“No Future!” war gestern

Wenn Überzeugung zum Trend wird, erliegen auch Punker dem Mainstream. Viele. Aber nicht alle.

There’s no future for you!“ Was die Sex Pistols einst in ihrem Song „God Save The Queen“ sangen, wurde in den späten 1970er Jahren zum Slogan der englischen Punkbewegung, die kurze Zeit später auch Deutschland erreichte und mit voller Wucht gegen das Establishment prallte. Rebellische Haltung und provokatives Aussehen als Zeichen der Auflehnung gegen die bürgerliche Gesellschaft und den allgemein angestrebten Kommerz. Bunt gefärbte Haare, Irokesenschnitt, zerrissene und mit Nieten bestückte Kleidung gehörten schnell zum typischen Erscheinungsbild der Punks. Doch was ist davon heute noch übrig?

Der genaue Zeitpunkt des Ursprungs von Punk-Rock lässt sich nicht belegen. In der New Yorker Szene erscheint er seit den späten sechziger Jahren. Dagegen findet Punk in Großbritannien erst in der Mitte der siebziger Jahre Erwähnung. Der Begriff „Punk“ beschreibt sowohl einen Musikstil als auch eine gesellschaftliche Bewegung. Am Anfang stand böse aggressive Musik, geboren in einem sozial schwachen Umfeld, in dem Arbeitslosigkeit und fehlende Perspektiven für die Zukunft eine große Wut auf die bestehenden Ungerechtigkeiten und Ungleichheiten in der Gesellschaft hervorriefen. Aufgrund der Perspektiv- und Orientierungslosigkeit wurde die damalige Generation gerne als „No-Future-Generation“ tituliert. Punk war eine greifbare Möglichkeit, diesen Unmut über die aktuelle wirtschaftliche, politische und soziale Situation auszudrücken.

Klaus Abelmann, heute Pressesprecher der Region Hannover, gehörte damals der hannoverschen Punkszene an und bestätigt dieses Phänomen. Und doch hat ihm gerade der Punk auch einen Weg in die Zukunft aufgezeigt. „Punk hat mich dahin geführt, wo ich heute bin, obwohl das sicherlich keine Behörde war. Aber er hat mir klar den Berufsweg gewiesen. Punk war ja auch ,Do It Yourself‘. Wer konnte, hat ein Instrument gespielt. Wenn man, wie ich, völlig unmusikalisch war, hat man sich eben zum Chefredakteur erklärt und ein Fanzine gegründet. Ich gehörte der schreibenden Zunft an, der organisierenden Zunft. Ich tat also, was ich in meinem Rahmen machen konnte, um Punk voranzubringen. Das war in diesem Fall das Schreiben und Plakatieren“, erzählt er.

„Gegen den Mainstream“, lautete die Devise der Punks. Doch was verbirgt sich hinter diesem abstrakten Begriff eigentlich? Stützt man sich auf die wortgenaue Übersetzung, bedeutet „Mainstream“ so viel wie „Hauptstrom“. Der Duden führt für den Begriff die Definition „vorherrschende gesellschaftspolitische oder kulturelle Richtung“, die den Geschmack der meisten Menschen in der Gesellschaft anspricht, auf. Der meisten. Aber nicht der Punks. Sie wehrten sich gegen diesen Massengeschmack. „Es war eine Art von Abgrenzung in einer bestimmten Jugendkultur. Die hatte man für sich. Man hatte seine eigene Sprache, seine eigene Symbolik, seine eigene Musik, seine eigenen Klamotten, und man konnte sich richtig schön abheben. Von den Spießern sowieso, aber auch vom Rest der gutbürgerlichen Gesellschaft“, so Jens Dreiser, Musikjournalist aus Hannover.

Doch die Zeiten ändern sich. Im Lauf der Jahre ist Punk in vielen Bereichen kommerzieller geworden. Den Höhepunkt der Kommerzialisierung erreichte er um die Jahrtausendwende, als Überzeugung nach und nach zum Modetrend verkümmerte. Seither können Band-T-Shirts bei Billigmodeketten, wie H&M, Primark oder New Yorker, für einen Zehner gekauft werden. Dazu noch ein Nietengürtel und andere passende Accessoires. Es ist „in“, neu gekaufte Kleidungsstücke zu zerschneiden und sie alt und abgenutzt erscheinen zu lassen. Der nach Profit strebenden Gesellschaft kommt dieser Trend mehr als gelegen. Die Modeketten verdienen sich eine goldene Nase, indem sie die Logos der Rolling Stones, der Ramones oder der Sex Pistols in ihren Filialen vermarkten.

