Plattenkritik (Ausgabe: Moden)

CAMERATA KÖLN
C.P.E. Bach: Kammermusik
deutsche harmonia mundi

Carl Philipp Emanuel Bach muss sich nicht hinter dem großen Namen seines Vaters verstecken. In seiner Kammermusik finden sich äußerst fantasievolle und schöne Werke, die es wert sind, wieder Gehör zu finden. Das Kammermusikensemble Camerata Köln hat einige davon aufgenommen.
Die Musik Carl Philipp Emanuel Bachs mag zunächst noch barock anmuten. Wenn man jedoch genauer hinhört, weist schon vieles in die Zukunft. Traditionelle Verzierungen tauchen ebenso auf wie schlichte Gesänge im Mittelsatz der g-Moll-Sonate für Viola da Gamba und Cembalo. Es ist diese Ambivalenz zwischen der „alten Welt“ und der Öffnung für die neue individuelle Empfindsamkeit und für den Stil der Wiener Klassik, die diese Werke so besonders macht. Mozart sagte über Bachs zweitältesten Sohn: „Er ist der Vater; wir sind die Bub’n. Wer von uns ’was Recht’s kann, hat von ihm gelernt.“
Die drei Quartette der CD sind schon ihrer Besetzung nach interessant: Damals durchaus üblich, ist ein Klavierquartett mit Flöte statt erster Geige heute in Konzertsälen nicht mehr oft zu erleben. Die Besetzung verleiht den Werken aber gerade in ihrer Tonsprache eine besondere Leichtigkeit und eine interessante Zusammensetzung verschiedener Klangfarben. Auch in der Formgebung sind die Quartette originell, denn das konstruktive Moment tritt in dieser Musik etwas zurück. Sie malt Stimmungen: Trauer und Wehmut äußern sich in innigen Melodien, Heiterkeit hingegen durch leidenschaftliche Gefühlsausbrüche. Dieser Tendenz in Carl Philipp Emanuel Bachs Kammermusikwerken spüren die Musiker der Camerata Köln nach. Sie haben dabei ein sehr gutes Verständnis für die richtigen Tempi und den natürlichen Spielfluss. Ihre Virtuosität, gerade in den schnellen Ecksätzen, macht beim Zuhören Spaß, ist aber kein Selbstzweck, sondern orientiert sich immer an der Maxime, die Stimmverwebungen transparent zu gestalten. Denn auch Carl Philipp Emanuel aus der Familie Bach ist ja noch den alten Werten, wie zum Beispiel der Polyphonie, stark verpflichtet. Die Camerata Köln hat den Anspruch, den Komponisten Bach mit all seinen wunderbaren Gedanken und Einfällen, den interessanten harmonischen Wendungen und der kunstvollen motivischen Arbeit, zu portraitieren und für den heutigen Hörer einzufangen.
Dies ist bei einem exotischeren Stück wie dem F-Dur-Trio für Viola, Bassblockflöte und Basso Continuo nicht einfach. Die Bassblockflöte als Melodieinstrument ist eine Seltenheit. Dass sie hier angemessen zur Geltung kommt, verdanken wir natürlich einerseits der Kompositionsweise Bachs, andererseits aber auch den Interpreten, die so gut aufeinander hören, dass kein Instrument einen Moment lang unterzugehen droht.
So ist eine wunderbare Aufnahme entstanden, die all die Frische und all das Neue an Carl Philipp Emanuel Bachs Musik herausstellt.

Johannes-Daniel Engelmann

 

CONSOLERS
Honey Hours (EP)
Duchess Box Records

„Honey Hours“ heißt die erste EP der Consolers, jener hannoverschen Surf-Grunge-Band um Sänger Florian Hofer, die ihr musikalisches Genre selbst als „Big Lebowskis Jukebox“ bezeichnet. Eine mutige These, ist der Soundtrack zum Kultfilm der Coen-Brüder doch ebenso legendär wie seine schräge Hauptfigur.
Allerdings beweist schon das erste Stück, „Ghost“, dass das Trio nicht zu viel versprochen hat. Beim Hören ist es leicht vorstellbar, wie der „Dude“ zu den beschwingenden Sounds in seiner klapprigen Karre groovt, den Joint in der einen Hand, den obligatorischen White Russian in der anderen.
Der nächste Track „Honey Hours“, der gleichzeitig Namensgeber der Platte ist, erinnert mit seiner Experimentierfreude an den frühen Beck. Hofers raue Stimme steht dabei, wie in fast allen Stücken der EP, im Mittelpunkt und wird gerahmt von Bass, Gitarre und Schlagzeug.
In „Wanderer“ offenbart sich Hofers stimmliche Ähnlichkeit zu Björn Dixgard von Mando Diao, und auch musikalisch könnte der Titel problemlos auf Mando Diaos Debüt „Bring Em In“ zu finden sein, das damals durch seinen rotzfrechen Garagen-Rock im Ohr blieb.
Sowohl „Wanderer“ als auch „Honey Hours“ lassen die Lieblingsszenen aus „The Big Lebowski“ vor dem geistigen Auge aufleben. Und auch „The Innocent“, das letzte Stück der leider nur vier Tracks umfassenden EP, könnte mit seiner fünfminütigen, nahezu meditativ stimmenden Instrumentalsequenz so manchen Trip von Joel und Ethan Coens Helden aufpolieren.
Ein starker Ausklang für eine gelungene Platte, die zwar das Rad nicht neu erfindet, dabei aber umso schöner ihren musikalischen Vorbildern huldigt und den Zuhörer bis zuletzt fesselt. Bleibt nur noch zu sagen: Auch dem Dude tät’s gefallen.
Mehr davon: http://www.consolersconsolers.com/

