Mode zum Anfassen

Die Kostümabteilung der Komischen Oper Berlin

Von außen mag das Rückgebäude der Komischen Oper Berlin noch so nüchtern wirken – sobald man einen Fuß über die Schwelle setzt, wird man hineingezogen in eine Welt voller Farben und Fantasie, in der die Grenze zwischen Realität und Bühne verschwimmt und jeder der zahllosen Räume seine Geheimnisse zu haben scheint. Hinter jeder Ecke glaubt man auf Papageno aus der „Zauberflöte“ zu treffen, auf Professor Higgins aus „My fair lady“ oder auf einen der anderen Charaktere, die hier seit über hundert Jahren Abend für Abend zum Leben erweckt werden. Heute zum Beispiel steht „Xerxes“ auf dem Programm, eine Oper von Georg Friedrich Händel – und auf Bitten von „Saitensprung“ entführt der Perserkönig unsere Leser höchstpersönlich hinter die Kulissen der Komischen Oper.

„Wenn sich in ein paar Stunden der Vorhang hebt und ich die Bühne betrete, werden hunderte Augenpaare auf mich gerichtet sein. Das bin ich natürlich gewohnt – und doch werden Sie sicher Verständnis dafür haben, dass ich mich dieser Situation nur bestens gekleidet stellen möchte. Die richtige Kleidung bestimmt schließlich nicht nur über den ersten Eindruck, den das Publikum von mir bekommt, nein, sie sagt unendlich viel über mich aus: über die Zeit, aus der ich stamme, über meinen gesellschaftlichen Stand, meinen Beruf, mein Alter; nicht zuletzt auf meinen Charakter ziehen die Zuschauer ihre Schlüsse. Daneben gilt es andere Dinge zu beachten: Kann ich mich in meinem Kostüm gut bewegen? Lassen sich die Verschlüsse schnell öffnen, wenn die Kleidung innerhalb von Minuten oder gar Sekunden gewechselt werden muss? Ist der Stoff widerstandsfähig genug, um häufig gereinigt zu werden? Können Flecken, wie sie das Leben an meinem großen Hof nun einmal mit sich bringt, problemlos entfernt werden?

Sie sehen, es gibt einige Gründe, sich genau zu überlegen, in welchem Kostüm ich Abend für Abend auf die Bühne trete. Zum Glück muss ich dieses Problem nicht allein lösen: Über 20 Leute arbeiten in der Kostümabteilung daran, meinen Auftritt, und natürlich auch den meiner Gefolgsleute, zu perfektionieren: Es gibt Einkäufer und Ankleider, Gewandmeister, Herren- und Damenschneider, Assistenten und Produktionsleiter – und das, obwohl in unserer hauseigenen Werkstatt nur die Kostüme der Solisten hergestellt werden. Die Kleidung für den Chor und die Statisten entstehen seit einigen Jahren an einem anderen Ort in Berlin, dem sogenannten Bühnenservice. Dort werden auch viele Kostüme und Bühnenbilder für die übrigen Opernhäuser in Berlin und das Staatsballett angefertigt.

Der Kostümbildner selbst kommt, nebenbei bemerkt, meistens mit dem Regisseur für die Arbeit an einem bestimmten Werk an die Oper. Schon Monate vor der Premiere fertigt er Skizzen unserer Gewänder an oder sucht Fotos und Gemälde heraus, mit denen die Kostümassistenten dann arbeiten. Sie setzen die Vorschläge des Kostümbildners in fertige Entwürfe um und wählen passende Stoffe aus. Im Materialfundus haben sie dafür reichlich Auswahl: Hier stapeln sich Stoffrollen, Materialproben, Masken und Schachteln mit Perlen, Knöpfen, Fächern, künstlichen Blättern in unterschiedlichen Farben und vieles mehr – ich kann mich meist nicht mehr losreißen, wenn mein Blick in diesen Raum fällt!

