Möge die Macht (nicht) mit ihm sein

Dirigenten können Musiker erheblich unter Druck setzen – aber auch notwendige Autorität und Verantwortung beweisen

Ein klassisches Konzert beginnt und endet immer gleich. Das Orchester kommt auf die Bühne und stimmt nach. Dann herrscht erwartungsvolle Stille. Sobald der Dirigent den Saal betritt, brandet Applaus auf. Er schreitet in die Mitte der Bühne, und das Orchester erhebt sich. Ein letzter Blick ins Publikum, dann dreht er sich um und hebt den Taktstock. Von nun an sind seine Emotionen und die Konzentration in seiner Mimik den Konzertbesuchern verborgen. Schließlich ertönt der Schlussakkord, und der Dirigent ist der Erste, der sich unter dem frenetischen Beifall verbeugt. Danach bedeutet er den Musikern aufzustehen. Erst nach seiner Geste erheben sie sich.

Vergegenwärtigt man sich diesen immer wiederkehrenden Ablauf eines Konzerts, dann begreift man, warum der Dirigent so unnahbar wirkt und sogar als Inbegriff der Macht wahrgenommen wird. Der Schriftsteller Elias Canetti schrieb 1960 in seinem Buch Masse und Macht: „Es gibt keinen anschaulicheren Ausdruck der Macht als die Tätigkeit des Dirigenten.“ Wenn man beobachte, wie er mit Menschen umgehe, ließen sich alle Aspekte der Macht erkennen. Aber wie viel Macht hat der Dirigent wirklich? Ist das Bild des fast schon absolutistischen Herrschers über das Orchester vielleicht verzerrt?

Zahlreiche Anekdoten belegen das Bild des Befehlshabers, der seine Macht über die Musiker auskostet. Der Italiener Arturo Toscanini war zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein Vertreter dieser Art, der in den Proben die Musiker anschrie, Taktstöcke aus Wut zerbrach und in Jähzorn über kleinste Fehler ausbrechen konnte. Heimliche Tonmitschnitte aus den Proben belegen, dass er regelmäßig ausrastete. George Szell arbeitete ähnlich und war „ein wirklicher Diktator im Umgang mit Menschen, der sagen konnte ‚Du am 3. Pult, du musst nicht mehr kommen‘. Damit waren Karrieren mitunter einfach beendet, weil die Musiker damals keinerlei arbeitsrechtlichen Schutz hatten“, erzählt Martin Brauß, Professor für Dirigieren an der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover (HMTMH).

Diese Beispiele stammen aber auch aus einer anderen Zeit. „Die Menschen und Prioritäten und der Benimm waren anders. Vor hundert Jahren war man mitunter sehr kurz angebunden, egal ob als Unternehmer, General oder Dirigent. ‚Machen Sie das‘, hieß es dann einfach. Das latent Militärische, das Hierarchische war normal in der Gesellschaft“, so Professor Brauß.

Professor Brauß ist überzeugt, dass es so eine Machtdemonstration und Bloßstellung von Musikern heute nicht mehr gibt. Pultweise vorspielen zu lassen, um so die Musiker bei Fehlern bloßzustellen zu können, komme schon aus rechtlichen Gründen heutzutage nicht mehr vor. Der Orchestervorstand würde sich einfach weigern.

Stephan Eichmann spielt seit Jahren im Philharmonischen Orchester Kiel und hat schon einige Dirigenten erlebt. Zum Beispiel einen Generalmusikdirektor, der einen beleidigenden Tonfall anschlagen und auch auf einzelnen Musikern „genüsslich herumtrampeln“ konnte, erzählt der Geiger. Während einer Probe habe er es einmal auf die Hornisten abgesehen gehabt. „Der Dirigent kam völlig sauer rein, hat nach ein paar Takten gleich abgebrochen und die Hörner zurechtgewiesen, in einem rüden, völlig primitiven Ton: ‚Hörner, was blast ihr denn für einen Mist, darüber lacht doch heute kein Schwein mehr!‘ Man wusste dann gar nicht, ob man jetzt lachen sollte, oder ob das ernst ist“, berichtet Stephan Eichmann. Dann sei noch einmal ein Einzelner bloßgestellt worden. „Wir hatten einen ganz jungen und sensiblen Japaner als Aushilfshornisten. Der Dirigent hat nochmal spielen lassen und wieder abgebrochen und dann mit dem Finger auf den Hornisten gezeigt und gesagt ‚Ey Suzuki, blas mal deine Stelle‘.“

Solch ein Dirigent sei aber unter denen, die er erlebt habe, die Ausnahme gewesen, so Eichmann. Das Verhalten dieses Generalmusikdirektors lag vielleicht auch an der eigenen Erziehung, denn sein Vater war selbst General von Beruf.

Macht wird heute aber noch viel hinter der Bühne eingesetzt, und sie geht dann nicht nur von den Dirigenten aus. Paul Weigold, ebenfalls Professor für Dirigieren an der HMTMH, berichtet: „Wenn ein Opernchef Personalentscheidungen trifft und sagen muss ‚Der Sänger, das geht leider nicht, der muss raus‘, dann geht es manchmal schon sehr hart zu.“
Auch Stephan Eichmann berichtet von solch einer Machtdemonstration in personeller Hinsicht. Der GMD, der so gegen die Hornisten vorgegangen war, habe sich später selbst als Gastdirigent in einer anderen Stadt nicht anders verhalten. „Er hat sich über einen Menschen in dem dort ansässigen Chor so geärgert und ihn so schlechtgemacht, bis der seine Stelle verloren hat.“

Die Chance, seine Position für die eigenen Zwecke auszunutzen, ist theoretisch zumindest sehr groß. Denn die Dirigenten haben auch die Macht neue Orchestermitglieder unter Druck zu setzen. „Wenn ein Dirigent weiß, dass jemand im Probejahr ist und es da um seine Existenz geht, dann kann er einen Musiker innerhalb kürzester Zeit fertigmachen. Aber das sollte natürlich nicht der Fall sein“, erzählt Paul Weigold.

