Plattenkritik (Ausgabe: Heimat)

Diese Seiten sind Hannovers lebendiger und vielseitiger Musikszene gewidmet. In jeder Ausgabe stellen wir aktuelle und spannende Veröffentlichungen von Bands und Künstlern aus der Region vor. Stilistische Grenzen setzen wir uns dabei nicht – ob Rock, Hiphop oder Klassik. Unser Credo lautet: Ehrlich loben und konstruktiv kritisieren.

QUADRO NUEVO & NDR POPS ORCHESTRA
END OF THE RAINBOW
Label: GLM

Ihre Musik ist eine Reise – oft ist sie ganz langsam und getragen, bei nur allmählichem Klangwandel. Manchmal ist sie auch beschwingt mit pointiertem Tango-Rhythmus. Das Quartett Quadro Nuevo ist stilistisch schwer einzuordnen, was absolut für sie spricht. Zusammen mit dem NDR Pops Orchestra schaffen sie eine Mischung aus meditativer Weltmusik und temperamentvollem Tanzgefühl, gespickt mit improvisatorischen Jazz-Elementen. Harfe, Saxofon, Bandoneon und Bass der vier Musiker legen sich über den breiten Klangteppich des renommierten Orchesters und treten oft auch mit ihm in einen Dialog. Ein schönes Beispiel dafür ist der Beitrag „Aventure“. Komponiert hat ihn Mulo Francel, ein Musiker des Quartetts. Die Musik steigert sich von vereinzelten Gitarrentönen bis hin zu einem Höhepunkt gemeinsam mit dem Orchester. Auf der Reise dahin, der Reise in neue Klangwelten, begegnen dem Hörer verspielte Flötentöne, verwobene Harfenklänge, ganz viel Fantasie und gedachte Reise-Landschaft. Die CD ist nichts zum Nebenbeihören, denn dann klingen einige Lieder allzu ähnlich. Wer sich jedoch Zeit und Muße nimmt, um sich in jedes einzelne der 13 Musikabenteuer einzufühlen und genau hinzuhören, der entdeckt instrumentale Feinheiten und emotionale Hintergründe. Das lohnt sich. Das Album ist ein Live-Mitschnitt aus dem Großen NDR-Sendesaal in Hannover. Enrique Ugarte dirigiert das NDR Pops Orchestra.

Mehr davon: www.quadronuevo.de

Rebekka Sambale

DUO PIANOWORTE
GRIMMS MÄRCHEN
Label: Kaleidos Musikeditionen

Das duo pianoworte hat sich schon seit fast zehn Jahren der Kombination aus gesprochenem Wort und Klaviermusik verschrieben. Auf ihrer neuesten CD befassen sich Bernd-Christian Schulze am Klavier und Helmut Thiele als Erzähler mit sechs Märchen der Brüder Grimm und machen sie zu fantasievollen Klanggebilden mit einer lebendigen Sprache. Während Thiele die 200 Jahre alten Geschichten spannend in seine variantenreiche Stimme verpackt, wurden die ergänzenden Kompositionen eigens für das duo pianoworte von drei zeitgenössischen Komponisten erstellt. Und Klavier bedeutet dabei nicht nur sanfter Tastenklang. Mit Hilfe von allerlei Gegenständen kann das große Tasteninstrument auch schnarren, klatschen, surren. Das tapfere Schneiderlein träumt in perlenden, sanften Melodielinien; wenn aber der Riese auftaucht, erklingen tiefe Töne in behäbiger Manier. Text und Musik wechseln sich ab. Dabei werden manchmal konkrete Handlungen in Klänge umgesetzt, ein anderes Mal sind es Stimmungen und Eigenschaften. Die CD ist in der Edition „KinderKlassik“ erschienen, und der Kinderchor der Comeniusschule Hannover hat die Profi-Musiker tatkräftig bei der Klangerzeugung unterstützt. Trotzdem sind die Aufnahmen mit ihrer liebevollen Detailliertheit auch für Erwachsene eine gute Gelegenheit, sich mal wieder in die Welt der Märchen hineinzuträumen.