Die Kostümassistenten sind auch dafür zuständig, dass all die Kleidungsstücke nicht zu teuer werden. Schließlich kann nicht jeder ein derart prunkvolles Gewand tragen wie ich! Sie schlagen dem Kostümbildner dann andere Stoffe vor, die genauso schön aussehen und weniger kosten. Auch wenn Kleidungsstücke fertig gekauft werden, müssen sie übrigens oft noch bearbeitet werden: Schuhe etwa werden stets mit neuen Sohlen versehen, damit sie auf der Bühne nicht rutschen. Außerdem gibt es eigens einen Sprühraum, in dem die Stoffe so gefärbt werden können, dass sie älter und abgenutzter erscheinen – patinieren heißt heute das im Fachjargon, habe ich mir sagen lassen.

Wenn alle Kostüme bereit sind, werden sie in eigenen Proben getestet – dann wird überprüft, ob alles gut zueinander passt, ob wir Sänger in unseren Kostümen gut spielen können und ob die Muster vom Zuschauerraum aus auch gut wirken. Manchmal muss dann nachgearbeitet werden: Das feine Lilienmuster auf einem barocken Stoff etwa musste mit stärkerer Farbe nachgemalt werden, damit man es von weiter weg überhaupt erkennen konnte. Von solchen Kleinigkeiten hängt schließlich mein ganzer Auftritt ab!

Aber wie oft ein Kleidungsstück auch umgeändert werden muss, irgendwann sind alle Kostüme fertig, und dann besteht die Kunst darin, bei allen Aufführungen den Ablauf reibungslos zu bewältigen. Dafür sind vor allem die Ankleider zuständig: Sie hängen alle Kostüme in die richtige Garderobe und helfen uns Sängern beim Umkleiden. Schon ab vier Uhr nachmittags herrscht reges Treiben hinter der Bühne, damit alles für uns vorbereitet werden kann! Wir Solisten haben übrigens die Zimmer, die sich direkt hinter der Bühne befinden. Ein Stockwerk darüber folgen dann die Damen aus dem Chor und darüber die Herren. Die müssen sich schließlich alle nicht so häufig umkleiden wie wir! Manchmal reicht die Zeit aber nicht einmal aus, um bis zu unserer Garderobe zu eilen. Dann wechseln wir mithilfe der Ankleider direkt auf der Seitenbühne das Kostüm und sind wieder auf der Bühne, ehe der Zuschauer so recht bemerkt, dass wir überhaupt weg waren.

Die Garderobieren helfen uns übrigens auch, wenn mal in der Vorstellung eine Naht reißt oder ein ähnliches Unglück geschieht. Wenn bis zum nächsten Auftritt ein paar Minuten Zeit sind, wird die Naht schnell genäht – und ansonsten wird sie eben fürs Erste mit einem selbsthaftenden Band in der entsprechenden Farbe geflickt.

Lassen Sie uns zu guter Letzt noch einen Blick in den Kostümfundus werfen. Das sollte man sich auf keinen Fall entgehen lassen! Wie Sie sehen, ist der ganze Raum wie ein großer begehbarer Kleiderschrank konstruiert, in dem die Kostüme an Kleiderstangen bis direkt unter der Decke hängen – überall bunte Farben und prächtige Stoffe! Manche Kleider sind so lang, dass der Rock von der obersten Stange bis auf den Boden reicht, andere bestehen nur aus einer edelsteinbesetzten Korsage. Und dies sind wohlgemerkt nur die Damenkostüme aus den aktuellen Produktionen. Die Kostüme für uns Herren sind in einem eigenen Raum untergebracht, und zusätzlich gibt es einen Außenfundus, der noch einmal größer ist!
Nun, auch wenn ich noch viel zu erzählen hätte – ich denke, wir sollten langsam zum Ende unseres Rundgangs kommen. Es wird Zeit für mich, mich auf meinen Auftritt vorzubereiten! Falls Sie nun neugierig geworden sind … Sie wissen ja, wo Sie mich finden!“

Karten für die Führungen durch die Kostümabteilung sind auf der Website für 13 € erhältlich.

 

Antonia Emde

2017-10-12T17:39:52+00:00 Oktober 2017|Kategorien: Mode(n)|