Mehr als Mode

Coverversionen hat es in der populären Musik immer gegeben

Das amerikanische Onlinemagazin „Paste“ kürte im Mai 2015 „50 Cover Songs, die besser sind als das Original“. Gewinner ist Johnny Cash mit seiner Version des Nine-Inch-Nails-Titels „Hurt“. Auf der Liste finden sich ganz unterschiedliche Künstler aus ganz unterschiedlichen Genres – und noch dazu aus ganz unterschiedlichen Jahrzehnten der populären Musik. Das wirft die Frage auf: Sind Cover immer in Mode – und damit eigentlich gar keine Modeerscheinung?

Johnny Cash covert U2s „One“, Daughter legt Daft Punks „Get Lucky“ neu auf, und Robbie Williams zeigt uns seinen ganz eigenen Frank Sinatra. Das Remake im Pop hat viele Gesichter, und man könnte meinen, es sei so alt wie die Musik selbst. „Versteht man unter Cover die neue Fassung eines bereits bestehenden und veröffentlichten Musikstücks, dann hat es so etwas wie Coverversionen in der populären Musik immer gegeben“, sagt Fabian Bade, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover und freischaffender Musiker.

Der Gedanke, dass ein bestimmtes Stück einem konkreten Interpreten zugeordnet und mit diesem verbunden wird, habe sich jedoch erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts herausgebildet. Zuvor waren unterschiedliche Versionen ein und desselben Stücks gang und gäbe. Auch das Genre spielte hierbei keine Rolle: Von den Tin-Pan-Alley-Massenproduktionen über Jazz-Standards bis hin zu Blues, Rhythm & Blues und Rock ’n’ Roll – verschiedenste Interpreten versuchten sich an den verschiedensten Titeln. Erst die Fernsehbilder der fünfziger Jahre trugen dazu bei, dass ein Stück plötzlich mit seinem Interpreten assoziiert wurde.

Doch auch marktpolitische Entscheidungen sorgten in der Mitte des letzten Jahrhunderts zumindest in den USA für die vermehrte Aufnahme von Coverversionen. „Die unterschiedliche Finanzkraft der schwarzen und weißen Bevölkerungsschichten führte dazu, dass häufig unterschiedliche Versionen für verschiedene Absatzmärkte innerhalb des Landes produziert worden sind“, sagt Fabian Bade. Hinzu kam aber sicherlich auch die politische Gesinnung vor allem der weißen Bevölkerung, die den Erfolg afroamerikanischer Künstler auf bestimmten Märkten unmöglich machte. So gelangte beispielsweise der Hit „Hound Dog“ der schwarzen Künstlerin Willie Mae „Big Mama“ Thornton zwar 1953 auf Platz eins der Rhythm & Blues-Charts, das Remake von Elvis Presley drei Jahre später aber verkaufte sich um einiges besser und führte schnell eine Vielzahl anderer Hitparaden an.

Auch heute wird weiterhin wild gecovert. Dabei spielt es keine Rolle, ob der Künstler, der eine Coverversion aufnimmt, bereits etabliert oder noch unbekannt ist. Remakes bieten für beide Gruppen viele Chancen: Ein gestandener Künstler wie Robbie Williams kann mit einem Cover-Album in einem völlig anderen Stil eine ganz neue Facette von sich zeigen. Und auch junge Künstler können Cover für sich nutzen, um mit ihrer Hilfe Aufmerksamkeit zu erzeugen, die sich dann auf eigene Songs überträgt. So gelang es zum Beispiel der Alternative-Band Boyce Avenue, mit ihren Interpretationen von Coldplay und Rihanna die Fangemeinde auch für das eigene Material zu begeistern. Und selbst manche Komposition profitiert von einer um 180 Grad gedrehten Neuauflage: Wer würde schon die Originalversion von den Bee Gees bevorzugen, wenn er Al Greens großartiges Remake von „How Can You Mend A Broken Heart“ hört?

Marlene Seibel

2017-10-12T17:51:51+00:00 Oktober 2017|Kategorien: Mode(n)|