Einheitsbrei oder Allerlei?

Globalisierung kann die musikalische Vielfalt bedrohen, eröffnet aber auch neue Chancen

Polka in China, Jazz in Hannover und Tango Argentino in Finnland kommen Ihnen spanisch vor? Das Didgeridoo in der Fußgängerzone, die Blasmusik auf Kreta und exotische Beats auf dem Dancefloor klingen für Sie alltäglich? Manche sind begeistert, andere darüber traurig, dass scheinbar überall nur noch das Gleiche zu hören ist. Musikalische Globalisierung gibt es, seitdem es die Welt gibt. Doch was bewirkt sie und was macht sie mit den einzelnen Kulturen? Und warum scheint die westliche Musikkultur so übermächtig zu sein?

Wir leben in Europa, sind geboren in Mittelfranken und studieren in Hannover, hören Musik aus Amerika, tragen Kleidung oder nutzen Technik aus Asien und essen Reis aus Afrika, während wir mit Bekannten aus Australien telefonieren. Genau das ist sie, die Globalisierung in unserem Alltag. Nicht zwangsläufig macht sich heute jeder über ihren kulturellen Einfluss und die möglichen Folgen Gedanken. Doch hat die ständige Konfrontation mit ihr zumindest ein Bewusstsein für globale Zusammenhänge in jeglicher Form geschaffen.

Musik war schon immer eine Kunstform, die politische und sprachliche Barrieren überschreiten kann. Musik und musikalische Aufführungen kennen keine Grenzen. Sie sind der außergewöhnlichste Ausdruck von Menschlichkeit und Kreativität. Heute hat man online Zugriff auf Millionen Aufnahmen, von portugiesischem Fado bis Kehlkopfgesang aus der Mongolei. Der Zugang zu Musik und Kultur war noch nie so einfach wie heute.

Auf den ersten Blick (oder Klick) hört sich das zwar verlockend an. Auf den zweiten aber haben Wissenschaftler Angst vor einem „collapse in the diversity of musical minds“, vorm Niedergang der musikalischen Vielfalt, wie der Musikethnologe David Huron 2008 in einem Beitrag für das Wissenschaftsmagazin „Nature“ schrieb. Durch die medialen Begegnungen der verschiedenen musikalischen Stile und Ethnien drohten sämtliche kulturellen Eigenarten zu verwestlichen. Ganz unbegründet ist diese Befürchtung nicht.

„Nach etwa einer Stunde öffnete sich das Dickicht und gab den Blick frei […]. Endstation. Ein Bach mit braunem Wasser wand sich durch die Lichtung, an beiden Seiten standen palmenbedeckte Hütten […]. Bachabwärts fiel das Wasser von ein einem etwa zwei Meter hohen Felsen […]. Weit stärker als das Rauschen dieses Wasserfalls war die Musik, die aus einer Holzhütte weiter oben drang. Es war ein Rundbau mit offenem Dach, wie wir ihn in unseren Breiten von besetztem Gelände in Brokdorf oder Whyl kennen. Aber diese Musik rührte nicht von Urwaldtrommeln her, wie ich sie im Museum gesehen hatte, nicht von den Bambusflöten, wie sie auf den Covern der Folklore-Platten abgebildet sind, nicht von der Charanga, die ich in Buenos Aires und in Rio gehört hatte. Die Musik kam aus wattstarken Boxen, wahrscheinlich japanischen Ursprungs: alles Lieder, die ich samt der Reihenfolge aus der Hitliste eines Berliner Nachkriegsradiosenders kannte. Irgendwo in der Nähe musste die Stelle sein, die mir ein Amazonaskenner beschrieben hatte, jener Hain im Urwald, wo unzählige wilde Affen in den Bäumen sitzen und einen endzeitlichen, nie gehörten Schrei ausbrechen […].“

Dieser Reisebericht des Berliner Schriftstellers Peter Schneider brachte Hurons Angst schon vor knapp 40 Jahren auf den Punkt. Schneider schrieb seinen Essay „Die Botschaft des Pferdekopfs“ 1980, nachdem er auf Einladung des Goethe-Instituts eine Busfahrt quer durch den Urwald an den Amazonas, 5000 Kilometer von Rio De Janeiro entfernt, unternommen hatte. Es ging ihm um sein „Entsetzen darüber, dass sich die Mythen der westlichen Zivilisation in aller Welt mit der Gewalt einer Naturkatastrophe durchgesetzt haben“, wie es auf dem Klappentext seines Buches heißt. Heute beeinflusst eine einzige musikalische Kultur – die des Westens – alle anderen. Doch woran liegt das? Warum „verurwaldet“ denn zum Beispiel nicht umgekehrt die westliche Musik?

