Botschafter der Revolte

Wenn Mode und Musik politisch werden

Noch bevor wir morgens das Haus verlassen, trifft jeder von uns die erste politische Entscheidung. Nämlich vor dem Kleiderschrank. Manch einer tut das ganz bewusst, ein anderer unbewusst. Das Politische aber bleibt. Denn an unserer Kleidung können wir einander erkennen. Wir können unser Gegenüber zuordnen und uns selbst als Mitglied einer Gruppe zu erkennen geben. Wir können uns selbst ausdrücken, uns wohlfühlen, und wir können Botschaften senden. Auch die Pop-Welt weiß das und nutzt Mode zuweilen gezielt als Mittel zur Kritik an gesellschaftlichen und politischen Verhältnissen.

„Mode bildet die Grenze zwischen uns selbst und der Außenwelt“, sagt Martina Glomb, die seit zehn Jahren an der Hochschule Hannover im Studiengang Modedesign lehrt und ihn seit circa acht Jahren auch leitet. Ihre Karriere führte Glomb von Bremen nach Italien und England, wo sie unter anderem als Chef-Designerin der Labels Anglomania und Red Label von Vivienne Westwood arbeitete.

An Vivienne Westwood führt beim Thema „Political Fashion“ kein Weg vorbei. In ihrem Artikel zu Westwood und der „Postmodern Legacy of Punk“ beschreibt Shannon Price vom Costume Institute des Metropolitan Museum of Art den Werdegang der Modemacherin. Sie zeichnet dabei nach, wie es Westwood gemeinsam mit ihrem damaligen Ehemann Malcolm McLaren gelang, die Punkbewegung in England entscheidend voranzutreiben und durch Westwoods Designs, dem Lebensgefühl einer neu entstehenden Subkultur optisch Ausdruck zu verleihen. Einer Subkultur, die sich absetzte von den etablierten Mustern und die sich bewusst gegen die älteren Generationen wandte. Dieses Lebensgefühl spiegelte sich auch in der Musik von Bands wie den New York Dolls und den Sex Pistols wider. Beide Gruppen wurden damals von Malcolm McLaren gemanagt, der ein Händchen dafür hatte, die Künstler medial in Szene zu setzen. Die Musiker provozierten musikalisch wie auch modisch, zum Beispiel mit Slogan-Shirts, die die Aufschrift „Please Kill Me“ trugen.

Westwood und McLaren legten mit ihrer Arbeit den Grundstein für eine Verbindung von Mode, Musik und Medien – weil sie wussten, wie man sich inszeniert und wie man provoziert. Die Sex Pistols waren dabei durch ihre Musik, aber eben auch durch ihre Kleidung ein starker Botschafter der politischen und gesellschaftlichen Revolte. Gerade die Fähigkeit zu provozieren ist es, was Mode so ausdrucksstark macht. „Jeder gute Designer sollte immer an der Grenze zur Provokation arbeiten“, sagt Martina Glomb: „Mode kann Gefühle erwecken wie kaum etwas anderes. Oft sind wir aber viel zu schüchtern oder bescheiden, um das voll auszunutzen.“ Obwohl also ein jeder von uns Mode nutzen kann, um sich politisch zu positionieren, haben es Pop- und Punk-Persönlichkeiten wie Miley Cyrus, Lady Gaga, Madonna und Nina Hagen mit ihrem Hang und Zwang zur Selbstinszenierung meist etwas leichter und können durch ihre Bekanntheit eine ganz andere Wirkung mit gesellschaftlichen Botschaften erzielen.

Dennoch: Um eine wirkungsvolle Botschaft zu senden, bedarf es nicht nur der Provokation, sondern immer auch der „Authentizität“, also der Glaubwürdigkeit der „Botschafterin“. Vivienne Westwood, die sich selbst nicht unbedingt als wichtige künstlerische Persönlichkeit wahrnimmt, sondern als Handwerkerin und Aktivistin, gelingt es durch ihre authentische Art immer wieder, Botschaften zu senden, die auch für die Massen leicht zu lesen sind.

