“Ohne Marketing geht es eben nicht!”

Gitarrist Jannek Zechner hat es mit unternehmerischen Fähigkeiten nach oben geschafft

In Zeiten einer digital vernetzen Welt wird es auch für Musiker immer wichtiger, den eigenen „Entrepreneur“ in sich zu entdecken und an Kompetenzen wie Selbstvermarktung, Onlinekommunikation und Fundraising intensiv zu arbeiten. Einer, der diese Kompetenzen fast so gut beherrscht wie sein Instrument, ist Jannek Zechner. Er ist im niedersächsischen Oldenburg aufgewachsen und hat am renommierten „Berklee College of Music“ in Boston studiert. Wie er die Bedeutung unternehmerischer Fähigkeiten für Musiker einschätzt, erzählt er dem „Saitensprung“.

Saitensprung: Jannek, wann stand für dich fest, dass du Musik studieren willst?
Jannek Zechner: Um ehrlich zu sein, schon extrem früh. Ich habe mit 12 angefangen Gitarre zu spielen, und spätestens mit 13 war mir klar, dass ich Musik studieren will. Ich hatte sogar einen Plan B: Management. Ich fand CEOs und Crisis Manager extrem interessant. Wenn ich kein Musiker geworden wäre, würde ich heute bestimmt im Management oder Consulting arbeiten.

Und warum dann direkt der Weg in die Vereinigten Staaten? Es gibt ja auch in Deutschland und Europa gute Adressen.
Ich habe in Deutschland und England nach Universitäten geschaut, aber das war für mich noch nicht die passende Antwort. Für mich war Internationalität und kulturelle Vielfalt ein zentrales Kriterium. Auf das Berklee College of Music kam ich eher durch Zufall, war vom Konzept aber total begeistert. Berklee ist nicht nur das weltweit beste Institut für Contemporary Music, sondern bot mir mit einem Anteil von internationalen Studierenden von weit über 30 Prozent eben die Kreativität und kulturelle Fülle, nach der ich gesucht hatte. Die musikalische Vielfalt reicht von indischem Raga über türkische Opern, koreanischen Pop hin zu Lady Gaga und dem brasilianischen Songwriter Guinga. Weiter arbeiten die Dozenten und Professoren mit Beyoncé zusammen, nahmen unzählige Songs für Prince auf und sind Berater für Aerosmith. Das Netzwerk ist einzigartig.

War für dich von Anfang an klar, dass es neben der musikalischen Qualität auch noch andere Faktoren gibt, die eventuell im Beruf wichtig sind?
Auf jeden Fall. Ich habe Menschen immer schon gern begeistert. Ein großer Vorteil war, dass ich mir relativ früh in meiner Karriere einen Manager zugelegt habe. Ein guter Manager ist ein Berater, der dir beibringt, wann du mal den Mund halten musst und wann es okay ist, „auf die Kacke zu hauen“. Als ich mit seinen Tipps mein erstes Benefizkonzert erfolgreich auf die Beine stellte, wurde mir klar, dass Netzwerken in vielen Fällen mindestens genauso wichtig ist wie die Musik selbst. Du machst Musik für andere Leute. Alles andere ist eine selbstverliebte Denkweise, die dir keinen Erfolg bringen wird. Du möchtest, dass deine Musik die Menschen auch erreicht. Wenn du es also nicht schaffst, einen guten Kontakt mit ihnen aufzunehmen, hast du verloren.

Du hast bereits vor deinem Studium in den USA kräftig die Werbetrommel für dein Vorhaben gerührt. Wie sah das genau aus, und welche Maßnahmen waren dabei für dich besonders rentabel?
Ich habe das Spendenprojekt „Familie für ein Jahr“ auf die Beine gestellt. Dies war ein Spendenprojekt, das von mehreren Oldenburger Firmen und vor allem dem „Theater Laboratorium Oldenburg“ unterstützt wurde. Das Prinzip war Crowdfunding. Ich gab auf Spendenbasis an die 60 kleine Konzerte in allen Ecken Oldenburgs. Dort habe ich dem Publikum kurz von mir, meiner bisherigen Geschichte und meinem großen Vorhaben erzählt und natürlich Musik gemacht. Im Theater selbst haben die Darsteller nach jeder Aufführung kurz auf mein Spendenprojekt hingewiesen, und als die Zuschauer aus dem Saal liefen, spielte ich im Foyer, sodass sie ein Glas Wein bei Live-Musik trinken konnten. Gerade vor und nach größeren Auftritten oder Aktionen hab ich immer darauf geachtet, dass darüber geredet wird. Natürlich bin ich in den sozialen Medien sehr aktiv und habe meine eigene Website. Man darf aber nicht nur an eine Altergruppe denken. Der gute Kontakt zur „Nordwest-Zeitung“ und zu diversen Stadtmagazinen, die dann immer wieder über mich berichtet haben, hat mir sicher geholfen. Wichtig ist, dass du dabei ehrlich bleibst. Mein Marketing basierte darauf, jedem klar zu machen, dass ich ein relativ unbeschriebenes Blatt bin, dass aber jeder, der sich engagiert, ein Teil des Buches werden kann und dass ich mir den „Arsch abarbeiten“ werde, um jedes Kapitel mit einem Erfolg zu beenden. Du darfst dabei nicht vergessen, dass Fehler auch Erfolge sind.

