Nächtliche Verirrung

Sie ist Segen und Fluch, Einsamkeit und Kribbelbauch, quälender Schmerz und großes Gefühl, Leidenschaft und Fiebertraum. Dunkel, bedrohlich, befreiend und knisternd, so still und so laut, Frische und Abgrund. Warm und geborgen, schreiend und beißend, geheimnisvoll, verlockend und listig. Sie kommt immer wieder. Mal plötzlich, unter Freunden, in schützenden Armen, im Schichtdienst oder Schnellrestaurant, neben dröhnenden Boxen, am Schreibtisch, im Taxi und Bett eines Fremden. Oder einfach mit einem guten Buch, dessen Ausgang man noch kennen muss. Sie macht glücklich, ver-zweifelt, einen klaren Kopf und betrunken. Ist voller Dämonen, unbekannter und eige-ner. Sie lässt uns nicht schlafen, hält uns umschlungen, weckt Sehnsucht, Ängste, Liebe, Wahnsinn und Wut. Die Nacht. Ein Karussell der Emotionen und damit allemal Anlass genug, ihr die Rubrik „Fünf Songs“ zu widmen.

COREY HEART – SUNGLASSES AT NIGHT (1984)

Über den textlichen Inhalt mancher Hits – man mag fast schon sagen „Oldies“ – aus den 80ern macht man sich selten Gedanken. Dass diese Auseinandersetzung lohnenswert und vor allem überraschend sein kann, zeigt Corey Hearts „Sunglasses At Night“ aus dem Jahr 1984. Oder wusste irgendjemand, dass der kanadische Popmusiker mit diesem Song eine wunder-bare Metapher geschaffen hat, die nicht etwa coole Partypeople mit ihren hippen Sonnen-brillen beschreibt, sondern vielmehr das Licht am Ende des Tunnels, obwohl gerade alles schiefläuft? Denn darum geht es: das Gefühl, sich selbst verfremden zu wollen, um Abstand zu einer Erkenntnis zu gewinnen (in diesem Falle, oh Überraschung: diese Frau betrügt mich und macht mir etwas vor!). Noch im dunklen Licht der Nacht ist dann ein Hoffnungs-schimmer zu sehen. Verzweiflung, Liebe, Eifersucht, aber auch Hoffnung – in diesem Song steckt alles. Zugegeben, der immerzu wiederholte Satz „I wear my sunglasses at night“ lässt sich auch viel einfacher interpretieren: Die letzte Nacht war einfach zu wild, ich sehe so fer-tig aus – da lasse ich die Sonnenbrille auf der morgigen Party lieber auf.

W. A. MOZART – EINE KLEINE NACHTMUSIK (1787)

Was hat der „Frühling“ aus Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ mit Puccinis „Nessún Dorma“ ge-meinsam? Und was verbindet diese beiden wiederum mit Bachs „Badinerie“ und Wagners „Walkürenritt“? Alle diese Stücke finden sich mit hoher Wahrscheinlichkeit gemeinsam auf Titellisten von CDs wieder, die Namen tragen wie „Meisterwerke der Klassik“, „Classic Moments“, „Höhepunkte der Klassik“ oder – ganz kreativ – „Klassik classics“. Es handelt sich dabei um Kompilationen, die im besten Fall ein netter Zusammenschnitt sind von „Ha-be ich schon mal gehört“ und „Kenne ich irgendwoher“. Im schlimmsten Fall sind es Fetzen, die aus ihrem angestammten Lebensraum gerissen wurden wie ein einsames Eisbärpärchen im Tierpark. Dieses bittere Schicksal widerfährt auch der „Serenade Nr. 13 für Streicher in G-Dur“ von Mozart viel zu oft. Die kennen Sie nicht? Klar doch! Das ist die „Kleine Nacht-musik“ – die mit dem markanten Anfangsthema im ersten Satz. Dieser Satz, Allegro, ist es auch, der stets den Weg auf die besagten Klassik-Sampler findet. Schade eigentlich, denn der Rest (drei weitere Sätze) ist ebenso hörenswert; kompositorisch ausgefeilt, aber doch gänzlich unaufgeregt und keine schwere Kost. Das wäre dann doch etwas, das die Aufnahme des Werks auf einen Klassik-Sampler rechtfertigte. Ach ja, dazu kommt noch die Tatsache, dass die „Kleine Nachtmusik“ tatsächlich ein Werk der Klassik ist – im Gegensatz zu den vier Eingangsbeispielen.

