Plattenkritik – Licht und Dunkelheit

NICOLAS STURM – NICOLAS STURM

„The times they are a-changin’“ – nicht jedoch bei Nicolas Sturm. Gleich im elegisch-epischen „Prolog“ wird klar, in welchen Schubkästen des Gehirns sich der 30-Jährige mit seinem Debütalbum festsetzen möchte. „Don’t think twice, it’s all right“ schrieb Bob Dylan 1962, fünfzig Jahre später streut Sturm englischsprachige Sprengsel wie „Baby don’t think twice, because it’s alright“. Die Anlehnung an Dylan scheint dem Sänger und Songschreiber, der unter anderem in Hannover aufgewachsen ist, eine Herzenssache zu sein. Schon auf seiner vor zwei Jahren veröffentlichten EP „Doppelleben“ gingen Sturms „Regenhunde No. 53“ mit Dylans „Rainy Day Women #12 & 35“ Gassi. Das Debütalbum ist voller anglo-amerikanischer Referenzen von Woody Guthrie bis Buddy Holly. In „Herzkammer“ lädt dann Johnny Cash zum Line Dance. „Löcher“ ist ungeheuer eingängig, „Schiffbruch“ zarter, auf der Bettkante vorgetragener Indie-Folk. Sturms rauchige Stimme überbringt auf den zwölf Tracks des Albums dabei Texte wahlweise fürs Poesiealbum („Ein Kuss brennt auf den Lippen und der Westwind weht ihn fort“), für den nächsten Banksy („Erinnerungen brennen so schlecht“) oder den neuen Jutebeutel („Der Okzident war dir zu dekadent“). Da das Album am Ende etwas ausfranst, hätte man sich zum Abschluss nochmals ein Machtwerk wie „Prolog“ gewünscht, eben einen Epilog. Man kann aber auch Haare spalten.

Label: PIAS Germany
Mehr davon: www.nicolassturm.de

Katharina Bock

KLÄMPNER – HYPERPIPE

Im vergangenen Jahr hörte und sah man auf Hannovers Stadtfesten noch eine Gruppe Blaumänner mit ordentlich Blech auf der Bühne und deutsch philosophierenden „Freiheit“-Texten zu karibischen Reggae-Rhythmen. Der „KlÄmpner“-Frontmann wurde nun allerdings gegen eine Frau in Blau getauscht: Natascha Bell mit giftroten Dreadlocks und einer weniger derben, dafür aber souligen Stimme. Der Off-Beat ist „Hyperpipe“ erhalten geblieben und trägt, wie ein kontinuierliches Plätschern in Hannovers Rohrleitungen, durch die fünf Songs. Der erste Track „Intimacy“ zeichnet sich weniger durch ausgefeilte Poesie, als vielmehr durch eingängige Hooks der Bläser aus. Die setzen sich angenehm im Gehörgang fest. Im nächsten Song pömpeln die „KlÄmpner“ weiter darauf los und hoffen mit „Nobody can stop me“ die Leichtigkeit zu erhalten. Das gelingt ihnen, bis Blaufrau Bell den Spagat zwischen angestrengter Soulstimme und Reggae versucht und ihr dabei die Mühelosigkeit abhandenkommt. Zurücklehnen kann man sich dafür bei „Rules of life“, und bei dem Track „Vacation“ sieht man sich im Strandkorb am Leineufer entspannen. „World made of clocks“ schließt „Hyperpipe“ mit jazzig-dissonanten Klängen ab. Abschließend beweisen sie nochmals, dass es sich hierbei um eine sauber produzierte Platte handelt, die der nächste Klempner beim Pömpeln laut aufdrehen sollte.