Für den schwedischen Musikwissenschaftler Krister Malm liegt die Ursache im Dezember 1877, als Thomas A. Edison das Patent seines Phonographen anmeldete und damit die Musikindustrie in den USA begründete. Wegen der restriktiven Patente auf Aufnahme- und Wiedergabegeräte war die Musikindustrie von Anfang an nur auf wenige Firmen dort konzentriert. Diese hatten ein Problem: Wer Abspielgeräte verkaufen wollte, benötigte auch Musik dazu, um die Geräte bei Käufern überhaupt attraktiv zu machen. Schnell lernte man aber, dass es keine Art von Musik gab, die sich an verschiedene ethnische Gruppen sowie in allen Ländern und allen sozialen Schichten gleichermaßen gut verkaufte. Gesandten aus den USA gelang es indessen, in der ganzen Welt einen Boom an heimischen Musikaufnahmen auszulösen. Diese Klänge internationaler Kulturen wurden nachträglich „verwestlicht“ und waren in den USA bald ziemlich „in“. Denn das Angebot an Aufnahmen und Abspielgeräten orientierte sich natürlich an der Nachfrage des damals größten Marktes, und so wurden zunächst nur in den USA nur dort populäre Arten von Musik vertrieben.

Hundert Jahre später, als sich um 1970 die Kassette etablierte, änderte sich das. Mit ihr war man nicht mehr an ein teures stationäres Abspielgerät gebunden, sondern konnte an günstigen mobilen batteriebetriebenen Rekordern Musik hören und damit sogar Musik aus dem Radio aufnehmen. Dies ermöglichte eine Verbreitung der westlichen Musik bis in die entlegensten Winkel unseres Planeten, teilweise sogar noch, bevor dort fließendes Wasser oder Straßen zu finden waren. Auf Raubkopien waren nun zum Beispiel die Beatles wirklich in aller Welt zu hören.

Auch in Deutschland verbrachte mehr als eine ganze Generation ihre Freizeit vor Kassettenrekorder und Radiogerät, um auf ihren Lieblings-ABBA-Song zu warten und dann den roten Aufnahmeknopf zu drücken. So entstanden Abertausende von Aufnahmen zum „immer-wieder-und-überall-abspielen“. Hier ebenso wie in Südamerika, Asien und Afrika. Eine Generation wuchs weltweit das erste Mal in der Geschichte mit der gleichen Musik auf, geprägt von ähnlichen Instrumenten. Experten wie Huron können heute nachweisen, dass sich dadurch einheimische Musiken, zum Beispiel von einem Volksstamm im Amazonas-Gebiet, verändern und sich dem westlichen Dur- und Mollsystem immer weiter annähern.

Dann klingt also künftig alles wirklich nur noch Einheitsbrei? Der hannoversche Musikethnologe Raimund Vogels ist da vorsichtig. Der Zugang zu Musik und Kultur war ja noch nie so leicht wie heute. Und gerade darin sieht Vogels auch eine Chance: Heute könne sich jeder Mensch auch musikalisch viel mehr als früher selbst bestimmen und kreativ sein, betont er. Überall entstünden neue Zugangswege zu Musik und neue musikalische Ausdrucksformen. Dass ein so flüchtiges Medium wie Musik sich wandelt und Wandel auch von Verlust begleitet sein kann, ist für den Musikethnologen selbstverständlich.

Musik verändert sich eben täglich. Genauso wie wir selbst und unsere Welt.

Roland Kolb

2017-11-08T20:49:07+00:00 November 2017|Kategorien: Geld. Macht. Pop.|