüt-CD!
Miriam Stolzenwald

 

13 YEAR CICADA
13 Year Cicada EP
Kein Label

Alle 13 Jahre kommt es in großen Teilen der westlichen USA zu einem „big event“. Ohne irgendeine Vorwarnung treten plötzlich in riesigen Mengen Magicicada auf, eine Gattung der Singzikaden. Diese Tiere entwickeln sich 13 Jahre im Boden, ehe sie alle nahezu gleichzeitig schlüpfen – nur um sich innerhalb von wenigen Wochen zu verwandeln, zu paaren, Eier zu legen und daraufhin zu sterben, sollten sie nicht vorher schon gefressen worden sein.
Das Quartett 13 Year Cicada um Sängerin Zooey Agro, das sich aus Musikern aus Hannover, Leipzig und Berlin zusammensetzt, wirkt auf seiner im Februar erschienenen Debüt -EP ähnlich konzipiert wie der Entwicklungsprozess dieser eigenwilligen Tierart. Irgendwo an den Grenzen zwischen Experimental, Jazz und Elektronik, spiegelt sich in jedem Schlag, Effekt und Ton die Entwicklung dieser Tierart wider. Der Opener „Teeth“ , zunächst allerdings noch gar nicht bissig, steigert sich im Verlauf zu einem kakophonischen Feuerwerk an Hall und Geräuschen, ehe ein sanftes Glockenspiel das nächste Stück „Vertigo“ ankündigt. Die Herangehensweise ist auch dort ähnlich: Ein langer Aufbau, das Überleben im Untergrund, ehe es zu einem kurzen und heftigen Ansturm kommt. „Pillow Ghosts“ schließt die EP ab, es ist das wohl eingängigste Stück der Gruppe – auch wenn man den Begriff der Eingängigkeit nicht zu eng sehen darf.
Mit ihrer ersten EP ist 13 Year Cicada ein starkes Debüt gelungen. Drei spannende Tracks, die die langwierige Entwicklung der Namensgeber darstellen, ohne sich zu sehr an Konventionen und Regeln zu halten. „Easy Listening“, wie die jeweiligen MP3s als Genre getaggt sind, ist es sicherlich nicht. Aber wer gerne auch beim zehnten Mal noch Neues entdeckt, dem sei diese EP ans Herz gelegt.
Mehr davon: www.13yearcicada.org
Michael Stork

 

MARIUS TILLY BAND
Come Together
MIG Music

„Come Together“ ist bereits das zweite Album der hannoverschen Band um Frontmann Marius Tilly, die sich mit Leib und Seele dem Blues Rock verschrieben haben und als Referenzen so illustre Namen wie Jimi Hendrix, Led Zeppelin und Joe Bonamassa fallen lassen. Diesem Klassiker-Anspruch wird die Platte nicht ganz gerecht – muss sie aber auch überhaupt nicht! Denn das Trio bietet in den elf Songs der Scheibe groovigen, modernen und melodischen Blues Rock, der Sehnsucht nach den vergangenen heißen Hochsommertagen weckt. Die druckvolle Produktion aus den Horus-Studios in Hannover rundet das Ganze gekonnt ab, macht es allerdings auch zu einer relativ sauberen Angelegenheit. Ein bisschen dreckiger und ungezügelter dürfte es ab und an schon zugehen, um Assoziationen mit oben genannten Bands aufkommen zu lassen. Fans des modernen Blues Rock à la The Black Keys oder Black Stone Cherry kommen da schon eher auf ihre Kosten. So ist „Come Together“ insgesamt definitiv ein Ohr wert! Wer die Marius Tilly Band live erleben will, kann dies am 20. November tun, da spielen sie mit Oh Mothership aus Schweden in Minchens Live Club in Hannover.

Mehr davon: www.mariustillyband.com
Philipp Strunk

 

RAUSCHENBERGER
Wir sind alle
Kein Label

„Weder zu verkopft noch pessimistisch“, so beschreibt die hannoversche Band Rauschenberger selbst ihre Musik. Das dritte Album, „Wir sind alle“, ist Anfang September erschienen. Rauschenberger, das sind vier Männer in den Dreißigern: Sänger und Namensgeber Daniel Rauschenberger, Gitarrist Lars Ehrhardt, Schlagzeuger Timon Schempp und Bassist Christoph Dubbel. Kennengelernt haben sie sich in Hamburg, im Popkurs an der Hochschule für Musik und Theater, und jetzt haben sie in Hannover ihre Zelte aufgeschlagen.
Was für Musik machen die vier? Grob gesagt: Es geht in die Singer-Songwriter-Richtung. Auf ihrem neuen Album verarbeiten sie persönliche Erlebnisse bzw. erzählen sie Geschichten, die den meisten Mitt-Zwanzigern, Mitt-Dreißigern bekannt vorkommen: Erste Schritte, kleine Siege, Kämpfe, wieder Aufrappeln, wenn man am Boden liegt, neue Wege einschlagen. Liebe und berufliche Selbstverwirklichung zwischen Planen und Laufen lassen. „Da muss doch noch mehr sein als oben zu treiben | Ich werd’ es berichten vom Grund des Meers“, so beschreiben es Rauschenberger in einem der Songs – das Verlangen, das Leben richtig zu spüren, komplett einzutauchen. Das Lied beginnt mit einem durchdringenden Schlagzeug-Beat, eine Klavier-Begleitung kommt hinzu und die weiche, angenehme Stimme des Sängers und Texters Daniel. Einzelne Trompeten-Rufe erklingen, zusammen mit der Stimme von Daniel, „vom Grund des Meers“. Ziemlich abrupt enden schließlich Instrumente und Gesang.
Die Instrumentalmusik der elf Songs ist unaufdringlich, im Vordergrund stehen die Texte. „Wir sind alle“ ist die musikalische Begleitung zu einem milden Herbsttag: Die Sonne scheint fast noch mal so warm wie im Juli, trotz der Vorahnung von grauen, kalten Wintertagen. Ja, das Leben hat seine täglichen Auf und Abs, aber eigentlich kann uns nichts passieren, hier im warmen Sonnenschein.

Mehr davon: www.rauschenberger-musik.de
Christiane Müller

2017-11-29T16:50:09+00:00 Oktober 2015|Kategorien: Begegnung der Kulturen|