Ein Studium in den Vereinigten Staaten ist sehr teuer. Wie hast du dich neben dem Studium finanziert?
Ich konnte durch meine Fundraising-Aktivitäten wirklich eine Menge einnehmen, das hätte ich niemals für möglich gehalten. Aber für das komplette Studium hat es natürlich nicht gereicht. Und außerhalb meiner Universität durfte ich als ausländischer Student leider nicht arbeiten. Ich habe neben großer Unterstützung durch meine Eltern dann aber einen guten Job an meiner Universität bekommen und mir so etwas dazuverdienen können.

Du hast immer wieder wichtige und auch berühmte Persönlichkeiten getroffen. Gehört dieses Netzwerken ebenso zu den Fähigkeiten, die es über die Musik hinaus braucht?
Ja und nein. Berühmte Persönlichkeiten sind auch nur Menschen. Wenn man zu sehr die Marketing-Schiene fährt, merken die es sofort und sind sofort extrem desinteressiert. Wichtig ist hier, was ich den „hang factor“ nenne: Sei entspannt und du selbst, sei freundlich und drehe nicht völlig am Rad, wenn Lemmy auf einmal neben dir am Essenstisch sitzt. Kein Musiker wird mit dir spielen wollen, wenn du kein entspannter Typ bist, keine Geduld hast oder rumstresst. Der „hang factor“ ist einfach das Wichtigste, das wirst du von fast allen etablierten Musikern hören.

Glaubst du, dass Musiker ohne unternehmerisches Denken heute überhaupt noch eine Chance haben, wahrgenommen zu werden?
Popularmusik: nein, Klassik: ja, Jazz: haha yah right. Marketing ist deine einzige Chance nachhaltig in der heutigen Popwelt wahrgenommen zu werden. Das Publikum ist extrem wählerisch und wechselhaft. Du musst alles geben, um eine Verbindung mit den Menschen aufzunehmen. Wenn Musiker nicht erkennen, dass Musik ein Business ist, wird es wirklich ganz schwer. Miles Davis beispielsweise war ein unglaublich pfiffiger Geschäftsmann und hat auch vom Marketing sehr viel verstanden – wenn er nicht gerade auf Heroin war.

Hast du eine Art Faustregel oder eine kleine Rangliste der wichtigsten unternehmerischen Fähigkeiten?
Für mich und meine Karriere war Authentizität das Wichtigste, da sich die Nähe zu den Menschen, die mich unterstützt haben, als zentraler Aspekt herausgestellt hat. Was mir bei vielen meiner Mitmusiker immer wieder aufstößt, ist das ständige Reden darüber, was für tolle Sachen in der nächsten Zeit geplant sind. Es interessiert aber wirklich keinen, was du als nächstes machst – entscheidend ist, was du gerade machst. In diesem Business ändern sich deine Pläne sowieso schneller, als du sie machen kannst. Wie oft habe ich miterlebt, dass jemand zu einer Album-Release-Party einlädt und den Termin dreimal verschieben muss, da der Produzent das Album zu spät zum Mixer geschickt hat, dieser dann die Verspätung in Richtung des Mastering Engineers weitergibt und im Presswerk dann auch noch etwas schief läuft. Das sind wirklich Dinge, die sich mit gutem Zeitmanagement verhindern lassen. Andrerseits kann der Verkauf deiner Platte schon mal um 10 Prozent geringer ausfallen, weil die Leute genervt von den eben beschriebenen Ausreden sind.

Du hast es geschafft und arbeitest bei Human Worldwide, einer der weltweit führenden Musikproduktionsfirmen. Was wäre passiert, wenn du dein „Entrepreneurship“ nicht so konsequent in deinen musikalischen Werdegang integriert hättest?
Ich hätte bestimmt mehr geübt und wäre Jazzer geworden (lacht). Ganz ehrlich, ich weiß es nicht. Das kann ich schwer sagen, da ich, seitdem ich meinen Weg als Musiker eingeschlagen habe, nie über Alternativen nachgedacht habe. Dinge klappen eh nie so, wie du sie dir vorstellst. Ich hatte zum Glück die nötige Kreativität und das Durchhaltevermögen; das sind für mich die Grundlagen des Erfolgs.

Das Gespräch führte Jonas Traut

2017-11-08T20:46:52+00:00 November 2017|Kategorien: Geld. Macht. Pop.|