Machtgeile und egozentrische Persönlichkeiten sind als Dirigenten generell fehl am Platz – darüber sind sich beide Professoren einig. „Orchestermusiker sind oft bitter enttäuscht, von den Persönlichkeiten, die am Pult doch auch ganz starke egozentrische oder selbstherrliche Typen sein können. Die dann ihre Macht missbrauchen zur Selbstdarstellung statt zur Musikdarstellung“, erklärt Martin Brauß. Paul Weigold ergänzt: „Letztendlich setzt der Beruf eine gewisse Demut und Bescheidenheit voraus, weil es eben nicht um einen selber gehen soll, sondern um die Musik.“ Herbert von Karajan sei zwar kein Diktator wie Toscanini gewesen, habe seine Macht aber zur eigenen Darstellung ausgekostet. In den Tonstudio-Aufnahmen der Beethoven-Symphonien mit den Berliner Philharmonikern habe er die Musiker „wirklich so wie eine Armee aufgestellt. Er hat sich dann inszeniert, mit schwarzem Rolli steht er die ganze Zeit im Bild, und er ist der Star. Die anderen sind schon zu Marionetten degradiert“, erzählt Weigold.

Musiker können sich aber auch wehren und das Machtverhältnis umdrehen. Martin Brauß beschreibt, wie das dann aussieht. „Getuschel, verletzende Bemerkungen. Kindegartenatmosphäre im Sinne von Unruhe, Reden, Gelese in Zeitschriften. Das ist der Horrorgedanke für einen Dirigenten.“ Er ergänzt: „Orchester sind dabei manchmal Wolfsrudel. Wenn sie sehen, dass da ein Leitwolf ist, fügen sie sich. Und sie reagieren manchmal wirklich wie ein Kollektiv und nicht wie ein Ensemble einzelner Menschen“, so Brauß. Einerseits muss ein Dirigent somit eine Führungspersönlichkeit sein, andererseits darf er nicht zu autoritär im Umgang auftreten.

Das Kieler Orchester reagiert vergleichsweise zurückhaltend, wenn ein Gastdirigent kommt, der seine Macht ausspielen will. „Wenn wirklich mal ein Querulant da vorne steht, dann versucht man sich so wenig wie möglich aufzulehnen, und jeder denkt sich seinen Teil. Das Orchester ist dann ganz besonders diszipliniert und in den Proben superruhig“, so Eichmann. Allerdings können auch die Kieler Musiker irgendwann die Geduld verlieren: „Wenn dann von vorn trotzdem noch getreten wird, dann kann das Orchester den Hebel umschalten und auch mal fies werden. Wenn das Orchester sich einig ist, dann ist der da vorn auf einmal ganz allein.“

Kein Wunder, dass sich besonders junge Dirigenten auch machtlos und unsicher fühlen können, wenn sie sich das erste Mal vor ein fremdes Orchester stellen. „Ich stehe einer Wand von 80 Leuten gegenüber und soll dann sagen ‚So machen wir das jetzt‘. Ich bin dann keineswegs der Boss, und die Untergebenen fürchten sich. In der Regel ist es, vor allem bei jungen Dirigenten, umgekehrt. Sie haben eher einen Bammel“, sagt Martin Brauß.

Spüren dann langjährig tätige Dirigenten mehr Macht, wenn sie vor dem Orchester stehen? „Ich habe überhaupt keine Machtgefühle beim Dirigieren“, so Brauß. Er unterscheidet allerdings zwei Arten von Macht: die Macht als etwas Diktatorisches und Bestimmendes, die Canetti beschreibt und die Szell und Toscanini missbraucht haben. Und die philosophische „Macht“ als das Gestalterische, als ein „Gefühl des Machens und Aufgehens in der eigenen Tätigkeit“ – über diese Art von Macht verfügten Dirigenten durchaus. „Sie wäre dann die Fähigkeit, eine Atmosphäre und eine Situation zu kreieren, in der Musik entsteht“, erklärt er.

Die Frage, wie viel Macht der Dirigent wirklich hat, muss also differenziert gesehen werden. Wenn es um die künstlerische Interpretation geht, hat der Dirigent nach wie vor die Oberhand. Flache Hierarchien und Mitsprache, wie sie in der Wirtschaft propagiert werden, gibt es im Orchesterspiel so nicht. Machtmissbrauch, die Bloßstellung von Musikern und die Möglichkeit Karrieren zu beenden, sind aber längst nicht mehr üblich. Durch Drohungen und Angst wird heute kein Musiker mehr zu Höchstleistungen angespornt. Paul Weigold erklärt: „Ich würde es eher Autorität und Verantwortung nennen, was der Dirigent hat. Man versucht in einem Miteinander gute Ergebnisse erzielen. Gegenseitiger Respekt und Vertrauen sind ebenso wichtig.“

Inga Schönfeldt

2017-11-08T17:36:57+00:00 November 2017|Kategorien: Geld. Macht. Pop.|