“Manchmal denke ich, was mache ich hier?”

Alberto Navalón, 26, ist vor vier Jahren aus der spanischen Kleinstadt Albacete nach Deutschland gekommen. Die Jugendarbeitslosigkeit liegt in seinem Heimatland noch immer bei 38,6% (Statista), und laut Deutschlandfunk sind 90% der neu abgeschlossenen Arbeitsverhältnisse befristet – manche sogar für nur ein paar Tage und Wochen. Alberto hatte zwar Arbeit in seinem Wohnort, aber eine langfristige Perspektive gab es für ihn dort nicht.

Er hat in Spanien eine Ausbildung zum Industriemechatroniker gemacht und dann durch ein Projekt der IHK ein dreimonatiges Praktikum in Hannover angeboten bekommen. Alberto hatte Lust ein neues Land kennenzulernen und nahm das Angebot an. Danach konnte er ein weiteres Jahr hier bleiben, seine Ausbildung wurde anerkannt, und mittlerweile arbeitet er als Elektroniker für eine Firma, die Kunststoff und Gummi für Reifen herstellt.

In einem Mehrfamilienhaus mit nur spanischen Bewohnern am Rande Hannovers wohnt Alberto jetzt. In seiner Straße leben viele Spanier, die in Hannover eine neue Perspektive bekommen haben. In seinem kleinen Wohnzimmer erkennt man auf den ersten Blick seine Leidenschaft für Rockmusik. An der Wand hängen Poster von den Ramones und Bruce Springsteen. Auf dem Fernseher läuft eine Spotify-Playlist, und ein Plattenspieler steht gleich daneben. Seine E-Gitarre lehnt an einem Regal, in dem er seine kleine Schallplattensammlung aufbewahrt. Eine akustische Gitarre hängt an der Wand.

Alberto hat sich inzwischen ein Zuhause eingerichtet. Anfangs fühlte er sich in Hannover aber gar nicht heimisch, und vieles war schwierig. „Das Problem damals war die Sprache. Ich konnte kein Deutsch. Bei dem Praktikum habe ich gar nichts verstanden“, erzählt er. „Dann habe ich auf Englisch gesprochen, aber das war auch ein Problem. Ich hatte nicht viel Kontakt zu Deutschen, nur zu Spaniern“, sagt Alberto. Eine Begegnung aber hat ihn damals beeindruckt: Das war, als er Ursula von der Leyen traf. Sie hat sich das Projekt der IHK angeschaut, als sie noch Ministerin für Arbeit und Soziales war. Alberto erzählt stolz, wie er auf dem Pressefoto neben ihr stand.

Inzwischen kommt er gut zurecht mit den Deutschen und der Sprache. Auch die Klischees, die er aus seiner Heimat kannte, haben sich nicht bestätigt. „Die Spanier denken, alle Deutschen sind ein bisschen kalt. Wir denken, die Deutschen wollen nur arbeiten, alles muss perfekt sein, und sie haben keinen Spaß. Das ist in Wirklichkeit nicht so. Bei der Arbeit habe ich viele Kollegen, die viele Späße machen“, berichtet er.

Er ist zufrieden, obwohl er als Leiharbeiter nicht so viel verdient wie seine Kollegen. „Dieses Mal habe ich Glück gehabt, weil ich das Geld von der Zeitarbeitsfirma bekomme, und dann bekomme ich ein Plusgeld von der Firma. Dann kriegst du nicht das Gleiche wie die anderen, aber fast“, erzählt er. „Ich habe Glück gehabt“, wiederholt Alberto. „In meiner Stadt Albacete ist es als Mechatroniker schwer einen Job zu finden. Und wenn du eine Arbeit bekommst, ist sie sicherlich schlechter als hier. Ich habe zwar auch die Möglichkeit nach Madrid zu gehen oder Barcelona oder in eine andere große Stadt, aber das will ich nicht.“

In den Jahren, die er hier ist, hat er sich gut eingelebt. Einzig wenn es Winter ist und schon früh dunkel wird, fühlt er sich ab und zu niedergeschlagen „Manchmal denke ich, was mache ich hier? Das macht mich ein bisschen traurig. Aber das Land gefällt mir.“ Die anderen Spanier in seiner Straße geben ihm dann ein Stück Zuhause. „Es ist immer gut, wenn du nach Hause kommst, und dann sind da Spanier, es ist ein bisschen Heimat.“ Trotzdem würde er gerne noch mehr andere junge Deutsche kennenlernen.

