“Ich erlebe die Welt in einem anderen Licht”

Synästhetiker können ihre Fähigkeit vielseitig einsetzen

Es spielt keine Rolle, in welcher Größe, Farbe oder Schriftart Annika Schmitz (Name von der Red. geändert) das Wort „Saitensprung“ schreibt. Für sie sieht es immer gleich aus – rot. „Das liegt vor allen an den Buchstaben S und A. Beide sind bei mir rot und dominieren die Farben der anderen Buchstaben.“ Was vielleicht für andere etwas verrückt oder befremdlich klingt, ist für Annika normal. Sie „hat“ Synästhesie, ein Phänomen, das nur bei vier Prozent der Bevölkerung weltweit vorkommt. „Synästhesie ist die Verknüpfung unserer Sinne: So kann zum Beispiel das Hören von Tönen oder das Sehen von Buchstaben in anderen Sinnen mitwirken“, erklärt Markus Zedler, Oberarzt und Facharzt für Psychiatrie an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH). Demnach können Synästhetiker zum Beispiel beim Musikhören Farben sehen oder sogar Töne schmecken. Manchen erscheinen Buchstaben in bestimmten Farbmustern. Annika braucht keinen Marker, denn sie markiert Texte durch bloßes Lesen.

Synästhesie – eine Spielart der Evolution? Zwar wurde das neurologische Phänomen schon vor über 300 Jahren untersucht, doch bis heute kann man sich nicht genau erklären, wie Synästhesie eigentlich entsteht. Einer Theorie nach wird es vererbt, da es in Familien häufig mehrmals auftritt. Es sind deutlich mehr Frauen als Männer davon betroffen; vielleicht ist die Ursache eine Modifikation auf dem X-Chromosom. 1866 prägte der Neurophysiologe Alfred Vulpian den altgriechischen Begriff Synästhesie, der übersetzt so viel wie „mitempfinden“ oder „gleichzeitig wahrnehmen“ bedeutet. Das Phänomen hat etliche Ausprägungen und Varianten, sodass jeder Synästhetiker seine spezielle Kombination von Sinneserfahrungen erlebt. „Das Gehirn leistet sich mit der Synästhesie einen Luxus“, meint Wolfgang Dillo, Mitglied des Arbeitskreises für Synästhesie an der MHH.

Meistens merken die Betroffenen jahrelang nicht, welche besonderen Fähigkeiten sie haben. „Ich habe es erst 2007 zufällig entdeckt“, erzählt Annika. „In einem Seminar wurde eine Umfrage der Medizinischen Hochschule Hannover verteilt. Ich hatte völlig unterschiedliche Ergebnisse als meine Freundin.“ Seitdem versucht sie, ihre außergewöhnlichen Fähigkeiten zu ergründen.

Annika sieht Musik, selbst wenn sie nicht weiß, woher sie kommt. Während ein Musikschüler ein paar Fingerübungen im Raum nebenan auf dem Klavier abspult, reagiert ihr Gehirn unwillkürlich: „Im Hintergrund blitzen viele kleine graue Punkte auf und schwirren durch die Gegend.“ Da Annika selbst musikalisch aktiv ist, kennt sie alle Töne auf dem Klavier. Jedes Mal, wenn sie auf die Tasten schaut, erscheinen Farben in allen denkbaren Variationen. „Manche Farben habe ich in der Realität noch gar nicht entdeckt, ich weiß manchmal nicht, wie ich sie beschreiben soll“, sagt Annika. Es fällt ihr oft schwer, anderen ihre Eindrücke zu erklären.

Auch wenn „Synästhesie“ für manche nach einer Krankheit klingt, ziehen doch die meisten Betroffenen vor allem Positives aus ihrer Situation. Von einem Leiden mag auch Annika nicht sprechen, weil „ich es zu meinem Vorteil nutzen kann. Ich erlebe die Welt in einem anderen Licht als die meisten Menschen.“ Man hört von ziemlich allen Betroffenen, dass sie ihre ganz besondere Sicht des Lebens als etwas Alltägliches und Universelles empfinden. „Wenn mir meine Lehrerin in der Grundschule erklären wollte, dass die Buchstaben auf der Tafel diese eine bestimmte Farbe hätten, habe ich sie immer für verrückt gehalten. Ich habe doch immer meine Farben darin gesehen. Was mich von den meisten Menschen unterscheidet, ist mir erst später bewusst geworden.“ Synästhetiker besitzen so etwas wie einen „inneren Monitor“. Dadurch sehen sie die Welt auf ihre Art, wissen aber auch, wie wir sie sehen. So können sie ihre „Begabung“ zumeist beliebig einsetzen. Ähnliche Erfahrungen könnten „Normalsterbliche“ höchstens durch bewusstseinsverändernde Drogen wie zum Beispiel LSD machen.

„Synästhesie ist keine Krankheit, sondern ein Begabungsmerkmal. Häufig eröffnet es den Betroffenen Möglichkeiten der Vielschichtigkeit, die normalerweise nicht erreichbar sind“, ist sich Markus Zedler sicher. Er leitet den seit mehreren Jahren bestehenden Arbeitskreis für Synästhesie an der Medizinischen Hochschule, spricht immer wieder mit Betroffenen und merkt ihnen eine besondere Lebensfreude an. Auch wenn das alles schön und gut klingt, bleibt dennoch eine Frage offen: Kommt Annika auch wirklich mit ihrer ganz speziellen Sicht des Lebens klar? „Ich frage mich, wie ihr Dienstag und Donnerstag so einfach unterscheiden könnt.“ Weil die Wörter sich so ähnlich sind, haben sie auch die gleichen Farben für Annika.

Manchmal bereiten ihr die vielfachen Sinneseindrücke durchaus Schwierigkeiten. So kann sie Werbeflächen mit großen Buchstaben erst spät erkennen. „Auch wenn ich in einem Konzert sitze und die Finger des Pianisten sehe, höre ich immer diesen Schlagrhythmus der Tasten, monotone Geräusche, die die Musik übertönen“, sagt sie. „Das kann mir schon das ein oder andere Konzert vermiesen.“ Trotzdem lebt sie gerne mit Synästhesie, auch wenn sie eine andere Sicht der Welt nicht kennt. Sie fühlt sich ganz normal und gesund. Es schmerzt sie nur, wenn sie mit Menschen über all das redet und nicht verstanden wird. „Doch je länger ich über meine Welt nachdenke, desto grauer erscheint mir eure.“

Erik Klügling

Bildnachweis: Erik Klügling/Stephan Kragl

2018-10-13T18:08:31+00:00 Oktober 2012|Kategorien: Licht und Dunkelheit|