Lautes Stadtgeflüster

Ein Song über die eigene Stadt ist für Musiker wie der Sprung von der Bühne ins Publikum ─ jeder sollte es zumindest einmal gemacht haben. Denn mit so einem Stadtlied kann man nicht nur der Welt zeigen, wo man herkommt, man hat gleichzeitig ein Lied, das bei einem Konzert in der Heimatstadt mit Sicherheit gut ankommt. Auf jeden Fall bietet das Thema „Stadt“ zahlreiche kreative Möglichkeiten, wie die nachfolgenden fünf Beispiele auf unterschiedliche Weise zeigen.

Jay-Z feat. Alicia Keys ─ Empire State of Mind (2009)

Ein Song über New York? Diese Idee hatten vorher schon zahlreiche andere Musiker, darunter Frank Sinatra, U2 und John Lennon. Trotzdem haben es Jay-Z und Alicia Keys geschafft, mit „Empire State of Mind“ New York 2009 eine neue Hymne zu geben. Die Rap-Ballade ist nicht nur schön anzuhören, sie liefert auch textlich interessante Inhalte: Angefangen beim Titel, der entweder als Anspielung auf das Empire State Building, das Wahrzeichen von New York , oder als „New Yorker Denkweise“ verstanden werden kann, denn „The Empire State“ ist der Spitzname des Bundesstaates New York. In seinen Strophen erzählt Jay-Z allerhand Anekdoten über die Stadt, die niemals schläft. Zunächst rappt er über das New York, das jeder kennt ─ über die Freiheitsstatue, den Time Square, die Baseballmannschaft New York Knicks und das Basketballteam von New Jersey, die Nets. Er bezieht sich aber auch auf die musikalischen Geschichte der Stadt: auf Afrika Bambaataa, der in den siebziger Jahren in Brooklyn den Hip-Hop „erfand“, sowie auf bedeutende Rapper, wie Biggie Smalls und Special Ed, die wie Jay-Z und Alicia Keys aus New York stammen. Neben den schönen Seiten werden auch negative Aspekte wie Drogenhandel und Prostitution angesprochen, sowie die enttäuschten Träume von jungen Menschen, die ihr Glück in New York suchen, es aber nicht immer finden.

Kraftklub ─ Karl-Marx-Stadt (2012)

Wie man auf herrlich ironische Art und Weise ein Bild von seiner Heimatstadt zeichnet, zeigen Kraftklub mit ihrem Stück „Karl-Marx-Stadt“ über Chemnitz. Rapper Bernd Bass bedient sich jeder Menge Vorurteile über Ostdeutschland („Ich cruise Banane essend im Trabant um den Karl-Marx-Kopf“) und leiht sich für den Refrain die Melodie von Becks „Loser“ aus. Weiterhin meckert er über die schlechten Zustände und sein miserables Leben in Chemnitz und bedient damit wunderbar das Klischee des „Jammerossis“. Gleichzeitig greifen Kraftklub aber auch aktuelle Probleme des Ostens auf: „Ich bin nicht mal cool in einer Stadt, die voll mit Nazis ist, Rentnern und Hools (Hooligans).“ Indem der Frontmann ─ wie schon 1993 Beck ─ im Refrain offenbart, dass er ein Verlierer sei und sich selbst zusätzlich als „Original Ostler“ bezeichnet, beweisen uns Kraftklub aber letztendlich, dass sie stolz darauf sind, aus Chemnitz zu kommen.

Peter Fox ─ Schwarz zu blau (2008)

Dieses Lied ist keine klassische Liebeserklärung an eine Stadt, in diesem Fall an das „Dicke B oben an der Spree“. Im Gegenteil: In „Schwarz zu blau“ zieht Peter Fox nach einer durchzechten Nacht durch die Straßen Berlins, und ihm begegnen die negativen Seiten seiner Heimatstadt. Junkies, Gewalt und der Dreck der Stadt laden nicht gerade dazu ein, wieder einmal nach Berlin zu fahren. „Schwarz zu blau“ beschreibt genau jene Zeit, in der die Nacht in den Tag übergeht. In Berlin ist die Party für die einen erst vorbei, wenn für die anderen, die arbeitende Bevölkerung, die Frühschicht beginnt. Wir treffen dabei auf Tarek und Sam, auf Straßengangs, auf Obdachlose und „Szeneschnösel“. Peter Fox reflektiert das frühmorgendliche Treiben auf den Straßen Berlins ohne Wertung, als stummer Beobachter nimmt er es lediglich wahr und zieht daran vorbei. Nur im Refrain bezieht er Stellung und beschreibt Berlin als „so schön schrecklich“ und dass ihn die Nächte dort „auffressen“ würden. Es finden sich zwischen all dem Elend der Stadt nur vereinzelte Lichtblicke, wie die Backwarenverkäuferin Fatima oder der heulende Hooligan. Am Ende seiner Momentaufnahme erkennt Peter Fox, dass er die Hauptstadt trotz all ihrer Probleme schätzt ─ vielleicht auch gerade deswegen.

Clueso ─ Chicago (2006)

Die Stadt Chicago spielt in Cluesos Song eigentlich nur eine untergeordnete Rolle. Sie ließe sich leicht durch eine beliebige andere Stadt ersetzen, denn sie steht für die Traumwelt eines drogenabhängigen Mädchens, in die es in ihrem Rausch immer wieder flüchtet. Diese Traumwelt wird dabei mehr und mehr zu ihrer Realität, wenn die junge Frau anderen Menschen erzählt, sie sei wirklich dort gewesen. Die Utopie „Chicago“ ist für sie mit der Sehnsucht verbunden, ihr altes Leben hinter sich zu lassen und noch einmal von vorne anzufangen. Dass sie am Ende nur die Nachricht hinterlässt, sie sei jetzt dort und komme nicht mehr wieder, kann auf verschiedene Weise interpretiert werden: Entweder hat sie es tatsächlich geschafft, aus ihrem Drogenalltag auszubrechen, und sich auf den Weg nach Chicago gemacht, oder ─ was wahrscheinlicher ist ─ die Nachricht ist eine Art Abschiedsbrief, denn sie hat sich eine Überdosis gespritzt und befindet sich damit für immer in ihrer Illusion.

Max Herre feat. Joy Denalane ─ 1ste Liebe (2004)

Dieses Lied ist definitiv eine klassische Liebeserklärung an eine Stadt. Max Herre personifiziert seine Heimatstadt Stuttgart und präsentiert sie als seine erste Freundin und erste große Liebe, an der er immer noch hängt. Da er sie direkt anspricht, empfindet man das Ganze wie einen Liebesbrief. Herre erzählt davon, wie sie zusammen aufgewachsen sind, was sie gemeinsam erlebt haben und was er an Stuttgart schätzt („Ich mag deinen Anblick und dass du viele Sprachen sprichst“). Er thematisiert die Höhen und Tiefen dieser langjährigen „Beziehung“ mit seiner „Süßen aus dem Süden mit dem Dialekt“. Dabei greift Herre typische Probleme einer Beziehung zwischen Mann und Frau auf, zum Beispiel, dass er Stuttgart mit einer anderen Stadt „betrogen“ hat, weil er mehrmals umgezogen ist. Im Refrain antwortet Stuttgart durch die Stimme von Joy Denalane und heißt den Rapper trotzdem wieder willkommen zuhause.

Christian Flach

2018-06-30T11:49:19+00:00 Oktober 2013|Kategorien: Heimat|Tags: |