“Authentisch”? Echt??

Jeder von uns ist schon mal über den Begriff „Authentizität“ im Zusammenhang mit Musik gestolpert. Sei es bei einem Konzert, wenn in einem Gespräch zwischen Besuchern ehrfürchtig die Worte „so authentisch“ fallen, oder in einer Plattenkritik. Aber was ist damit eigentlich gemeint? Was macht eine Künstlerin oder einen Künstler und deren Musik „authentisch“? Und kann performative Kunst, also zum Beispiel Musik, die auf einer Bühne vor Publikum inszeniert wird, überhaupt authentisch sein?

Der Begriff Authentizität stammt von dem griechischen Wort „authentikós“ ab, das aus zwei Teilen zusammengesetzt ist. Der erste, „autós“, bedeutet „selbst“ oder „eigen“. Während die genaue Bedeutung des zweiten Teils umstritten ist, kann das Kompositum mit „zum Urheber in Beziehung stehend“ gedeutet werden. Einige der im Duden vorgeschlagenen Synonyme für Authentizität sind „Glaubwürdigkeit“ und „Echtheit“. Auf Musik bezogen hat Authentizität also etwas damit zu tun, ob und wie sich Musiker selbst glaubwürdig darstellen. Allerdings gibt es hier Interpretationsspielraum. Jennifer O. Bickerdike, Autorin von „Fandom, Image and Authenticity“ wie auch Hugh Barker und Yuval Taylor („Faking It: The Quest for Authenticity in Popular Music“) schreiben in ihren Büchern, ob in der Popkultur etwas als authentisch empfunden werde, hänge oft davon ab, was das Publikum für unecht oder unauthentisch halte. Jeder von uns hat also eine individuelle Vorstellung von Authentizität, je nachdem, was für uns „Falschheit“ ausmacht.

Allerdings gibt es trotzdem Künstler, deren Authentizität in der Musikbranche weitgehend als unumstritten gilt. Wer mit Nirvanas MTV-Konzert „Unplugged in New York“ bekannt ist und vor Augen (oder Ohren) hat, wie Kurt Cobain Textzeilen wie „I got so high that I scratched ’til I bled“ (aus „On A Plain”) oder „I’m not like them, but I can pretend“ (aus „Dumb“) mit rauer Stimme an das Publikum richtet, würde diese Darbietung wahrscheinlich als authentisch bezeichnen. Es ist offensichtlich, dass sich viele seiner Lieder mit seiner Drogenabhängigkeit, seinen chronischen Gesundheitsproblemen und Depressionen beschäftigen, und diese Offenheit machte Cobain für viele Fans glaubwürdig. Er machte keinen Hehl aus seinen persönlichen Abgründen, was in das romantisierende Bild vom Künstler als missverstandene, gequälte Seele passt, die ihr Leiden durch Musik ausdrückt.

Empfundene Glaubwürdigkeit durch Transparenz und Inszenierung des aufgewühlten Privatlebens ist auch im Fall von Elliott Smith zu beobachten, der seine schweren Depressionen in seiner Musik thematisierte, bis er sich (vermutlich) selbst zweimal ins Herz stach und starb. Ein weiteres, noch lebendes Beispiel ist Daniel Johnston, dessen Musik stark von seiner Schizophrenie und bipolaren Psychose geprägt ist.

Cobain und Smith drückten durch ihre Musik Frustrationen, innere Kämpfe und Isolation aus, legten ihre Probleme und Gefühle für alle offen, in Texten, die extrem persönlich und ehrlich erscheinen. Man bekommt den Eindruck, dass sie ihre Textzeilen nicht nur fühlten, sondern auch tatsächlich lebten. Dieses Image und diese Inszenierung des Außenseiter-Seins findet sich nicht nur in den Pressefotos der beiden wieder, sondern wurde auch durch ihren tragischen Tod in das Gedächtnis der Hinterbliebenen – anderer Künstlerinnen und Künstler sowie Fans – gebrannt. Persönliche Probleme zu bekennen, die ihren traurigen Höhepunkt im Suizid finden – genau das ist es laut Bickerdike, was Künstler für Außenstehende als glaubwürdig und authentisch erscheinen lässt. Durch den Tod, besonders wenn er sie, wie in Cobains Fall, in den „Club 27“ befördert, wird bestimmten Künstlern sogar ewige Authentizität zugesprochen, selbst wenn die Realität zu Lebzeiten ganz anders aussah – so neigte Cobain durchaus dazu, seine persönlichen Geschichten auszuschmücken, und lebte im ständigen Zwiespalt zwischen seiner antikapitalistischen Haltung und seinem Wunsch nach Erfolg.

