Volksmusik 2.0

Das moderne Volkslied integriert sein Publikum – und den Schlager

Von Heino bis zu den Kastelruther Spatzen und Stefanie Hertel – der Schlager in Deutschland hat Tradition. Doch die Tradition des deutschen Volksliedes ist noch viel länger. Im Laufe der Zeit scheinen die Grenzen der beiden Genres allerdings zu verschwinden, und eine Trennung wird immer schwerer.

Edi Graf, Moderator der „Volkstümlichen Hitparade“ auf SWR4, setzt sich bei der Pro-gramm¬auswahl immer wieder mit diesem Definitionsproblem auseinander. Schubladendenken sei hier unangebracht, findet er, Hauptsache, das Gefühl stimme. Volksmusik müsse ein Lebensgefühl vermitteln, etwas von Gemütlichkeit und Heimat. Deshalb werde in der „Volkstümlichen Hitparade“ auch gar nicht strikt zwischen Schlager und Volksmusik unterschieden. Hier tauchen sowohl die Geschwister Hoffmann als auch Instrumentalstücke von Blaskapellen im Programm auf.

Als eines der wichtigsten Merkmale von Volksmusik sieht Graf die Verbindung verschiedener Generationen, die Volkslieder – oder eben auch Schlager – schaffen, ob im Radio oder auf Volksfesten: „Im Prinzip sind Volkslieder in unserer Zeit eben genau die Lieder, die das ‚Volk‘, die Jungen und die Altern, miteinander verbindet. Das gibt es ja bei internationalen Liedern auch: Gassenhauer, die einfach jeder kennt, und jeder singt mit.“

Gerade unter jungen Leuten scheint oft eine eher negative Grundstimmung gegenüber Volksmusik zu herrschen. Denkt man. Denn genau dieses Bild wandelt sich momentan. Immer mehr regionale und überregionale Bands covern alte Volkslieder, integrieren moderne Elemente – und sind erfolgreich. „Plötzlich erklingen bei einer alten Polka wie ,Auf der Vogelwiese‘ irgendwelche Zwischenrufe, die kollektiv von der kompletten Zuhörerschaft gesungen und gegrölt werden.“ Diese Zwischenrufe waren ursprünglich nicht Bestandteil dieses Liedes, sondern sind irgendwann entstanden und über Netzwerke wie YouTube verbreitet worden. Die Band Barfuss aus Bayern, eine solche Coverband, wirbt sogar genau damit: „Zwischendrin selbstverständlich immer wieder selbst umarrangierte Barfuss-Versionen bekannter Lieder wie z.B. „99 Luftballons“ oder „1000 mal belogen“. Alle Lieder sind selbstverständlich immer so gewählt, dass es allen gefällt. Oma/Opa – Mama/Papa – Tochter/Sohn.“

„Volkslieder des Jahres 2000Plus“ nennt Edi Graf dieses Phänomen. „Das Volk muss es mögen, das Volk muss es singen mögen, und ganz wichtig ist, dass sich diese Volkslieder mit der Zeit verändern können.“ Das moderne Volkslied integriert also sein Publikum. Es wandelt sich und passt sich der Zeit an. Ähnlich wie in der Sprache werden moderne, teilweise sogar internationale Elemente übernommen. Das Volk schafft sich seine eigenen Volkslieder, indem sie von Generation zu Generation weitergegeben werden und jede Generation Teile umwandelt oder einbaut. Also hat Volksmusik eine Zukunft. Davon ist auch Edi Graf überzeugt: „Die Volksmusik wird sich weiter verjüngen, sie wird moderner werden, sie wird nicht immer auf das Volkslied zurückgehen. Aber es wird sie geben, solange es junge Gruppen und Interpreten gibt, die diese Musik machen.“

Stephanie Röder

Bildnachweis: Katharina Bock

2018-06-30T12:00:54+00:00 Oktober 2013|Kategorien: Heimat|