Flöten hoch!

Eine musikalische Großfamilie im Gleichschritt

Ein weißer Bungalow mit rotem Giebeldach. Neubau von 2005. Bis auf einen grünen Schriftzug weist nichts auf das traditionsreiche Treiben in diesem Gebäude hin. „Südstädter Schützengesellschaft von 1898 e.V.“ verraten die großen schnörkellosen Buchstaben an der langen Hauswand. Seit 60 Jahren gehört diesem Verein auch ein eigener Spielmannszug an, der jede Woche hinter diesen Mauern probt.

Es ist ein Mittwoch im Juni. Einer der etwas kühleren Sommerabende. Vereinzelt verschwinden Leute hinter der weiß eingefassten Glastür in den Innenraum des Bungalows. Mit Betreten des Raumes offenbart sich urplötzlich die jahrzehntelange Tradition, deren Spuren man von außen vergeblich gesucht hat. Fünf deckenhohe und fast ebenso breite Vitrinen aus dunklem Massivholz präsentieren unzählige bronzene, silberne und goldene Pokale jeglicher Größe und Form. Zeugen einer 115-jährigen Vergangenheit. Auch die vermissten Schnörkel finden sich hier im altdeutsch geschriebenen Vereinsnamen auf einer goldenen Flagge. Darunter das hannoversche Wappen, umrahmt von einem Lorbeerkranz. Der Rest des Raumes gestaltet sich dagegen überraschend schlicht. Weiße Wände, lange Tischreihen mit gepolsterten Holzstühlen, Voile-Gardinen in Orange und auf den Fensterbänken farblich abgestimmte Plastikblumen in Tonvasen.

Kurz und bündig, aber herzlich begrüßen sich die Ankömmlinge gegenseitig. „Wie war die Arbeit?“, „Wie geht’s den Kindern?“, „Wo ist denn dein Mann heute?“ Man kennt sich. So gut, dass niemand sich verpflichtet fühlt, mit künstlichem Überschwang zu antworten. Zur heutigen Probe sind neun der über dreißig Mitglieder im Alter von 9 bis 61 Jahren gekommen. „Es sind nicht immer alle da. Viele haben Schichtdienst und können dann oft nicht“, erklärt Christoph Jamm, Vorsitzender des Vereins. Die meisten spielen Flöte. Heute sind noch zwei Trommeln, eine Pauke und Spielmannszugsleiter Horst Babbel an der Lyra dabei.

Mitten in die Unterhaltungen tönt es aus seiner Richtung plötzlich: „Flöten hoch!“ Sofort verstummt alles, und die Spieler setzten automatisch ihre Instrumente an. Auf die kurze Stille folgen helle, durchdringende, fast schon schrille Töne der Sopran-Querflöten. Schon der Klang von nur fünf Flöten füllt den Raum mit einer derartigen Lautstärke und Intensität, dass das Ergebnis bei voller Besetzung kaum vorstellbar ist. Nach zwei Takten setzen die beiden Trommeln ein. Schnarrend und bestimmt treiben sie die Flöten voran. Die Pauke gibt mit durchdringendem, tiefem Puls den Takt vor, während Horst Babbel auf seiner Lyra die Melodie unterstützt und dabei jeden Ton seiner Spieler genau prüft.

1972 hat Horst angefangen die Trommel zu spielen. Mit 18 wurde er Spielmannszugleiter. „Das Einzige, was ich nicht kann, ist Flöte“, sagt er mit einem schelmischen Lächeln im Gesicht. Was Horst auch nicht kann, ist Noten lesen, geschweige denn Noten schreiben. „Ich höre mir die Lieder an und weiß, welcher Ton im Lied welcher Ton auf der Lyra ist. Ich hab mir eine Tabelle machen lassen, mit der ich die Melodie für die anderen Instrumente umschreiben kann.“ Auf den Notenblättern der Flöten stehen also keine Linien mit leeren oder ausgefüllten Kreisen, sondern Tabellen mit Nummern. Doch diese werden während der Probe gar nicht beachtet. „Ich kann 56 von 58 Liedern auswendig“, erklärt Bianca stolz, eine der Flötistinnen und Tochter von Uwe, dem Mann an der Pauke. Das Repertoire reicht von traditionellen deutschen Volksliedern über militärische Präsentiermärsche hin zu Schlagern wie „Komm hol das Lasso raus“ oder sogar Kinderliedern wie der Titelmelodie des „Sandmännchens“. Doch selbst den modernsten Liedern haftet in dieser Besetzung ein anachronistischer Charakter an.