Für uns als Fans ist es einfach, Authentizität zu verlangen, zu fordern, dass Künstlerinnen und Künstler mehr als bloße Unterhalter sind und uns echte, ungefilterte Einblicke in ihr Leben gewähren. Durch das Tragen von T-Shirts mit den Namen gewisser Bands oder Künstler können wir an deren empfundener Glaubwürdigkeit ein klein wenig teilhaben und uns selbst als authentisch präsentieren. Allerdings haben diese Ansprüche von Fans einen problematischen Effekt: Um der Forderung nach Echtheit gerecht zu werden, kommt es durchaus vor, dass Künstler nur deshalb etwas darbieten, weil es den Vorstellungen der Fans entspricht und von ihnen als authentisch aufgefasst wird, aber dem wahren Selbst der Künstler überhaupt nicht entspricht. Oder dass eine Botschaft vom Künstler an das Publikum anders gemeint war, als sie verstanden wird, wodurch eine Art falsche Authentizität entsteht.

Da stellt sich die Frage, ist diese Suche nach authentischer Musik, authentischen Künstlerinnen und Künstlern je erfolgreich? Außerdem – wollen wir das wirklich? Wollen wir uns wirklich mit der lähmenden Gleichgültigkeit, den Suizidgedanken und dem Selbsthass auseinandersetzen, die psychische Krankheiten wie Depressionen mit sich bringen und die Cobain und Smith plagten? Oder gefällt uns nur die Idee der tragischen, bewusst unglamourösen Authentizität solcher Künstler?

Barker und Taylor sind sich einig, dass jede Performance in gewissem Maße „falsch“ ist, dass kein Auftritt je wirklich authentisch sein kann. Auch der Linguist Nikolas Coupland ist der Meinung, dass künstlerische Darbietungen unterschiedlich intensiv inszeniert und durchgeplant seien, ein kreativer Gestaltungsprozess, an den das Publikum unterschiedliche Erwartungen stellt. Oft sind sich Künstler dieser Erwartungen bewusst, und ihre Performance ist eine kalkulierte, also unauthentische Reaktion darauf, um dem Anspruch der Authentizität gerecht zu werden. Der Philosoph Jacob Golomb stellt so auch die grundsätzliche Frage, ob es überhaupt eine gute Idee sei, das Konzept der Authentizität, das ja ursprünglich Dinge wie Dokumente oder Kunstwerke als ungefälscht beschrieb, auf Menschen anzuwenden. Denn wer ist der Prototyp der Authentizität, und wie kann man diese wirklich messen? Und wer ist in einer Position, die Authentizität anderer zu bestimmen und bewerten?

Johanna Andres

Literatur zum Thema

Barker, H., & Taylor, Y. (2007). Faking It: The Quest for Authenticity in Popular Music. New York: W.W. Norton&Company.
Bickerdike, J. O. (2014). Fandom, Image and Authenticity. Basingstoke: Palgrave Macmillan.
Golomb, J. (1995). In Search of Authenticity: Existentialism from Kierkegaard to Camus. London: Routledge.
Lacoste, V., Leimgruber, J., & Breyer, T. (2014). Indexing authenticity: Sociolinguistic Perspectives. Berlin: De Gruyter.
Strong, C. (2011). Grunge: Music and Memory. Farnham: Ashgate Publishing.

2017-11-08T17:26:27+00:00 November 2017|Kategorien: Geld. Macht. Pop.|Tags: |