Poor But Fancy

Die neue Generation Popmusik in Südafrika will provozieren und schockieren

„Le laid y existe à côté du beau, le difforme près du gracieux, le grotesque au revers du sublime, le mal avec le bien, l’ombre avec la lumière.“
Victor Hugo, Le grotesque et le sublime

„I think you’re freaky and I like you a lot“ – rappt die südafrikanische Künstlerin Yolandi Visser mit kindlicher und kreischender Stimme. Im Video wird sie entweder in einer dreckigen Badewanne, gefüllt mit schwarzem Wasser, gezeigt oder in einem Bett voller Ratten. Zu krassen Techno-eats tanzt halbnackt ein Rapper aus Johannesburg. Es ist Ninja, der Partner von Yolandi in der Band „Die Antwoord“. Mit ihren blassen Gesichtern und ihren blonden Haaren sehen die beiden Performer auf keinen Fall wie „typische Afrikaner“ aus. Sie veranschaulichen aber die Realität in ihrer Heimat auf außergewöhnliche und aufrichtige Weise.

Ihre Videos wirken wie Horror-Siencefiction: Dreck, tote Tiere, Blut, behinderte Kinder, Schlangen – nichts, woran unsere Augen gewöhnt sind. Diese Bilder werden mit Techno, Rave und mit alternativem Hip-Hop kombiniert und in Afrikaans, Xhosa und Englisch performt. Unheimlich und gruselig. Und absolut verrückt.

Den beiden Künstlern geht es nicht einfach darum, die hässliche Realität zu zeigen, sondern die Realität grotesk zu verstellen, die Hässlichkeit als Kult zu betreiben und die unrealistischen Schönheitsideale unserer Zeit auf ihre Weise zu kritisieren. Es geht darum, die Ironie auf eine höhere Ebene zu heben, sie zu ironisieren. Schließlich denkt man: Passiert das jetzt wirklich? Kann es noch mehr „freaky“ werden?

Die südafrikanische Kulturbewegung „Zef“, die die Kunst von „Die Antwoord“ stark prägt, will mit ihrer Kritik an sozialer Ungleichheit provozieren. „It’s associated with people who soup their cars up and rock gold and shit. Zef is, you’re poor but you’re fancy. You’re poor but you’re sexy, you’ve got style“, so ein im Internet verbreitetes Zitat von Yolandi. Hinter dieser Philosophie steht die Vorstellung, dass soziale Ungleichheit zwar immer existieren wird, man kann aber über die menschliche auch Gier lachen, sich dem System einfach verweigern und seine eigene Kunst machen.

„Die Antwoord“ gibt uns keine klare Antwort, was gut und was schlecht ist, stellt aber alle gesellschaftlichen Werte und Prinzipien in Frage. Die Band enttabuisiert Themen wie Gewalt, Rassismus, soziale Diskriminierung und Transsexualität. Ihr Ziel ist nicht zu zeigen, wie die Grenzen fallen. Sie tun einfach so, als ob die Grenzen nie existiert hätten.

Provozieren ist das Schlüsselwort der neuen Generation Popmusik – eine Musik, die bunt, futuristisch, kritisch und sogar schockierend ist. Pop, der zu geistiger Freiheit und zu Aufklärung provozieren will.

Desislava Markova

2017-11-29T16:49:11+00:00 Oktober 2015|Kategorien: Begegnung der Kulturen|