Glamour mit Ergänzungsausweis

Ein Rollentausch am Ursprungsort der Travestie

Auf der Bühne sieht man sie oft, im Alltag eher selten: Männer in Frauenkleidern. Transsexualität ist zwar inzwischen medizinisch anerkannt, aber nach wie vor ein Tabuthema für viele. Präsentieren sich Transvestiten und Transsexuelle auf der Bühne und bei Events wie dem Christopher Street Day als glitzernde und strahlende Figuren, so stecken oft harte Schicksale hinter der glamourösen Fassade. Wie es sich anfühlt, für den Ausdruck seiner Geschlechtsidentität angestarrt zu werden, versucht „Saitensprung“-Redakteurin Frauke Steinhoff in einem „Gender-Change“-Experiment nachzufühlen. Ein Abend als Mann – und als Fremder im eigenen Körper.

Julia Angelina hat sich für den großen Abend richtig in Schale geworfen: Sie trägt einen kurzen schwarzen Rock, hohe Schuhe, eine Netzstrumpfhose und eine dunkelrote glänzende Bluse. Ihre langen dunklen Haare fallen elegant auf die Schultern. Eine starke, selbstbewusste Frau, die weiß, was sie zu bieten hat. Nur ist sie gar keine Frau. Julia heißt eigentlich Peter (Name von der Redaktion geändert) und ist transsexuell. Bereits mit 14 Jahren entdeckte er seine weibliche Identität, doch es dauerte fast dreißig Jahre, bis er sich traute, dies öffentlich zu machen. Aufgewachsen in einem konservativen Elternhaus, musste er sich damit begnügen, heimlich Frauenkleider anzuprobieren und sie – wie andere Jungen ihre Playboysammlung – in einem Kasten unter dem Bett zu verstecken.

Julia geht an diesem Abend mit mir in die Oper. Im Theater hatte die Travestie ihren Ursprung. Da es seit der Antike immer wieder Phasen gab, in denen Frauen auf der Bühne verboten waren, mussten die weiblichen Rollen von Männern übernommen werden. Doch wie reagieren die Menschen, wenn sie auch abseits der Bühne mit einem Mann in Frauenkleidern konfrontiert werden? Um zumindest ansatzweise nachempfinden zu können, wie es sich anfühlt, von allen für sein Aussehen angestarrt zu werden, nehme ich Julias „Gender Change Service“ in Anspruch, den sie auf ihrer Internetseite – neben Perücken, Kosmetik, Burlesque-Auftritten und Begleitservice – anbietet. Normalerweise hilft sie Männern dabei, für einen Tag in die Rolle einer Frau zu schlüpfen. Die umgekehrte Verwandlung ist auch für Julia eine Herausforderung. Von einem Kommilitonen habe ich mir einen Anzug geliehen, der etwas locker sitzt. Die Schuhe sind mir sieben Nummern zu groß, was wir mit drei Paar Socken und einer halben Rolle Küchenpapier ausgleichen. Meine langen Haare verschwinden unter einer Perücke, die an Florian Silbereisen erinnert. Den Flaum auf meiner Oberlippe und meinen Wangen deuten wir mit Lidschatten an. Trotz aller Mühe wirke ich neben Julia eher wie ein pubertärer Konfirmand und nicht wie ein stattlicher Mann.

Mit 18 Jahren lernte Peter seine jetzige Frau kennen. Sie wusste von Anfang an von seiner Transsexualität und tolerierte sie nicht nur, sondern unterstützte ihn, indem sie ihm mit ihrer Wohnung einen Ort bot, wo er sich ungestört als Frau kleiden und bewegen konnte. Mit seiner Frau hat Peter vier Kinder. Doch mit der Zeit wuchs der Wunsch, ganz als Frau zu leben. Und so begann Peter nach der Geburt seines letzten Kindes eine Hormontherapie. Durch die Einnahme von weiblichen Hormonen wird das Testosteron im männlichen Körper unterdrückt. Sekundäre Geschlechtsmerkmale bilden sich aus, der Bartwuchs geht zurück. Gleichzeitig führt die Einnahme der Östrogene jedoch auch zur Abnahme der Libido und bei längerer Einnahme zu Unfruchtbarkeit – ein Preis, den Peter gerne zahlt.

