Ich bin dankbar für die Menschen, die mir eine Chance geben

Der Albaner Erald berichtet über die Situation in seiner Heimat und die Hoffnungen, die er mit einem Leben in Deutschland verbindet

Eine Flucht hat viele Gesichter – jeder geflüchtete Mensch trägt sein individuelles Schicksal mit sich. Wir haben uns mit Erald (25) getroffen, einem Studenten aus Albanien. Nach einem abgeschlossenen Studium trieb es Erald im Sommer 2015 auf Grund politischer Missstände und einer absoluten Perspektivlosigkeit nach Deutschland. Im folgenden Interview erzählt er uns von den Umständen, die ihn zu dieser Entscheidung gebracht haben, von seinem Weg hierher, von seiner Familie und von seinen Freunden und von seinem Leben in Deutschland.

Erald, seit wann bist du in Deutschland?
Ich bin vor ungefähr sechs Monaten nach Deutschland gekommen. Albanien habe ich am 10. Juli 2015 verlassen und bin zuerst nach Griechenland gereist. Meine Heimatstadt in Albanien liegt in der Nähe der griechischen Grenze – da bin ich einfach mit dem Taxi nach Thessaloniki gefahren. Dort bin ich einen Tag geblieben und dann nach Hamburg weitergeflogen.

Wie kam es dazu, dass du nun hier in der Nähe von Hannover lebst?
Ich war zwei Wochen in Hamburg in einer Erstaufnahmeeinrichtung. Dort wurde entschieden, dass ich nach Bramsche in ein Flüchtlingsheim komme. Da habe ich zwei Monate und neun Tage gelebt. Daraufhin wurde ich nach Neustadt am Rübenberge versetzt. Nachdem ich auch dort in einer Flüchtlingseinrichtung gewohnt habe, lebe ich nun seit ca. vier Wochen gemeinsam mit einem Freund, auch ein Flüchtling aus Albanien, den ich in Bramsche kennengelernt habe, bei einem Pfarrer der katholischen Kirche.

Bist du allein geflohen? Oder mit deiner Familie?
Ich bin allein geflohen, meine Familie und meine Freunde sind alle nach wie vor in Albanien. Meine Eltern haben dort einen kleinen Bauernhof, mit dem sie ihren Lebensunterhalt verdienen.

Wie hat deine Familie reagiert?
Sie waren überrascht und sehr traurig, aber sie haben meine Entscheidung unterstützt. Ich skype viel mit meiner Familie und meinen Freunden – das ist der Vorteil an so einem Smartphone.

Welcher Tätigkeit bist du vor deiner Flucht in Albanien nachgegangen?
Ich habe zuerst meinen Bachelor in Philosophie und Soziologie abgeschlossen. Außerdem habe ich ein Semester Psychologie studiert. Danach habe ich meine Masterprüfung in Sozialphilosophie abgelegt. Nachdem ich mein Masterstudium absolviert hatte, entschloss ich mich nach Deutschland zu kommen. In Albanien gab es keine Zukunft für mich. Wir haben viele Probleme dort, von denen die meisten Menschen nichts wissen. Vor allem politische Probleme.

Wie gefällt dir Deutschland?
Ich mag Deutschland so, so gerne. Ich möchte nicht zurück.

Wie waren die Menschen zu dir in Hamburg als du ankamst?
Sie waren sehr freundlich zu mir. Eigentlich waren die Menschen bisher alle freundlich zu mir. Ich habe sehr wenig Feindseligkeit erlebt.

Wie kann man sich das Leben in einem Flüchtlingsheim vorstellen?
Das Heimleben ist sehr speziell. Es war eine krasse Erfahrung, mit ca. 6000 Menschen aus unterschiedlichen Nationen zusammenzuleben. Total verrückt. Ich habe mich mit allen gut verstanden. Es war nicht so, dass die unterschiedlichen Nationen nur mit ihresgleichen Kontakt hatten. Wir sind alle Flüchtlinge – das ist eine große Gemeinsamkeit. Ich habe viele Freunde gefunden, und dabei hat die Nationalität keine Rolle gespielt. Mit vielen pflege ich bis heute den Kontakt.

Wie sieht ein normaler Tagesablauf in solch einem Heim aus?
Ich war der „springende Übersetzer“ und wurde überall gebraucht, wo eine Übersetzung ins Albanische notwendig war. Die meiste Zeit habe ich aber in einem kleinen Krankenhaus verbracht. Morgens habe ich den Garten und die Wege zum Flüchtlingsheim gesäubert; dafür habe ich ein wenig Geld bekommen. Ich schäme mich nicht, solch eine Arbeit übernommen zu haben. Da ist es auch egal, ob man einen Abschluss an einer Universität gemacht hat oder nicht.