PATTI SMITH – BECAUSE THE NIGHT (1978)

Viele Köche verderben den Brei, heißt es. Viele qualitativ fragwürdige Coverversionen ver-derben den Hit. Heißt es nicht, ist aber so im Fall von „Because the Night“, einem Dauer-brenner im Mainstreamradio und festem Bestandteil jeder durchschnittlichen Erwachsenen-party. Eigentlich ein guter Song mit noch besserer Geschichte: Bruce Springsteen schreibt Ende der 70er ein Stück über Liebende, Nacht und Leidenschaft, mag seine eigene Aufnah-me aber nicht besonders und lässt es kurzerhand von Patti Smith und ihrer Band einspielen. Warum? Weil die zufällig gerade im Probenraum nebenan zugange sind. Smith überarbeitet die Lyrics, Springsteen ernennt sie zur Co-Writerin, 1978 entert die Single die weltweiten Hitlisten, und der Grundstein für unzählige Kopien ist gelegt: Neben der Dorfdisko-Version des deutschen Eurodance-Sternchens Cascada sind da beispielsweise die 10.000 Maniacs mit ihrer Alternative-Variante, außerdem etliche weitere Tanz-, Geigen-, Schrammel-, Tripho-pinterpretationen, auch spanische, japanische und geflüsterte. Darunter immer wieder ein Charterfolg. Ja, viele Köche verderben den Brei. Aber in diesem Fall eben auch: Der älteste Tropfen ist immer der beste. Klebt vielleicht ein bisschen, schmeckt aber auch nach über 30 Jahren.

BEE GEES – NIGHT FEVER (1977)

Um Barry ist es einsam geworden. Jahrelang standen die Brüder Gibb unter dem Bandnamen „Bee Gees“ erfolgreich gemeinsam auf der Bühne. Nun ist nach Maurice vor kurzem auch Robin Gibb gestorben. Die Bee Gees sind also offiziell Geschichte, während Barry Gibb zu Ehren seiner Brüder solo weitermachen will. Aus der Bee Gees-Zeit legendär bleiben wird aber vor allem der 1977 erschienene Soundtrack zu „Saturday Night Fever“, der Songs wie „How Deep is Your Love?“, „More Than a Woman“ und auch dieses Prachtstück – „Night Fever“ – enthält. 40 Millionen Mal wurde der Soundtrack verkauft und ist damit das erfolg-reichste Album der australischen Gruppe. Davon hat nicht nur sie selbst profitiert. Sollten die Originalaufnahmen der Bee Gees irgendwann einmal an Anziehungskraft einbüßen, so gibt es immer noch Teenie-Schwärme wie die Boygroup „Take That“, die ihre Songs erfolg-reich covern. „Night Fever“ ist jedenfalls auf jeder Jugendsünden-Party zu hören und ein-fach so tanzbar, dass ihn die DJs wahrscheinlich auch noch spielen werden, wenn die drei uns nachfolgenden Generationen ihre ersten fiebrigen Partynächte abfeiern.

BOSSE – DIE NACHT (2011)

„Im nächsten Stück geht es um jemanden, von dem du genau weißt, dass er dir nicht gut tut, der dich aber trotzdem irgendwie nie loslässt.“ So oder ganz ähnlich kündigte ein ver-schwitzter Axel Bosse im vergangenen Februar diesen Song an – zu seinen Füßen eine mucksmäuschenstille Menschenmasse im ausverkauften Capitol. Knapp, aber stimmig: Track Nummer vier auf Bosses viertem Studioalbum „Wartesaal“ ist ein romantischer Auf-schrei in Bildern, eine Liebeserklärung ohne Beziehungsabsichten, die nachts keiner Worte bedarf und im helllichten Alltag nichts zu suchen hat. In klarer Sprache geht es da um ver-klärte Erinnerung („Du blitzt auf und spielst verrückt wie tausend alte Fotostrecken“), den kleinen dunklen Schwachpunkt auf jedem Herzen und das unsichtbare Band, das nur die Nacht skrupellos zwischen zwei Menschen aufspannt, um so lange daran zu ziehen, bis es wehtut. Zum Glück folgt auf die nächtliche Verirrung am Morgen wieder das echte Leben („Dann kommt Sonne in die Fenster und du bist komplett verschwunden, noch nicht mal ein Gefühl“). Und im Zuge sorgfältiger Kopfhygiene waschen sich abgestandene Gedankenfilme zusammen mit Zigarettendunst und Biergeruch ganz von selbst in den Ausguss. Bis zur nächsten Dämmerung.

 

Anne Kleinfeld/Benedikt Spangardt/Anthrin Warnking

Bildnachweis: Paul Sklorz

2018-10-13T18:14:08+00:00 Oktober 2012|Kategorien: Licht und Dunkelheit|Tags: |