Viele Punks laufen heutzutage mit eben diesen Logos und der Aufschrift ihrer Idole herum. Idole sind etwas ganz Neues in der Punkszene. Denn dadurch, dass ihre Anhänger heute den Lehren anderer folgen, geht ein großes Stück der ursprünglichen Individualität verloren. „Der Großteil des Nachwuchses sieht Punk als Modetrend und nicht als Lebenseinstellung“, so Jens Dreiser. „Ich kann mir auch gut vorstellen, dass diese Jugendlichen denken, sie seien Punk, aber dabei Kleidercodes, Merkmale oder Symbole verwenden und einfach für sich übernehmen, die andere sich in den 70ern aus einer bestimmten Haltung, aus einem bestimmten Zeitgeist und aus einer gesellschaftlichen und einer politischen Situation heraus ausgedacht haben“, ergänzt er.

Die ersten Punks hatten es bei Weitem nicht so einfach wie die Punks in der heutigen Zeit. In den Siebzigern musste man sich das Punksein noch „erarbeiten“. Dies setzte eigenen Antrieb und eigene Ideen voraus, egal ob es um die Garderobe, die Frisur, die Art der Musik oder das Auftreten in der Öffentlichkeit ging. Es gab noch keine Vorgaben für offensichtliche Accessoires, die einen der Szene zugehörig erscheinen ließen. „Man konnte nicht kurz im Internet googlen und ,Was ist Punk?‘ in die Suchzeile eingeben“, erinnert sich Klaus Abelmann. „Es gab auch keine Fachzeitungen und Musikzeitschriften, die sich dieses Phänomens annahmen. Man war also ziemlich alleine und musste auf die Straße gehen und nach anderen Ausschau halten. So trieb man sich herum und schaute, ob jemand ,Punk lebt‘ auf die Hauswände geschmiert hatte. Irgendwann traf man den Zweiten, den Dritten und den Vierten. Man traf sich und erkannte sich.“

Aber was ist aus der „No-Future-Generation“ geworden? Wer ist die treibende Macht, die den Punk und die Rebellion aufsaugt und massenkompatibel macht? Neben der Bekleidungsindustrie leistet wohl die Musikindustrie einen entscheidenden Beitrag zur Kommerzialisierung der Punkmusik. Sie lässt einen Großteil der einstigen Punk-Bands zu hochglanzpolierten Radiohelden mutieren, da sich mit einer eingängigen Melodie und einem Text, der sich unmittelbar bei den Konsumenten einprägt, mehr Geld verdienen lässt. Mal ehrlich: Ist das noch Punk was die Toten Hosen da machen? Oder ist das schon kommerzieller Radio-Pop? Ihre Songs sind längst deutsches Liedgut. Dabei starteten die Hosen vor 35 Jahren als dilettantische Punkcombo ihre Karriere. Von dem Punk-Sound der Ramones und der Sex Pistols sind sie meilenweit entfernt.

Immer und immer wieder werden deshalb Stimmen laut, Punk sei tot. Punk sei bereits vor vielen Jahren gestorben. Viele der Bands haben die damaligen Ideale anscheinend wirklich vergessen. So bringen alte Urpunks „Best-Of“-Alben heraus oder kündigen große Comeback-Touren an. Andere hingegen, die sich bis heute gehalten haben, verschmelzen mehr und mehr mit dem Mainstream. Diese Rechnung geht finanziell nämlich gut auf. Zumindest musikalisch gesehen bröckelt bei vielen allmählich die Fassade.

Es stimmt – die Merkmale der Punkmusik haben sich im Lauf der Jahre stetig weiterentwickelt. Die Musik wurde professioneller und deutlich melodiöser. Aber muss man Punk deshalb gleich für tot erklären? Nein, muss man nicht. Ein Beispiel dafür, dass das „Punksein“ durchaus auch mit radiotauglichen Rock-Songs funktioniert, sind Green Day aus Oakland, Kalifornien. Sie gehören auch heute noch zu den erfolgreichsten Punk-Bands aller Zeiten. Hört man sich die Alben der vergangenen fünf Jahre an, findet man zwar die eine oder andere Ballade. „Das ist ja so gar nicht Punk“, werden sicher viele sagen. Musikalisch gesehen vielleicht nicht mehr so wie Anfang der neunziger Jahre, als Green Day das Punk-Revival begonnen haben. In den Texten hingegen bleibt die Grundidee von Punk, nämlich die Rebellion und Provokation, immer noch erhalten. Green Day verwenden melodischen Rock gezielt, um der heutigen Generation sozialkritische und nachdenkliche Texte in die Ohren zu drücken und auf politische und gesellschaftliche Unruhen und Missstände aufmerksam zu machen.

Und das funktioniert. Auch über einen kommerziellen Radiosender.

Lara Sagen

2017-11-09T15:18:11+00:00 November 2017|Kategorien: Geld. Macht. Pop.|