Wie ist dein Status im Moment ?
Ich bin Asylsuchender. Es ist sehr schwierig für Menschen wie uns – also Menschen aus Albanien oder aus einem anderen Balkanstaat. Die deutschen Behörden behaupten, dass Albanien ein sicheres Land ist.

Wie ist die Situation in Albanien?
In Albanien gibt es keine Meinungsfreiheit. Man könnte es mit einem Apfel vergleichen: Von außen ist er rot und schön und sieht sehr lecker aus, doch schneidest du ihn in der Mitte durch, ist er madig und faul. Albanien ist kein demokratisches und freies Land, das ist eine Fehlinformation. Wenn man seine Meinung zu laut kundtut, wird man verfolgt und dafür verurteilt.

Was war der ausschlaggebende Grund für dich, Albanien zu verlassen?
Die politische Situation! Ich habe mich immer frei geäußert zu politischen Geschehnissen oder staatlichen Instanzen. Es wurden nur falsche Versprechungen gemacht. Ich habe studiert, um einen Job zu bekommen. Meine Eltern haben all ihr Geld dafür investiert, mir eine Perspektive zu ermöglichen, doch nach meinem abgeschlossenen Studium gab es keine Arbeit für mich. Albanien ist ein sehr korruptes Land. Um einen Job zu bekommen, brauchst du etliche Empfehlungsschreiben, und dafür musst du mehrere tausend Euro bezahlen. In so einem Empfehlungsschreiben steht eigentlich nur, dass du so und so politisch eingestellt bist. Eines Tages bin ich nach Hause gegangen, als mich ein Auto verfolgte und ich als Kommunist beschimpft wurde – einige Minuten später versuchten sie mich zu überfahren. Sie haben mich zwar nicht richtig erwischt, aber als ich das Blut meinen Nacken hinunterlaufen spürte, wurde mir klar, dass ich gehen muss. Mir war klar, ich werde hier keine Zukunft haben.

Ist man vor Ort einer konkreten Gefahr ausgesetzt?
Es schaut aus, als wäre alles friedlich, aber wenn man länger als zwei Monate in diesem Land lebt, bemerkt man eine riesengroße Katastrophe. Es ist nicht einfach, dort zu leben.

Dein Deutsch ist sehr gut, seit wann sprichst du Deutsch?
Ich habe, sobald ich nach Deutschland kam, angefangen Sprachkurse zu belegen. Derzeit besuche ich dreimal die Woche einen Sprachkurs. Ich mache ein Praktikum in einer Kunstschule und habe dadurch sehr viel Umgang mit Kindern. Das hilft mir enorm, mein Deutsch zu trainieren. Außerdem bin ich Gasthörer in der Leibniz-Universität im Studiengang Philosophie. Ich habe mich für ein weiteres Studium beworben, allerdings fehlt mir dazu noch das entsprechende Deutsch-Zertifikat. Ich habe vor, diesen Test im April zu machen, und vielleicht kann ich dann bereits im Sommer studieren.

Wie wirkt die deutsche Kultur auf dich?
Super. So großartig anders ist sie nicht als unsere, wir essen zum Beispiel auch sehr gerne Kartoffeln (lacht). Ich finde es bewundernswert, dass viele Deutsche so stolz auf ihr Land sind. Sie sind stolz auf ihr Land, auf ihren Staat und auf Angela Merkel.

Wäre das Studium eine Möglichkeit für dich, in Deutschland bleiben zu dürfen?
Ich weiß es nicht, ich hoffe es sehr. Ich habe so viel über deutsche Philosophen in meinem Studium gelernt: Leibniz, Nietzsche, Wittgenstein, Heidegger …

In welchem Beruf möchtest du am liebsten arbeiten?
Das ist mir egal. Ich würde mich mit allem zufrieden geben. Es muss nicht zwangsläufig etwas sein was ich studiert habe. Ich würde gerne mit Menschen arbeiten, ob mit Kindern, Jugendlichen oder alten Menschen, ist vollkommen egal. Ich möchte gerne ein vollwertiges Mitglied der Gesellschaft werden. Ich bin dankbar für die Begegnungen und die Menschen, die mir jeden Tag die Chance geben, etwas aus meinem Leben zu machen. Ich hoffe so sehr, dass ich in Deutschland bleiben darf.

 

Das Gespräch führte Clara-Liliane Strutz

2017-10-12T17:06:32+00:00 Oktober 2017|Kategorien: Mode(n)|Tags: |