Doch trotz der Medikamente waren die bisherigen Versuche zum Scheitern verurteilt: Die erste Hormontherapie wurde durch eine starke Virusinfektion beendet, die Peter zum Absetzen der Medikamente zwang. Beim zweiten Versuch kam sie nur knapp mit dem Leben davon, als nachts im Schlaf ihre Aorta kurz vor dem Herzen riss und sie innerlich fast verblutete. Wieder war er gezwungen, die Hormone abzusetzen. Bald möchte sie einen neuen Versuch starten. Am liebsten würde sie es „voll durchziehen“ und einen operativen Eingriff vornehmen lassen, aber die Risiken sind mit einer künstlichen Herzklappe und der noch immer instabilen Aorta zu groß. Ein hartes Schicksal, zumal Julia bereits so nah am Ziel war: „Ich habe die weiblichen Wechseljahre schon hinter mir und die weibliche Pubertät sogar zweimal erlebt.“ Und selbst das schreckt sie nicht ab, eine Frau zu werden.

Als wir los wollen, stehe ich vor dem ersten Problem. Wohin mit Portemonnaie, Handy, Notizblock, Stift und Schlüssel, wenn nicht in die Handtasche? Kurzerhand wandert alles in die Hosentaschen, die sich weit nach außen beulen, sodass ich nun auch noch pummelig wirke. Der Inhalt drückt und piekt unangenehm in meine Oberschenkel. Spüren Männer das nicht? Oder gewöhnt man sich mit der Zeit daran? Julia ist mit dem Auto da, wir finden ein paar Straßen von der Oper entfernt einen Parkplatz. „Jetzt kommt der Spießrutenlauf“, meint Julia. Und tatsächlich sehen alle Passanten, die uns entgegenkommen, zweimal hin. Der erste Blick fällt meistens auf Julias lange Beine, danach schauen die Menschen in ihr Gesicht. Ihre Mienen ändern sich dabei von angetan zu überrascht/irritiert und peinlich berührt. Einem Mann fällt vor Schreck glatt sein Handy aus der Hand. Auf mich achtet kaum einer.

Peters Herzinfarkt hatte jedoch auch etwas Gutes: Die Nahtoderfahrung gab ihm den Mut, sich öffentlich als Frau zu outen. An seinem 44. Geburtstag lud er seine Gäste zu der Abschlussshow eines Burlesque-Kurses ein, an dem er teilnahm. Dort präsentierte sie sich allen als Frau – eine große Überraschung, vor allem für seine Eltern, die bis zu diesem Zeitpunkt ahnungslos waren. „Ich dachte, mein Vater rennt auf die Bühne und zerrt mich runter“, erzählt Julia. Doch es war seine Mutter, die nach der Show ganze fünf Wochen nicht mit ihm redete. Bis heute wird Peters Transsexualität in der Familie totgeschwiegen.

Vor der Oper bin ich gespannt. Ich habe ein ermäßigtes Ticket und muss daher gemeinsam mit meiner Karte meinen Studentenausweis vorzeigen. Und auf dem bin ich als Frau abgelichtet. Doch die Frau am Einlass ist ganz Profi und nimmt mein Ticket kommentarlos entgegen. Das Gleiche an der Garderobe. Ich bin enttäuscht. Zumindest ernten wir viele Blicke von den anderen Operngästen. Vor allem als wir uns zu unseren Plätzen begeben – die ich extra mitten in der Reihe gebucht habe, sodass wir uns an den bereits sitzenden Gästen vorbeiquetschen müssen. Aber auch sie sagen nichts.

Seit gut zehn Jahren nennt sich Peter privat Julia Angelina. „Der Name Julia hat mir schon immer gefallen, die Ergänzung Angelina ist etwas verruchter. Die perfekte Mischung!“ Peter hat sogar einen „Ergänzungsausweis“ mit ihrer weiblichen Identität. Diesen kann man beantragen, wenn man über eine ärztliche Bescheinigung verfügt, die bestätigt, dass ein „transsexuelles Syndrom“ vorliegt.

Das Orchester setzt mit der Ouvertüre ein. Wir sehen Gounods „Faust“ in konzertanter Aufführung. Und welche Überraschung: Ich bin nicht die einzige Frau im Anzug an diesem Abend. Die Rolle des Siébel wird von Monika Walerowicz gesungen. Die weibliche Besetzung soll andeuten, dass es sich bei der Figur um einen sehr jungen Mann handelt. Genau wie ich ja auch eher aussehe wie ein Jüngling. Allerdings bin ich die Einzige mit Florian-Silbereisen-Frisur. Die Perücke wird mir langsam unangenehm. Nicht nur, dass sie rutscht, vor allem beginnt meine Kopfhaut zu jucken. Ich versuche den Drang zu kratzen zu unterdrücken. Mir ist ziemlich heiß in dem Jackett und mit den drei Paar Socken. Mann sein ist hart.