Label: –
Mehr davon. www.klämpner.de

Samira Leitmannstetter

SHUBANGI & THE MAXONS – MASALA KINGDOM REMIXED

Ein Aufruf im sozialen Netzwerk Facebook legte den Grundbeat für die Remix-EP der Münsteraner Band Shubangi & The Maxons. „Masala Kingdom“, angelehnt an das grell-rote indische Masala-Gewürz, bewies im November 2011, wie man Hip-Hop-, Funk- und Soul-Elemente in Einklang bringen kann. Gepaart mit dem kräftigen Stimmorgan von Frontfrau Shubangi hatte die Platte eine Handvoll eingängiger Melodien in petto. Mit den virtuellen Freunden kommen nun ganz frische Gewürze ins Spiel und vermischen sich mit den alten Vocals und Beats. Die Remix-Künstler nennen sich Tweezer oder Hempex und weisen mit ihren Namen bereits phonetisch die Richtung, die diese EP einschlagen will: tweeezzzz. pexxxx. Tiefe Elektrobeats, spacige Dance-Elemente und eine kleine Brise Dubstep spiegeln den Facettenreichtum der Gewürzmischung Masala 2.0 gut wider. So legen sich die elektronischen Beats beispielsweise in Tweezer’s Version von „Music“ scharf auf Shubangis Stimme und geben sie erst in allerletzter Sekunde wieder frei. Dagegen ist im Remix von „Jungle Queen“ von der Gesangsspur nicht mehr als ein kleiner Rest Synthie-Chor übrig geblieben. Wer bei „Masala Kingdom Remixed“ also auf neue Stimmwunder der Münsteraner Sängerin hofft, wird hier leider enttäuscht werden.

Label: nur digital
Mehr davon: www.shubangi.com

Samira Leitmannstetter

HERMELIN – ERZWO

Die vier Hannoveraner der Gruppe „Hermelin“ meldeten sich vor Kurzem mit ihrem bereits dritten Album „Erzwo“ zurück. Darauf schaffen sie in knapp 40 Minuten etwas, das nicht allen Post-Rock-Bands dieser Zeit gelingt: In den drei (!) Liedern wurde eine solide Balance zwischen melodischen, verträumten, für den Postrock geradezu typischen Passagen und richtig harten Kracherparts kreiert. Auch wenn man immer wieder starke Anklänge an Vorbilder wie Tool oder Kyuss heraushört, überrascht die Vielfältigkeit des Quartetts. Was Post-Rock ausmachen sollte, nämlich Geschichten ohne Worte nur durch Musik zu erzählen, schaffen auch Hermelin. Mit ihrem Spagat „Sanft und melodisch vs. laut und auf die Zwölf“ setzen sich die Hannoveraner in der deutschen Post-Rock-Szene fest und erfreuen sich steigender Beliebtheit. Die Band hat offensichtlich ein Herz für ihre Fans, sodass man „Erzwo“ kostenlos von ihrer Bandcamp-Seite herunterladen kann. Wer den Jungs etwas zurückgeben möchte, kauft sich die CD mit selbst gebasteltem Cover.

Label: Digital Kunstrasen
Mehr davon: www.hermelinband.de

Erik Klügling

STEVE FROM ENGLAND – ROONEY!

Mit ihrer EP, die womöglich nur aus Zufall so heißt wie der englische Fußballspieler, hauen die fünf Jungs aus Hannover ordentlich auf den Putz. Sie gehen mit ihrem eigenen Erfolg zwar eher ironisch um und bezeichnen ihren Musikstil als „German-Amateur-Hardcore“, doch Amateure sind sie schon lange nicht mehr ̶ im Gegenteil. 2011 kürte der „Metal Hammer“ Steve From England zu den „Helden von Morgen“, und das aus gutem Grund. Auch wenn es diesmal keine 14-Song-LP ist, so schlagen die sechs Titel ein wie eine Bombe. Jeder wird unterstützt von Crew-Shouts und ist durchzogen mit ausgereiften und perfektionistisch eingespielten Gitarrenmelodien. Die Platte stellt ein schlüssiges Gesamtkunstwerk dar, das im Vergleich zum Vorgänger „Serenity is just a Relic“ (2010) noch druckvoller, gleichzeitig aber auch eingängiger ist. Die Texte, immer mit einer Prise Ironie oder Kritik versehen, kommen durch Sänger Martin und dessen energischen Shout-Stil, der sich wie Schmirgelpapier anfühlt, stark zur Geltung. Die Gitarrenparts lassen professionelle Arbeit und Feingefühl erkennen. Obwohl die Eigenproduktion im Proberaum der Band ̶ unter der Regie von Drummer Alex ̶ entstand, kann sich „Rooney!“ mit den professionell in teuren Label-Studios produzierten Alben großer Bands messen, klingt dabei aber rauer und authentischer. Zu empfehlen ist die ganze Platte, hervorzuheben sind vor allem der erste Song „Black Flags“ und der vierte „Just Another Wisdom, Kid“.

Label: –
Mehr davon: www.stevefromengland.de; www.facebook.com/stevefromengland

Josephine Hartmann

2018-10-13T17:58:38+00:00 Oktober 2012|Kategorien: Licht und Dunkelheit|Tags: |