Schmetterlinge im Regen

Flüchtlinge und Hannoveraner lernen einander bei Musik und Tanz kennen

Desinteresse der heimischen Bevölkerung, Ausgrenzung, Pöbeleien und Übergriffe – so erleben Flüchtlinge, die in Deutschland Schutz und ein menschenwürdiges Dasein suchen, allzu oft den Alltag. Aber es geht auch ganz anders. An diesem Nachmittag stellen Flüchtlinge aus den Wohnheimen der Lamm- und Rumannstraße den Hannoveranern ihre Heimatländer vor. Organisiert hat die Begegnung der Nachbarschaftskreis für Flüchtlinge Region Mitte. Die neuen Hannoveraner haben zusammen leckeres Essen vorbereitet und traditionelle Musik, Tänze und Gesang ausgewählt – pakistanische und syrische Lieder, Gospel, indische Tänze, afrikanisches Trommeln oder Popmusik aus Eritrea.

Es ist ein verregneter Samstagnachmittag – einer von diesen Nachmittagen, an denen man nur in dringlichen Fällen das Haus verlässt. Regen wird in vielen Kulturen der Welt nicht als „schlechtes Wetter“ verstanden, sondern als Geschenk des Himmels. In der äthiopischen Tradition zum Beispiel wird er als Gnade erlebt, und statt sich vor dem Regen zu verstecken, tanzen die Menschen im Regen, singen und machen Musik. Als ich an den Zelten am Weißekreuzplatz vorbeilaufe, wünsche ich mir, dass man in Europa mehr im Regen tanzt und sich mehr über Regen freuen kann.

Kurz vor 14 Uhr ziehe ich meine Regenjacke im Pavillon aus und bin genauso aufgeregt wie die anderen Besucher. Der Raum, in dem die Veranstaltung stattfindet, ist ziemlich groß, aber gemütlich. Alles ist sorgfältig vorbereitet: das Büfett mit dem Essen und Trinken; der Stand für Spenden; die „Fotoshooting Station“; die Kinderschmink-Ecke. Für diejenigen, die an Geografie interessiert sind, hängen von den Flüchtlingen selbst gemalte Karten von Syrien, Sudan, Eritrea und Pakistan an der Wand. Der Geruch würzigen und pikanten arabischen Essens vermischt sich mit dem Duft von Kaffee und leckerem Kuchen. Die Schülerband Wednesnight, die das Fest eröffnet, bereitet die Bühne vor und probt ein letztes Mal.

Der Nachbarschaftskreis für Flüchtlinge Region Mitte ist Teil des Unterstützungskreises der Flüchtlingsunterkünfte e.V. in Hannover und hat das Fest initiiert. Ziel dieser Organisationen ist es, die Flüchtlinge in Hannover bei einem erfolgreichen Start in der Stadt zu begleiten – durch persönliche Gespräche, soziale Hilfe, Spendenaktionen, Deutschunterricht und Veranstaltungen zum Kennenlernen, wie heute. „Die Kooperation zwischen den Nachbarschaftskreisen und das Einbinden der Bürgerinnen und Bürger in unsere Initiativen verläuft nicht immer reibungslos. Unsere Aufgabe ist es, Partnerschaften zwischen den unterschiedlichen Bezirken für Flüchtlinge zu bilden und die bereits bestehende Zusammenarbeit zu verstärken“, so Bezirksbürgermeister Michael Sandow. Trotz aller Schwierigkeiten ist er froh, dass die Veranstaltung stattfindet.

BEGEGNUNG DREIER KONTINENTE

Es erklingt melodische syrische Musik, der Saal ist jetzt voll. Ein paar Kinder sitzen auf dem Boden und essen Kuchen. Alle sind herzlich miteinander, und in der Luft liegt Freude: Menschen unterschiedlicher Kulturen begegnen einander und versuchen, sich gegenseitig zu verstehen und zu akzeptieren.