Begegnet man Peter, erinnert wenig an die glamouröse Julia Angelina. Er wirkt eher unscheinbar. Nur seine Fingernägel verraten ihn: Sie sind extrem lang und mit Nagellack und bunten Glitzersteinchen verziert. „Mit diesen Fingernägeln habe ich bereits ein Haus gebaut, einen Pool ausgehoben und eine Solaranlage aufgebaut“, antwortet Julia auf meine skeptische Frage, ob solche Krallen nicht total unpraktisch seien. Unpraktisch also nicht, aber verräterisch. Oft wird Peter auf seine Nägel angesprochen. Auf seine Antwort, er sei transsexuell, reagieren die meisten mit Neugier. „Ich bin noch nie blöd angemacht worden“, sagt Peter. Er geht sogar so weit zu sagen, dass die meisten Männer etwas neidisch auf ihn seien: „Die würden auch gerne mal in Frauenklamotten rumlaufen, trauen sich aber nicht. Männer sind Angsthasen.“

In der Pause stelle ich mich an die Bar, um für meine Begleitung und mich etwas zu trinken zu holen – ganz Gentleman. Als der Mann vor mir zahlen will, reicht ihm seine Frau das Geld. Mit einem Augenzwinkern sagt er zu mir: „Die Frauen haben finanziell immer den Finger drauf.“ Ich freue mich – scheint es doch, als würde er mich als männlichen Leidensgenossen ansehen. Während Julia und ich trinken, lasse ich möglichst unauffällig meine Blicke durchs Foyer wandern. Ja, wir werden angeschaut. Einige scheinen über uns zu tuscheln, aber keiner spricht uns an. „Das ist normal“, meint Julia. „Die Deutschen sagen nie etwas. In Amerika würde ich mich so nie auf die Straße trauen. Die Deutschen stört das mindestens genauso, aber sie sind zu feige, was zu sagen.“ Die Blicke sind vielfältig: Vor allem Julia erntet viele pikierte und irritierte Blicke, während ich eher belustigt beäugt werde. Anscheinend ist es ein größerer Tabubruch, sich als Mann weiblich zu kleiden denn umgekehrt.

Das Bier treibt und so suche ich die Toilette auf – die Herrentoilette, versteht sich. Vor der Toilettentür muss ich einmal durchatmen. Ich stelle mir vor, wie ein alter, geifernder Mann mich anbrüllt und aus der Toilette zerrt. Doch genau das will ich ja bewirken. Also Augen zu und durch. Bei den Pissoirs steht ein Mann mit dem Rücken zu mir. Mit starrem Blick geradeaus gehe ich im Stechschritt auf die Kabine zu. Puh, geschafft. Beim Händewaschen lasse ich mir etwas mehr Zeit. Doch mehr als irritierte Blicke bekomme ich nicht. Als ich aus der Toilette trete, bin ich trotzdem erleichtert, diese Mutprobe ohne größeren Ärger überstanden zu haben. Es hat inzwischen zum zweiten Mal geläutet, und Julia und ich nehmen unsere Plätze wieder ein. Als das Licht ausgeht, entspanne ich mich etwas. Es ist anstrengend, die ganze Zeit beäugt zu werden und zu fürchten, jeden Augenblick böse angegangen zu werden.

Hauptberuflich arbeitet Peter als Ingenieur – als Mann. „Den Job hätte ich als Frau nie bekommen. Die Leute fühlen sich oft auf den Arm genommen, wenn ich als Frau auftrete“, meint sie. Dennoch fühlt er sich unwohl in seiner Rolle, „getarnt als Mann“. „Für den Job musste ich mir das erste Mal seit sechs Jahren wieder Männerklamotten kaufen.“ Frauenkleidung besitzt sie hingegen in Massen – alleine 500 Paar Schuhe stapeln sich auf dem Dachboden, gemeinsam mit 100 Perücken und einem Berg an Kleidern und Kostümen aller Art.

Nach der Vorstellung fahren wir direkt nach Hause. Wir sind beide erschöpft. Ich bin froh, als ich meine Maskerade wieder ablegen kann. Nicht nur, weil mir heiß ist und die Perücke kratzt, sondern weil ich endlich wieder ich sein kann und nicht mehr eine Rolle spielen muss, die nicht zu mir passt. Gleichzeitig fühle ich mich schuldig – für mich war das nur ein kurzzeitiges Experiment, Julia hingegen muss tagtäglich eine Rolle spielen: die eines Mannes, der sie nicht ist. Umso mehr bewundere ich sie für ihr Selbstbewusstsein und ihre Lebensfreude. Sie ist eben doch das, was ich von Anfang an in ihr gesehen habe: eine starke Frau.

Frauke Steinhoff

Bildnachweis: Paul Sklorz

2018-10-13T18:04:57+00:00 Oktober 2012|Kategorien: Licht und Dunkelheit|