Fehlt die Authentizität aber, schlägt die Aussage fehl. Lady Gaga und ihr berühmtes Fleischkleid von Designer Franc Fernandez sind ein Beispiel dafür, wie eine zunächst gekonnt inszeniert wirkende Provokation ohne die nötige Glaubwürdigkeit ihr Ziel verfehlen kann. In ihrem Essay „Not a Piece of Meat“ schreibt die Autorin Lucy O’Brien, das Kleid hätte ein starkes Signal für Feminismus und gegen die Feilbietung der Frau als Ware in der Pop-Industrie sein können, hätte Gaga die Botschaft nicht mit einer konfusen Eigeninterpretation zunichtegemacht. Die Künstlerin gab damals an, das Kleid setze ein politisches Zeichen sowohl für die Rechte von homosexuellen US-Soldaten als auch für die Rechte von Tieren.

Offen bleibt, ob Lady Gaga diese Werke tatsächlich nicht kannte und damit lediglich eine Marionette ihrer Stylisten war oder ob sie bewusst unter Verschluss gehalten hat, worauf das Kleid anspielte. Für Lucy O’Brien steht aber fest, dass es Lady Gaga durch diese schwammige Aussage misslang, sich in die Reihe von Künstlerinnen wie Linder Sterling, Carolee Schneemann oder Helen Chadwick einzuordnen, die allesamt durch mit Fleisch dekorierte Körper ein feministisches Zeichen setzten. Denn obwohl sich Gagas Kleid an die Werke dieser Künstlerinnen anlehnte, verlor es durch den fehlenden ausdrücklichen Bezug seine Bedeutung.
Es überrascht daher nicht, dass Lady Gaga auch von ihren Vorreiterinnen für das Kleid kritisiert wurde. In einem Interview mit dem „Guardian“ zeigte sich Linder Sterling 2014 verärgert über die fehlende Würdigung ihrer Pionierarbeit und wies darauf hin, dass ihre Generation ihre künstlerischen Einflüsse stets kundgetan habe. Auch Martina Glomb stellt die Echtheit solcher Aktionen infrage. Sie vermutet, dass es sich bei Gagas Fleischkleid lediglich um ein Mittel gehandelt habe, Aufmerksamkeit für die eigene Person zu erzeugen. „Allerdings“, fügt sie hinzu, „auch das wäre politisch.“

Hat ein Künstler aber die nötige Portion Glaubwürdigkeit oder ein bestimmtes Image, so kann die politische Botschaft, die er vermitteln möchte, sehr wirkungsvoll sein. Deichkind haben das vergangenes Jahr mit ihrem Auftritt beim „Echo“ vorgemacht. Dort traten alle Bandmitglieder einheitlich in weißen Jogginganzügen mit der Aufschrift „Refugees Welcome“ auf und setzten damit ein Zeichen gegen die flüchtlingsfeindlichen Stimmungen in Deutschland. Die Aktion kam so gut an, dass Deichkind die Anzüge im Anschluss bei EBay versteigerten und den Erlös von knapp 1600 Euro an ProAsyl spendeten. Weil die Nachfrage von Fans und Unterstützern damit aber noch immer nicht gestillt war, brachte die Band zusammen mit ihrem Merchandising-Partner Bravado im Juni 2015 eine Refugees-Welcome-Kollektion auf den Markt, die man online erwerben kann und deren kompletter Erlös erneut an ProAsyl geht. Alle Teile sind laut Bravado mit biologisch angebauter Baumwolle fair produziert.

