„Das ist wie eine Familie“

Musikvereine haben in Deutschland eine lange Tradition. Oft werden sie als etwas für die ältere Generation abgetan, aber auch viele junge Leute können sich dafür begeistern. Yvonne Wirth, 23 Jahre, ist eine von ihnen. Sie spielt Querflöte beim Musikverein Kehlen im Bodenseekreis (Baden-Württemberg), der bereits seit 180 Jahren besteht.

Saitensprung: Wie kamst du dazu, im Musikverein mitzuspielen, und wie lange bist du schon dabei?
Yvonne Wirth: Seit Januar 2008, damals war ich 17. Ich wollte schon früher Querflöte spielen. Ich habe ich die einzelnen Vororchesterstufen durchlaufen und bin dann im Musikverein gelandet.

Wann hast du angefangen, Querflöte zu spielen?
Mit neun Jahren.

Ist das Musizieren im Verein eine Familientradition für dich, die von Generation zu Generation weitergegeben wird? Oder bist du auf einem anderen Weg dazu gekommen, ein Instrument zu lernen und in einem Verein zu spielen?
In meinem engeren Familienkreis spielt niemand sonst ein Instrument. Mein Onkel und mein Cousin spielen Trompete, und eine meiner Cousinen spielt Bassklarinette. Sie sind auch in einem Musikverein, aber nicht in Kehlen, sondern in einem anderen Verein hier in der Umgebung. Meine Mutter hat mich schon als kleines Kind zur musikalischen Früherziehung an einer Musikschule angemeldet. Danach habe ich Blockflöte gelernt, so wie fast jedes Kind. Schon damals hatte ich den Wunsch, Querflöte zu spielen, aber meine Finger waren zu klein. Deswegen wechselte ich ein halbes Jahr zur Mandoline, merkte dann aber, dass das nichts für mich ist, und bin doch auf Querflöte umgestiegen.

Engagierst du dich auch über das Musizieren hinaus im Verein?
Seit 2010 bin ich stellvertretende Jugendleiterin und Eventmanagerin, das heißt, ich organisiere vor allem Ausflüge, wie zum Oktoberfest in Bad Schussenried, eine Kanufahrt oder Wandertage. Viele zwischenmenschliche Dinge also. Und seit diesem Jahr bin ich zusätzlich noch aktive Beisitzerin in der „Vorstandschaft“. Die besteht aus dem ersten und zweiten Vorstand, dem Dirigenten, dem ersten Jugendleiter und einigen Beisitzern.

Wie ist das Vereinsleben bei euch gestaltet, und wie viele Proben und Auftritte habt ihr?
Wir haben einmal die Woche Probe, immer dienstags abends für zwei Stunden. Jährliche Veranstaltungen sind der Musikerball in der Fasnet, den wir organisieren. Dann findet im Juni das dreitägige Musikfest statt. Außerdem gibt es meistens einen Ausflug pro Jahr. Ab Ende September habe ich sogar dreimal pro Woche Probe, zwei Gesamtproben und eine Satzprobe. Denn Ende November treten wir mit unserem Herbstkonzert auf, das eigentlich das größte Event des Jahres ist. Hierfür geht die meiste Probenarbeit drauf. Dann gibt es noch Kirchenauftritte an Feiertagen, Frühschoppen, Abendauftritte. Und dieses Jahr fahren wir über den dritten Oktober nach Langburgersdorf bei Dresden, wo wir einige Abendauftritte spielen werden.

Du hast bereits Ausflüge angesprochen. Das heißt, es gibt es unter den Vereinsmitgliedern auch viele soziale Aktivitäten? Sitzt man auch nach den Auftritten noch zusammen?
Ja, wir bleiben schon danach noch zusammen sitzen, essen oder trinken etwas und hören auch anderen Vereinen zu. Das Schöne speziell bei uns im Verein ist, dass wir auch einige wirklich ältere Mitglieder haben und alle zusammen etwas unternehmen. Mittlerweile darf man ab 16 Jahren in den Verein eintreten. Und dann sitzen die Älteren nicht etwa in der einen Ecke und die Jüngeren in der anderen, sondern eine Gemeinschaft entsteht. Das ist wie eine Familie.

Wieso wird Blasmusik oft als etwas für ältere Leute abgestempelt?
Weil viele nicht verstehen, dass man mit Blasinstrumenten auch moderne Musik machen kann. Sie denken, Blasmusik sei nur dieses Umbata-Umbata, Märsche oder Schlager. Aber wir spielen auch moderne Lieder, wie zum Beispiel „A Night Like This“ von Caro Emerald oder „An Tagen wie diesen“ von den Toten Hosen. Auch so etwas kann man mit Blasmusik transportieren, ohne dass es sich komisch anhört.

Kann man Blasmusik so für jüngere Leute wirklich attraktiv machen?
Ja. Hier ist im Moment die Band Barfuß sehr angesagt. Die spielen zum Beispiel den „Böhmischen Traum“ oder „Auf der Vogelwiese“. Früher hätte man sich nicht vorstellen können, dass Jugendliche darauf abfahren. Und mittlerweile ist es so, dass alle Jugendlichen im Zelt den Text können, mitsingen und Party machen, wenn sie „Auf der Vogelwiese“ spielen. Ich glaube, da gibt es im Moment einen Wandel in der Blasmusik.

Das heißt, dass jetzt Stücke, die bisher nur für Volks- und Blasmusik vorgesehen waren, auch von Popbands übernommen werden?
Von Coverbands, ja. Zu der genannten Band gehören auch Trompete, Tuba und Tenorhorn, sie haben also auch Blasmusikelemente. Aber sie haben eben auch Instrumente wie Gitarre und spielen Stücke der Red Hot Chilli Peppers und von Robbie Williams.

Was bedeutet Heimat für dich?
Heimat ist für mich der Bodensee. Einfach ein Ort, an dem ich mich wohl fühle, an dem meine Freunde sind, an dem meine Familie ist, an dem ich Dinge unternehmen kann und mit dem ich gewisse Momente und positive Situationen verbinde.

Verbindest du auch den Musikverein mit einem Heimatgefühl und dem Begriff Heimat?
Ja, eigentlich schon. Für mich war klar, dass ich zum Beispiel nie weggehen würde, um zu studieren, weil ich das alles einfach nicht aufgeben will. Weil es für mich, wenn ich dienstags abends in den Probenraum komme, obwohl ich nicht mit jedem einzelnen im Verein befreundet bin, wie eine große Familie ist. Etwas, das man gerne hat, das einfach Spaß macht.

Fühlst du dich mit der Musik, die ihr spielt, auf besondere Weise verbunden, und bedeutet diese Art von Musik auch Heimat für dich?
Persönlich höre ich keine Blasmusik, wenn ich zum Beispiel mit dem Auto unterwegs bin. Aber sie zu spielen und die Leute zu sehen, die sich freuen bei unseren Shows, bei denen wir uns ja auch verkleiden und singen, das ist schon schön. Und das bedeutet dann auch irgendwie Heimat für mich. Diese Art von Musik verbinde ich mit der Bodenseeregion. In Großstädten wie Stuttgart oder Berlin kennt man das nicht. Dort haben sie Philharmoniker und Ähnliches. Wenn Leute von dort dann aber hierherkommen, sind sie fasziniert von dem, was wir machen, und das finde ich schön.

Das heißt, diese Musik ist ein Teil deiner Heimat?
Genau.

Das Gespräch führte Stephanie Röder

Foto: Stephanie Röder

2018-06-29T22:55:13+00:00 Oktober 2013|Kategorien: Heimat|