Eine Stunde ist unmerklich vergangen, als ich Abudi aus Syrien und Mara und Selim aus dem Sudan kennenlerne (Namen von der Redaktion geändert). Abudi ist 25 und vor zwei Jahren wegen einer schweren Kriegsverletzung nach Hannover gekommen. Mara ist 10 und das strahlendste Kind, das ich in meinem Leben getroffen habe. Beide sind sehr beschäftigt und konzentriert: Sie versuchen ein Puzzle zusammenzusetzen, die Karte Europas.

Die Geschichte von Selim ist dramatisch: Er ist wegen des Krieges aus dem Sudan geflohen. In Bulgarien wurde er ins Gefängnis geworfen, schlecht behandelt und geschlagen. Glücklicherweise konnte er fliehen und ist somit einer von ca. 250 bulgarischen Flüchtlingen pro Monat, die das Land verlassen und sich auf den Weg nach Deutschland machen. Trotz des schwierigen Themas fangen wir spontan an über Musik zu reden. Er gibt mir Musiktipps und verrät mir seinen Lieblingsmusiker: Schorabil Ahmed – Sudans King of Jazz. Wunderbare Musik! Erst später erfahre ich, dass Selim selbst Musiker ist und in Hannover eine Band gegründet hat.

DER TRAUM EINES SCHMETTERLINGS

Um 16 Uhr ist die Zeit für das gemeinsame Trommeln gekommen. Eine Spezialistin für westafrikanische und brasilianische Musik und Kultur zeigt die unterschiedlichen Trommeln und erklärt ausführlich, welches Instrument aus welcher Kultur stammt. Was ist wichtig für erfolgreiches Trommeln? Man muss sitzen bleiben und das Instrument zwischen beiden Beinen festhalten; der rechte Fuß bleibt vor der Trommel und der linke hinter ihr, so die Instruktion. Sehr wichtig: Das Instrument muss man ein bisschen nach vorne beugen, um unten Raum für den Klang zu schaffen – so wirkt das Trommeln kräftiger und authentischer. Um verschiedene Klangtiefen und -stärken zu bekommen, kann man unterschiedliche Schlagtechniken mit den Händen benutzen. Zehn Menschen sitzen im Halbkreis und warten ungeduldig auf das Zeichen der Trommelspezialistin. Wir haben eine Aufgabe bekommen, nämlich unseren Rhythmus einem Satz anzupassen: „Kein Mensch ist illegal, Bleiberecht überall!“ Wer kein Instrument in den Händen hat, schreit den Satz einfach mit.

Dann bekommt jeder Trommler die Möglichkeit zu einem kleinen eigenen Solo. Mara macht sich Sorgen, ob sie das schafft. Sie sitzt genau neben mir und ist wunderschön geschminkt – wie ein Schmetterling. Eine halbe Stunde später sitze ich selbst auf dem Schminktisch, umkreist von fünf begeisterten Kindern mit Pinseln. Als Mara und ihr Bruder anfangen, auf meinem Gesicht zu malen, verspricht sie mir, dass ich der schönste Schmetterling in Hannover sein werde. „Ich stehe voll auf Hip-Hop und R&B”, erzählt sie stolz über ihren Musikgeschmack. Sie vertraut mir ihren Traum an, eines Tages selbst Kunst zu machen: „Ich habe eine tolle Stimme und will Sängerin werden.“

Es ist kurz nach 18 Uhr, das Fest ist zu Ende, und ich bin offensichtlich der hässlichste Schmetterling in Hannover (die Kinder nennen mich „das Monster“). Mir ist das aber relativ egal – ich habe die ganze Liebe und Aufmerksamkeit der Kinder bekommen. Das hat das Nachbarschaftsfest den Hannoveranern gegeben – gegenseitige Liebe und die Möglichkeit, mit den Flüchtlingen ins Gespräch zu kommen, ihre Lebenssituationen besser zu verstehen, mit ihnen zu fühlen, zu tanzen, zu singen, zu weinen und zu spielen.

Als ich aus dem Pavillon herauskomme, sind die Kinder schon draußen: Kleine Schmetterlinge tanzen im Regen.

Desislava Markova

2017-11-29T16:50:37+00:00 Oktober 2015|Kategorien: Begegnung der Kulturen|