Beim Spielen schlendern die Mitglieder scheinbar gedankenverloren durch den Raum. Die Finger bewegen sich routinemäßig und ohne Anstrengung über die kleinen Löcher der Flöten. Manchmal schließt jemand die Augen und ist völlig in sich vertieft, während die Musik scheinbar automatisch aus ihm heraussprudelt. Zum Beispiel Alex, ein Student, der hier neben seiner Mutter Gabi steht und die gleichen Melodien aus seiner Flöte hervorbringt wie sie. Gabis zweiter Sohn spielt sonst auch mit. Oder Anja, die vor kurzem ihre Flöte verloren und jetzt eine neue vom Verein bekommen hat. Marion hat Artrose in den Händen. Das Spielen fällt ihr nicht immer leicht, aber trotzdem kommt sie so oft her, wie es geht. „Wegen der Gemeinschaft. Wegen der Gemeinschaft und der Musik.“ Sigrid ist schon seit 30 Jahren dabei. Obwohl sie vor einiger Zeit weggezogen ist, verpasst sie selten eine Probe.

Uwe, Vater von Bianca, schlägt auf seiner Pauke in aller Seelenruhe und ohne eine Miene zu verziehen gleichmäßig den dröhnenden Takt. Siggi hat seine Trommel modifiziert und um ein Becken und eine Kuhglocke erweitert. Energisch wirbelt er mit den Schlagzeugstöckern auf dem Trommelfell herum, demonstriert Schleif- und Rufschlag. Sehr viel zaghafter lässt der 16-jährige Michael die Sticks auf seine Trommel fallen. Seit drei Jahren ist er Teil des Spielmannszugs und einer der wenigen, der nicht über Verwandtschaft, sondern eine Anzeige in der Zeitung den Weg hierher gefunden hat. „Neuzugänge kommen eigentlich immer aus den eigenen Reihen“, erklärt Christoph Jamm. „Leider geht die Entwicklung nach unten. Hannover hat drei Spielmannszüge verloren in den letzten Jahren“, ergänzt er mit etwas Wehmut in der Stimme. Vor 60 Jahren wurden aus der Schützengesellschaft heraus nicht nur der Spielmannszug, sondern auch eine Swingband sowie ein Fanfarenzug gegründet. „Nach dem Zweiten Weltkrieg war es so, dass man gemeinsam seine Freizeit verbracht hat und gemeinsam etwas auf die Beine stellen wollte“, erklärt Christoph Jamm. Heutzutage wirke sich der chronische Zeitmangel in der Gesellschaft auch auf die Vereine aus. Wenige könnten ehrenamtliche Aufgaben übernehmen, und Projekte wie die Swingband oder der Fanfarenzug müssten eingestampft oder abgekoppelt werden.

Doch auch das Heimatgefühl, das mit Institutionen wie einem Schützenverein und seinem Spielmannszug assoziiert wird, „ist bei den Deutschen nicht mehr ganz so ausgeprägt“, stellt Christoph Jamm fest. „Wenn dann aber bei Ausmärschen Musik erklingt, wie wir sie spielen, singen die Zuschauer oft einfach mit. Der Schützenausmarsch ist in dem Moment nicht einfach ein Vorbeitrotten, sondern die Musik bezieht die Leute aktiv mit ein. Das ist natürlich dann besonders schön.“ Das sind die Momente, in denen der familiäre Zusammenhalt, der beim gemeinsamen Spielen deutlich spürbar ist, auch das Publikum bewegt. Aus diesem Grund finden sich Leute wie Bianca, Michael und Sigrid seit Jahren abends nach Arbeit, Uni oder Schule treu im Vereinsheim ein.

Zum Schluss der heutigen Probe werden noch Formalitäten für das hannoversche Schützenfest am Wochenende abgeklärt, während Sigrid ein Fotoalbum hervorkramt. Erinnerungen an 60 Jahre Spielmannszug-Geschichte: jährliche Pfingstfahrten, Rosenmontagsumzüge in Köln und der Vereinsheimbau von 2005. Mit „Oh Gott. Wie wir da aussahen“, „Nee, die sind auch nicht mehr verheiratet“ oder „Das war ’ne schöne Fahrt“ werden die teilweise vergilbten Fotos kommentiert. Alex zieht das Fazit aus den zahlreichen Lichtbildern mit den noch zahlreicheren Gesichtern: „Wir sind ein Verein. Jeder ist Mitglied der Familie. Man hasst sich, man streitet sich, aber man kann nicht ohne einander.“

Sarah Rott

Fotos: Sarah Rott

2018-06-29T22:52:29+00:00 Oktober 2013|Kategorien: Heimat|