Mehr davon: www.duo-pianoworte.de

Rebekka Sambale

NATASCHA BELL
UNIQUE
Label: Artist Station Records

Erstmals machte Natascha Bell 2011 in der deutschen Ausgabe der Musikcastingshow „The Voice of Germany“ auf sich aufmerksam und formte unter der Obhut der Country Rocker „The BossHoss“ ihr Rockröhren-Image. Die feuerrote Haarmähne und eine lebensfrohe Ausstrahlung wurden dabei zu ihrem Markenzeichen. Nun veröffentlicht die gebürtige Engländerin mit der Wahlheimat Hannover ihre erste EP „Unique“. Über ein Crowdfunding-Projekt hatte die Sängerin genug Geld von Fans gesammelt, um diese erste CD zu produzieren. Auf „Unique“ finden sich sechs Titel, mit denen Natascha ihre vielseitigen Talente als Sängerin und Songwriterin unter Beweis stellt. Neben vorherrschenden Songs aus ihrem „Fachbereich“, dem akustischen Jazz, wagt sie mit „No One“ Ausflüge in den gitarren¬lastigen Rock und versucht „Something New“ in der Off-Beat Musik. Als Teil des Schwarms neuer deutscher Popsängerinnen liefert Fräulein Bell (inzwischen auch Frontsängerin der hannoverschen Band „klämpner“) eine solide Pop-EP ab und zeigt, dass sie auch ganz ohne Castingshow-Publikum Musik machen kann, die berührt.

Mehr davon: http://www.artiststation-records.de/

Julius Füg

NIILA
ABHEUTESINDWIRNICHTMEHRALLEIN
Label: Timezone

Niila aus Hannover sind benannt nach einer Figur aus dem Roman „Populärmusik aus Vittula“ und erinnern in ihrer schrammelig-weinerlichen Unsicherheit an die frühen Tocotronic, die Band Voltaire oder Angelika Express. „abheutesindwirnichtmehrallein“ ist das erste Album der Band und enthält Songs, deren Titel bei anderen Bands komplette Songtexte sein könnten, „Warum willst du dich zerstören? (Deine schönen Hände haben genug gezittert)“ zum Beispiel. Wenn eine Band zu brav ist, muss sie eben an anderen Stellen punkten. Die vier Niila-Musiker haben seit ihrer Gründung 2006 einiges unternommen, um den Erfolg zu erzwingen, nahmen am Demo-Contest des „Uncle Sally’s-Magazin“ teil, ließen sich von der Volkswagen Sound Foundation fördern und „supporteten“ die Sportfreunde Stiller. Inzwischen klingen sie nicht mehr nach Erfolg um jeden Preis, sondern nach angestrengtem Erwachsenwerden. Gerade die Orgel sorgt für einen soulig-reifen Grundton, während sich Bass, Gitarre und Schlagzeug bemühen, möglichst abwechslungsreich zu klingen. Deshalb wirken die Songs mal leise und mal laut, mal schrammelig und mal eingänig, mal kuschelig-sanft und mal wütend. „Das Labyrinth (In einer Welt voll Spaß und Glück)“ plätschert wie ein Element of Crime-Titel folkig vor sich hin, bevor der Song emotional-scheppernd ausbricht. Sänger und Gitarrist Daniel Hirschligau krächzt im Stile eines Robert Stadlober Sätze wie „Anna, du schreist, du schreist, du schreist ,Ich liebe dich‘“ und bringt den Song anschließend wieder sanft in seine Spur zurück. Auch in „Anna träumt von Hollywood (Dein Wunsch ist ein rotes Band)“ entgleitet dem Sänger jaulend die Stimme. Die Texte besingen Zwischenmenschliches und schwanken zwischen Melancholie und Kitsch. Ein bisschen mehr Konsistenz hätte „abheutsindwirnichtmehrallein“ gut getan. Darüber hinaus wirken die Songs auf dem Debütalbum der Niedersachsen aber angenehm frisch und taugen bestimmt als Soundtrack einer bierseligen spätsommerlichen Studentenparty.

Mehr davon: http://www.niila.de/

Thomas Lingstädt

Foto: Katharina Bock

2018-06-29T23:04:34+00:00 Oktober 2013|Kategorien: Heimat|Tags: |