Ich weiß nicht, was soll es bedeuten…

Was ist eigentlich ein Volkslied? Auf der Suche nach einem musikalischen Genre

Schon Goethe war ratlos, was die Definition des Begriffs „Volkslied“ betrifft: „ Man spricht so oft den Namen Volkslieder aus und weiß nicht immer ganz deutlich, was man sich dabei denken soll.“ Michael Fischer, Leiter des Deutschen Volksliedarchivs in Freiburg, geht noch einen Schritt weiter und erläutert, dass der Begriff – zumindest vom wissenschaftlichen Standpunkt aus betrachtet – wenig Sinn habe. Er sei allenfalls historisierend brauchbar, als Beschreibung dafür, was die Menschen im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts darunter verstanden haben.

In der Alltagssprache glaubt man zwar zu wissen, was sich hinter dem Ausdruck verbirgt. Eine konkrete Begriffserklärung zu finden, fällt dann aber doch schwer. Schließlich reichen die Assoziationen von hinterwäldlerischen Trachtenvereinen, die zünftige Blasmusik spielen, über die Liedersammlungen der Jugendmusikbewegung zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit ihrer Natur- und Heimatverklärung bis hin zum Missbrauch solcher Lieder zu propagandistischen Zwecken im „Dritten Reich“. Nicht zu vergessen die Medienspektakel der öffentlich-rechtlichen Sender wie der „Musikantenstadl“ oder die „Feste der Volksmusik“.

Das Lexikon „Die Musik in Geschichte und Gegenwart“ benennt einige Merkmale, die traditionell mit dem Volkslied in Verbindung gebracht werden: mündliche Vermittlung, weite Verbreitung im Volk, Anonymität des Autors sowie unterschiedliche Text- und Melodiefassungen desselben Liedes. Die Vorstellung von Liedern, die ihren Ursprung im ländlichen Brauchtum haben und von Generation zu Generation überliefert wurden, ist besonders verbreitet: Volksmusik als Musik des Volkes – im Gegensatz zur höfischen und kirchlichen Musik. Als Johann Gottfried Herder 1771 den Begriff „Volkslied“ prägte, griff er auf genau diese Idealvorstellung des im Volksmund weitergegebenen, von medialen Einflüssen abgeschotteten Liedguts zurück. Für Herder sind Volkslieder die „Sprache der Menge“. Er sieht in ihnen ein identitäts- und kulturstiftendes Element, spricht den Volksliedern eine Vorbildfunktion zu und erklärt sie zum Mittel der ästhetischen Erziehung des Volkes.

In den folgenden Jahrzehnten, vor allem zu Beginn des 19. Jahrhunderts, erscheinen zahlreiche Sammelbände. Am bekanntesten ist wohl „Des Knaben Wunderhorn“. Die Sammlungen enthalten neben alten, traditionellen Liedern auch zahlreiche Neukompositionen und Vertonungen von zeitgenössischen Gedichten, erklärt Michael Fischer. Dabei erfolgt eine gezielte Auswahl: Lieder mit politischen Inhalten oder provokanten Texten werden nicht abgedruckt und sind damit nicht überliefert.

Wegen dieser Zensur können die Liedersammlungen des 19. Jahrhunderts nicht als repräsentativ für die damalige Liedkultur angesehen werden. Sie sollen vielmehr eine Art volkstümliche Hochkultur konstruieren, so Nils Grosch, Professor für populäre Musik und Medien an der Universität Salzburg. Dahinter stecke die Ideologie des Bildungsbürgertums: Statt politisch aufsässiger Texte oder statt der frivolen Schlager aus den populären Operetten sollen die Menschen deutsche Volkslieder singen und sich auf Traditionen und Werte besinnen, ergänzt Fischer. Eine Idee, die vor allem in der durch Industrialisierung und technischen Fortschritt geprägten Zeit der Jahrhundertwende großen Anklang findet, verspricht sie doch den Schutz und die Geborgenheit einer heimatlichen Idylle. Diesen Rückzug ins Ursprüngliche beschreibt Fischer als eine Antwort auf die Modernisierungskrise: „Gebildete und städtische Schichten, von den sozialen und kulturellen Zerwürfnissen ihrer Zeit angekränkelt, warfen einen nostalgischen Blick auf die gute alte Zeit, auf die Idylle auf dem Lande, auf junge Landmädchen und Senner in Spinnstuben und auf Almen.“

Diese Sicht auf das Volkslied war jedoch immer ein Wunschdenken. Es handelt sich dabei um eine artifizielle Kultur, denn der von Herder geprägte Volksliedbegriff war keineswegs authentisch – im Sinne von mündlich tradiert und unabhängig von kommerziellen Interessen. Nils Grosch hebt hervor, dass es sich auch bei den Liedern, die man im 19. Jahrhundert als Volkslieder wiederentdeckte, überwiegend um Industrieprodukte handelte, die bereits im 16. Jahrhundert durch Buchdruck und Flugblätter in hoher Auflagenzahl verbreitet worden waren. Auch danach verdankten sie ihren Erfolg den Medien, wurden die Volkslieder doch vor allem durch Liedersammlungen und Schulbücher weitergegeben. So hatte etwa der „Zupfgeigenhansel“, eine 1909 erschienene Volksliedsammlung, großen kommerziellen Erfolg.

Die heutige Vorstellung von Volksmusik ist vor allem durch Fernsehsendungen wie „Musikantenstadl“ geprägt. Sie zeigen schunkelnde Rentner in Dirndl und Lederhosen, die in einer alpenländischen Kulisse den Liedern von Helene Fischer, Florian Silbereisen oder den Kastelruther Spatzen lauschen. Grundlage dieser Lieder bilden Kompositionen oder Bearbeitungen traditioneller Musikstücke, die sich mit denselben Inhalten wie die Volkslieder zu Herders Zeiten beschäftigen. Besungen werden die Heimat, die Natur, die Liebe – es erfolgt also wieder ein Rückzug in die heile Welt. Durch Vermischung mit Elementen aus Schlager und Pop haben sich zahlreiche hybride Formen gebildet, die jedoch allesamt unter dem Schlagwort „Volksmusik“ zusammengefasst werden. Neben der Musik spielt in diesen Sendungen der Showfaktor eine große Rolle.

Kritiker tun sich meist schwer, diese medial vermittelte Musik als Volksmusik anzuerkennen. Michael Fischer sieht zwar auch Unterschiede zwischen dieser volkstümlichen Musik und den als traditionell wahrgenommenen Volksliedern, betont jedoch, dass eine prinzipielle Unterscheidung in die mündlich weitergegebene, „authentische“ Variante und die medial inszenierte Form nicht möglich sei. Es gebe kein „wirkliches Volkslied“, das authentischer sei als das, was im Fernsehen geboten werde. Eine objektive Kategorisierung des Volksliedbegriffs ist demnach nicht möglich.

„Echte Volksmusik“ – sie ist am Ende unauffindbar. Oder überall da, wo Menschen behaupten, sie gefunden zu haben.

Vera Fleischer

Bildnachweis: Carus Verlag/Christoph Mett

2018-06-29T22:57:32+00:00 Oktober 2013|Kategorien: Heimat|