Wenn ihm solche Gedanken kommen, ist es gut, dass er zur Gitarre greifen kann. „Ich spiele, wenn ich traurig bin, oder auch, wenn ich glücklich bin. Eine halbe Stunde, und dann geht es mir besser“, erzählt er. Seit dem Alter von 15 Jahren macht er Musik. Am liebsten improvisiert er einfach mit seiner E-Gitarre.

Sonst hört er auch gerne einfach Rock- und Blues-Musik. Auch deutsche Rockmusik würde er gern noch mehr hören. Momentan kennt er vor allem Die Toten Hosen und Rammstein. Die Suche nach guten Bands ist aber gar nicht so einfach. „Ich glaube, da muss man immer einen Deutschen fragen. Aber einfach im Internet gucken – da bekomme ich nicht, das, was ich suche.“ Und was für spanische Musik sollten sich Deutsche mal anhören? „Eine Rockband, die mir sehr gefällt, ist Extremoduro. Sie sind sehr bekannt in Spanien.“ In Deutschland war er einmal auf einem Konzert der Band Los Suaves aus seiner Heimat. „Das war super. Sie spielen seit zwanzig, dreißig Jahren, und als sie ein Konzert in Berlin gaben, sind mein Bruder und ich sofort hingefahren“, erinnert er sich.

Mit der Musikszene in Hannover ist er sehr zufrieden. „Ich komme aus einer kleinen Stadt in Spanien. Da gibt es gar nichts. Da ist Hannover für mich sehr gut. Hier ist fast jeden Tag was los. Klar, es ist nicht Berlin oder Hamburg, da findest du viel mehr.“ Nächsten Monat kommt sein Bruder aus Spanien wieder zu Besuch, und sie gehen wieder auf ein Konzert, diesmal zu Guns n’ Roses in der TUI-Arena.

Alberto zeigt mir seine Schallplatten, vor allem Rock- und Bluesmusik, aber auch ein bisschen Klassik ist dabei. Ungefähr dreißig Stück hat er schon gesammelt. Meistens schreibt er in die Hülle, wo und wann er sie gekauft hat. Die letzte LP hat er von einem Flohmarkt im Pavillon – Black Rose von Thin Lizzy. Manchmal geht er auch in Linden in einen Laden, die ein paar Platten im Sortiment haben. Ein paar alte Exemplare hat er auch von einem deutschen Nachbarn geschenkt bekommen. „Ich dachte, das ist supernett von ihm. Und dann hat er mir eine Platte von den Puhdys gegeben“, erzählt er. „Das ist eine komische Band, aber ich dachte, das war ein super Geschenk.“ Ein Jahr später hat der Nachbar dann aber den wirklichen Grund für sein Geschenk verraten. „Er hat mir gesagt, das seien Platten, die er nicht mehr haben wollte. ‚Ich hasse diese Musik‘, hat er gesagt“, erzählt Alberto und lacht.

Am nächsten Tag treffe ich ihn und einige seiner spanischen Freunde auf dem Lister-Meile-Fest. Er steht natürlich vor der Bühne, auf der gerade eine Coverband Rockklassiker spielt. Alberto meint nur glücklich: „Es gibt so viele Coverbands hier, und die sind alle so gut. So etwas gibt es bei mir zu Hause nicht.“ Scheint so, als könnte es er ganz gut aushalten in Hannover, trotz des Wetters. Jetzt fehlt eigentlich nur noch eine Band, die einen Gitarristen sucht.

Inga Schönfeldt

2017-11-08T20:14:19+00:00 November 2017|Kategorien: Geld. Macht. Pop.|Tags: |