Schluss mit umsonst?

Spotify passt seine Nutzungsmodelle für Musikstreaming an.

Spotify bietet bisher zwei unterschiedliche Nutzungsmodelle an: ein kostenloses Streamingangebot mit Werbespots zwischen den Songs („Freemium“) und einen Premium-Account für knapp 10 Euro monatlich – ohne Werbeunterbrechungen.
In einer Presseerklärung zur Zusammenarbeit mit der Universal Music Group erwähnte Spotify im Frühjahr in einem Nebensatz, dass es diese Modelle nun verändern will. Wer sich weiter für das kostenlose Angebot entscheidet, kann auf neue Alben erst zwei Wochen nach dem Erscheinungsdatum zugreifen. Premiumnutzer haben hingegen sofort vollen Zugriff. Was es mit diesem Schritt auf sich hat, auf welche weiteren Maßnahmen sich Nutzer des Freemium-Accounts noch einstellen dürfen und welche Auswirkungen das auf Musikschaffende hat, erklärt Peter Tschmuck, Professor am Institut für Kulturmanagement der Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien, im Gespräch mit dem „Saitensprung“.

Saitensprung: Durch einen neuausgehandelten Vertrag mit Universal Music hat sich Spotify entschieden, neue Alben im kostenlosen Streamingmodell erst zwei Wochen nach Release-Datum zu veröffentlichen. Will man so dem Hörer das Premiumangebot schmackhafter machen, oder was steckt genau hinter diesem Schritt?
Tschmuck: Spotify musste dem Druck der Majors nachgeben, um das Freemium-Modell weniger attraktiv zu machen, damit mehr Nutzer ins Premium-Abo wechseln. Im Gegenzug sind die Majors Spotify bei den Lizenzbedingungen entgegengekommen.

Werden weitere Maßnahmen folgen, die die Unterschiede beider Nutzungsmodelle noch offensichtlicher werden lassen, oder schwebt Spotify am Ende gar das Aus des kostenlosen Musikstreamings vor?
Spotify selbst möchte natürlich am Freemium-Modell festhalten. Aber die Majors sitzen am längeren Hebel. Sie können nicht nur über die Lizenzbedingungen Druck auf Spotify ausüben, sondern sind zudem Miteigentümer am Unternehmen. Sollte der für dieses Jahr geplante Börsengang von Spotify nicht erfolgreich sein, dann ist das wohl das Aus für das Freemium-Modell.

Was genau kommt mit einem Börsengang auf Spotify zu, und wie sind dabei die aktuellen Änderungen im Vertrag mit Universal zu bewerten?
Spotify muss 2017 einen immer teurer werdenden Kredit tilgen und braucht dazu frisches Kapital. Sollte der Börsengang scheitern, dann schlittert Spotify bei weiter gestiegenen Verlusten – 2016 waren es 600 Millionen Euro – in eine finanzielle Krise. Allerdings wird Spotify keine echte IPO (also eine erste, öffentliche Ausgabe von Wertpapieren) riskieren, sondern lediglich seine Aktien an der New Yorker Börse registrieren, damit es nicht von den Investoren für die schlechte wirtschaftliche Bilanz abgestraft wird.

Bisher war Spotify (neben Amazon, Deezer, Apple oder Google Music) einer der wenigen Anbieter eines kostenlosen Streamingangebots. Gehen dadurch nicht eine Art Alleinstellungsmerkmal und auch Nutzer verloren? Viele Hörer kommen ja aus einer Generation, in der für Musik nicht unbedingt bezahlt wurde.
Das Freemium-Modell hat Spotify zweifellos gewaltigen Zuwächse beschert, und es ist auch gelungen, viele der Gratis-Nutzer ins Premium-Abo zu ziehen. Sollten nun auch die letzten verbliebenen Freemium-Anbieter ihr Gratismodell einstellen, dann werden zahlungsunwillige Nutzer sich wieder vermehrt unlizenzierten und somit unautorisierten Angeboten zuwenden.

Welche direkten Auswirkungen hat dieser neuausgehandelte Vertrag auf Musikschaffende?
Auf die Musikschaffenden hat der neue Vertrag wohl kaum Auswirkungen, weil sie ihre Tantiemen aufgrund der Verträge mit den Majors erhalten.

Ist der schlechte Ruf von Spotify, den Künstlern zu wenig zu zahlen, also nicht gerechtfertigt? Sollten die Abgaben an die Künstler erhöht werden, oder spielen dort andere Faktoren eine Rolle?
Analysen zeigen, dass Spotify zu jenen Streaminganbietern zählt, die am wenigsten pro Stream an die Musikschaffenden ausschütten. Aber Spotify ist kein direkter Vertragspartner der Künstler und ist daher auch nicht direkt für die Auszahlungen verantwortlich zu machen. Das muss schon auf der Vertragsebene mit den Labels und Verlagen geregelt werden.

Einige Künstler, z.B. Taylor Swift oder Element of Crime, sind ja bewusst nicht auf Spotify dabei. Wie ist diese Entscheidung einzuordnen?
Da Musikstreaming für die Superstars (noch) eine zu vernachlässigende Einnahmenquelle darstellt, können Taylor Swift & Co. öffentlichkeitswirksam Spotify boykottieren. Dieser Boykott kann daher auch als Marketing-Gag interpretiert werden, um Aufmerksamkeit zu generieren.

Das Gespräch führte Jonas Traut

2017-11-09T15:18:02+00:00 November 2017|Kategorien: Geld. Macht. Pop.|