„Solche Zertifizierungen müssen natürlich geprüft werden“, sagt Martina Glomb und spricht die Themen Green Washing und Fake Sustainability an. „Es wird viel behauptet, was gar nicht stimmt. Es ist auch die Aufgabe von uns Modedesignern, solche Siegel zu prüfen. Doch auch die Konsumenten müssen mehr gebildet werden.“ Die Aktion von Deichkind findet sie allerdings gut. „Deichkind machen tolle Musik und sind sehr gute Identifikationsfiguren, die durch ihre Outfits oft bestimmte Botschaften vermitteln. Das T-Shirt ist deshalb so gelungen, weil es ein aktuelles politisches Thema aufgreift, über das sich viele Leute Gedanken machen.“ Glomb hält es außerdem für besonders wirkungsvoll, dass Deichkind nicht versucht haben, an die Moral der Leute zu appellieren, sondern das Thema positiv konnotierten. Sie zitiert den Soziologen Harald Welzer, der es für viel wirkungsvoller hält, positive Geschichten von nachhaltigen Projekten zu erzählen, anstatt mit Katastrophenszenarien zu agitieren.

Natürlich gab es auch für Deichkinds Aktion Gegenwind, vor allem von rechts. Dazu schreibt die Band in typisch ironischer Deichkind-Manier auf ihrer Facebook-Seite: „Liebe Rightwing-Schmerzkörper: Dies ist keine PR-Aktion… wir waren vorher schon berühmt ;-).“

Lady Gagas Fleischkleid provozierte durch sein Material, Deichkinds Jogginganzüge überzeugten durch ihren Aufdruck und die Klarheit der Botschaft. Doch welche Möglichkeiten gibt es noch, um mit Mode politische Statements auszudrücken? „Slogan-Shirts sind natürlich der Klassiker. Die können auch heute noch gut getragen werden“, sagt Martina Glomb. Parolen wie „Make love, not war“, die in den sechziger Jahren aufkamen, werden dabei aber zunehmend verfremdet und verkürzt und heißen dann plötzlich nur noch „Make love“.

Auch über Schnitte lassen sich bestimmte Botschaften senden: Die Sängerin La Roux kleidet sich zum Beispiel bewusst androgyn, um sich damit von ihren Kolleginnen optisch abzusetzen. Der heutige Trend, Unisex-Teile zu produzieren, die sowohl Männern als auch Frauen gut stehen, illustriert daher besonders gut die gesellschaftlichen Veränderungen beim Thema Gender. Doch auch die Grenzen zwischen den Generationen verwischen laut Glomb durch Unisex zusehends, denn Alt wie Jung könnten solche Teile tragen. Die wichtigste Botschaft, die Unisex-Teile vermittelten, sei die der vereinfachten Produktionsbedingungen: Gibt es nur einen Schnitt, können in gleicher Zeit mehr T-Shirts produziert werden, was langfristig die Löhne in der Textilindustrie erhöhen könnte.

Die Besinnung auf faire und ökologische Produktion drückt sich auch über Zero-Waste-Schnitte aus, bei denen durch viereckige Formen der Kleidung oder durch bestimmte Techniken, die Stoffe zu legen, keine Reste entstehen und somit nichts weggeworfen werden muss. Ebenso zählen Redesign und Upcycling, also neue Stücke, die aus alten Stücken kreiert werden, inzwischen zu beliebten Design-Techniken.

Es ist folglich nicht zwingend ein leicht zu lesender Slogan auf einem T-Shirt, der eine politische Botschaft vermittelt, sondern eben auch die Machart der Teile, die ein gewisses Bestreben ganz subtil ausdrücken kann. Wenn solche Stücke zum Nach- und Umdenken anregen, ist langfristig viel gewonnen. „Modedesigner müssen bewusst machen, wie Verschwendung und Ungerechtigkeiten in der Welt minimiert werden können“, sagt Martina Glomb. Nur so können die Konsumenten langfristig zu bewussten Kaufentscheidungen bewegt werden. Und das sollte das Ziel von Designern sein: „Dass Menschen wissen, was sie tragen. So kann jeder durch die Wahl seiner Kleidung ein bewusstes politisches Statement setzen.“

Marlene Seibel

2017-10-12T17:51:19+00:00 Oktober 2017|Kategorien: Mode(n)|