Mit Technik statt Trompeten

Wie die Digitalisierung die Musikerzeugung revolutioniert

Vom Smartphone bis zur Industrieanlage: Wenn es im Europa des 21. Jahrhunderts einen großen, branchenübergreifenden Trend gibt, dann ist es die Digitalisierung. Nicht umsonst spricht man von der digitalen Revolution, und dass diese auch die Musikbranche gründlich auf den Kopf stellt, hat sich in den vergangenen Jahren bereits deutlich gezeigt. Doch während Streamingdienste wie Spotify oder SoundCloud längst in unserem Alltag angekommen sind, bastelt die Startup-Szene schon wieder an neuen Systemen – und die beschränken sich nicht auf den Bildschirm unseres Computers.

In einem kleinen Büro mitten in Berlin, ganz in der Nähe des Alexanderplatzes, steht eine Kamera und beobachtet mich. Sie registriert jede meiner Bewegungen – ob ich mit einem Fuß wackele oder die Arme kreisen lasse, die Kamera überträgt alles auf den großen Bildschirm, vor dem ich stehe.

Doch was so bedrohlich klingt, ist in Wirklichkeit vielleicht die nächste Revolution der elektronischen Musikerzeugung: „Nagual Dance“ heißt das System, das ich gerade teste, und im Sommer soll es als Spiel für die Xbox auf den Markt kommen. Denn die Kamera überträgt meine Bewegungen nicht nur auf den Bildschirm, sondern sie sendet die Daten auch in das Innere der zahlreichen Computer, die um mich herumstehen – und dort werden meine Bewegungen in Musik umgewandelt, die dann über Lautsprecher ertönt. So soll es in Zukunft für jeden und jede möglich sein, die „eigene Musik“ zum Klingen zu bringen, auch ohne vorher jahrelang auf einem Instrument zu üben.

Das zumindest ist das Ziel von Mark Moebius und Artur Reimer, den beiden Gründern von „Nagual Sounds“, der Firma hinter dem Videospiel. Ursprünglich wollten sie zusammen Musik machen – Moebius ist klassischer Komponist, Reimer Musikproduzent und DJ –, doch entstanden ist stattdessen ein System, das aus den Bewegungen eines Menschen individuelle Musik erzeugen kann. Der Name „Nagual“ stammt von einem alten mexikanischen Volk, den Tolteken. In ihrer Sprache bedeutet „nagual“ etwas Unerklärliches, Unbeschreibliches, das aber jeder Mensch in sich trägt und das sich bei jedem unterschiedlich äußert. Genau dieses „innere Selbst“ soll „Nagual Dance“ sichtbar – oder eher hörbar – machen: Man tanzt zu seiner eigenen, gerade eben live erzeugten Musik.

Ganz ohne Übung kommt man aber auch bei „Nagual Dance“ nicht aus: Während die erste Version dem Spieler völlig freie Hand ließ, bietet die aktuelle Fassung unterschiedliche Schwierigkeitsstufen, auf denen jeweils andere Bewegungen kombiniert werden müssen. „Das Problem war, dass die Leute nicht wussten, was sie genau machen sollen und wie sie was steuern“, erklärt Julian Allescher, der als Grafikdesigner bei „Nagual Sounds“ arbeitet. „Deswegen brauchen wir diese Vorgaben und die Levels, um den Einstieg leichter zu machen.“ Das Ergebnis sind aber keine festen Choreographien, sondern eher Rahmen für die eigenen kreativen Ideen: Wie ein pochendes Herz zeigt ein Kreis auf dem Bildschirm an, wie stark man sich gerade bewegt, und ein Pfeil gibt Hinweise darauf, welche Bewegung man als nächstes in den Tanz einbauen soll, um ein Level weiterzukommen. „Du musst innerhalb von einem Rhythmus bestimmte Muster vollführen, aber es wird dir ja freigestellt, wie du sie ausführen willst“, so Allescher, „du musst nur zu einem bestimmten Zeitpunkt in einer bestimmten Position sein.“ Doch auf allzu schnellen Erfolg sollte man seiner Meinung nach nicht hoffen: „Das kann richtig schwierig werden, zum Beispiel wenn das Tempo zunimmt oder wenn Muster kommen, die man nicht sofort durchschaut. Es ist ja nicht immer alles symmetrisch.“

Daten von einer 3D-Kamera, wie sie bei „Nagual Dance“ genutzt werden, sind übrigens nur eine Möglichkeit, das Musikprogramm zu füttern. Neben dem Videospiel entsteht zurzeit auch eine App, die die Bewegungen eines Mobiltelefons in Musik umwandeln kann. Und auf ihrer Webseite führen die Entwickler noch fantasievollere Beispiele an: Auch profanen Dingen wie Wetterdaten könne man mit der neuen Technologie Harmonien und Rhythmen entlocken.

Die Digitalisierungsbewegung zeigt mit „Nagual Dance“ also wieder einmal, wozu sie fähig ist. Doch was bedeutet das alles nun für die Zukunft der Musik? „Your body is an orchestra“ lautet der Slogan von „Nagual Sounds“ – schließlich lässt sich mit dem System im Prinzip jeder beliebige Klang erzeugen. „Ich glaube wirklich, dass es nur der Anfang ist“, sagt Allescher. „Natürlich weiß ich nicht, wie die Welt in 20 Jahren aussieht, aber mit Sicherheit lassen sich Musikinstrumente programmieren, die man über Körperbewegungen steuern kann. Über Microsoft HoloLens zum Beispiel sieht man im dreidimensionalen Raum Dinge, die eigentlich gar nicht da sind. Damit könnte man dann noch mehr machen, etwa virtuell Klavier spielen.“

Schon jetzt kann man mit Blick auf einige musikalische Startups ahnen, was durch die Verknüpfung von Kamera, Bildschirm und allerlei Kunststücken im Inneren eines Computers vielleicht einmal möglich sein wird. Da ist zum Beispiel „Mogees“, das wie „Nagual Sounds“ mit den endlosen Möglichkeiten der digitalen Musikerzeugung experimentiert: Über einen Vibrationssensor, der an das Smartphone angeschlossen wird, lässt sich jeder beliebige Gegenstand in ein Instrument verwandeln, auf dem dann die unterschiedlichsten Klänge entstehen können. Das New Yorker Startup „Reify“ dagegen produziert mit einem 3D-Drucker individuelle Skulpturen zu jedem Song, die das Musikerlebnis auch haptisch und optisch erfahrbar machen sollen. Diese „Totems“, wie die „Reify“-Gründer die Skulpturen nennen, lassen sich wiederum per Smartphone-App erfassen und werden dann auf dem Bildschirm auch mit einer passenden Animation versehen.

Im Büro von „Nagual Sounds“ wird jedenfalls weiter an der ersten marktreifen Version des Xbox-Spiels gearbeitet. Und wenn die im Sommer erschienen ist – wer weiß, welchem Projekt sich das Team dann als Nächstes zuwendet.

Antonia Emde

2017-10-12T17:54:17+00:00 Oktober 2017|Kategorien: Mode(n)|