Marlene Seibel

 

EAST CAMERON FOLKCORE
Kingdom Of Fear
Grand Hotel van Cleef

East Cameron Folkcore sind wütend. Mit dem Vorgänger „For Sale“ öffneten sie die Tür zur Welt. Mit „Kingdom Of Fear“ machen sie klar, dass ihnen das, was sie dort erleben, gar nicht gefällt.
Das Hunter-S.-Thompson-Buch, das der Platte und der dazugehörigen Video-Trilogie seinen Namen gibt, dreht sich um Auflehnung gegen die Obrigkeiten. Doch nicht genug der Anspielungen: Auch die vier Teile des dritten Albums des texanischen Folk-Punk-Country-Punk-Kollektivs wurden nach Buch- oder Filmtiteln benannt.
„La grande illusion“ – Titel eines französischen Kriegsfilms – nennen sich die ersten vier Songs der Platte. Es beginnt mit einem von Bläsern heraufbeschworenen Sturm der Wut, der sich auch bis zum letzten Song des Albums nicht legen will. Im zweiten Teil, überschrieben mit der Alice-im-Wunderland-Fortsetzung „Through The Looking Glass“, wagt die Band einen gesellschaftskritischen Rundumschlag. In „Fracking Boomtown“ kritisieren sie die umstrittene Erdgasfördermethode. „When We Get Home“, einer der ruhigeren Songs der Veröffentlichung, thematisiert hingegen US-Soldaten, die am Sinn ihrer Einsätze zweifeln. Wie im Film „The People Speak“, unter dessen Titel die Tracks neun bis zwölf zusammengefasst sind, wird denen eine Stimme gegeben, die sich für einen sozialen Wandel in den USA einsetzen. „Protest Hero“ beschäftigt sich mit Whistleblowerin Chelsea Manning, die Gentrifizierung wird zum Thema von „Our City“ gemacht. Am Ende legt das „Ship Of Fools“ ab und nimmt in zwei Songs die zuvor oft besungene Angst mit. Der Sturm aber tobt weiter.
Trotz der Vierteilung ist das Album als Ganzes zu begreifen. Lieder gehen ineinander über, musikalische Themen werden erneut aufgegriffen. Der musikalischen Abwechslung sei Dank versetzt einen die Platte trotz der ernsten Texte nicht in schlechte Stimmung. Chorgesänge wechseln sich mit Sologesängen und Shouts ab, längere ruhigere Passagen gehen in härtere Schlagzeug- und Gitarrenparts über, begleitet von der fast omnipräsenten Posaune. Punk und Folk, Blues und Gospel, Country und Rock, Klassik und R & B werden vermischt. Die Kraft des Punks trifft auf die Bodenständigkeit des Folks, Gospelchöre auf Banjo Musik.
Mehr davon: www.eastcameronfolkcore.com/

Lena Engeln

 

NDR-SINFONIEORCHESTER/CHRISTOPH ESCHENBACH
Paul Hindemith: Symphonie Mathis der Maler, Symphonie in Es
Ondine

Es sind ungewohnte Harmonien, die Paul Hindemith in seiner Musik ausbreitet, und doch zieht die Musik den Hörer mit ihren ebenso unkonventionellen wie verzaubernden Wendungen unwiderstehlich in ihren Bann. Der Magie von Hindemiths Musik konnte sich offenbar auch das NDR-Sinfonieorchester nicht entziehen: Nach einer inzwischen preisgekrönten Einspielung von Hindemiths Violinkonzert und seinen „Metamorphosen“ legte das Orchester unter der Leitung von Christoph Eschenbach im letzten Herbst bereits seine zweite CD mit Kompositionen von Hindemith vor. Auf dieser widmet sich das Ensemble nun zwei weiteren seiner Werke: der Sinfonie Mathis der Maler und der Sinfonie in Es.
In beiden Werken gelingt es dem NDR-Ensemble, die vielen Klangfarben und Schattierungen der Musik Hindemiths hörbar zu machen. Die drei Sätze der Sinfonie „Mathis der Maler“, die je ein mittelalterliches Gemälde („Engelkonzert“, „Grablegung“ und „Versuchung des heiligen Antonius“) in Töne fassen, versetzen die Zuhörer mal in unbeschwerte und heitere Stimmung, dann wieder drücken sie Melancholie oder gar die innere Zerrissenheit des heiligen Antonius aus. Auch in der Sinfonie in Es, die Hindemith im amerikanischen Exil als Auftragswerk für das Boston Symphony Orchestra komponierte, arbeiten Christoph Eschenbach und das NDR-Sinfonieorchester die verschiedenen Charaktere der einzelnen Sätze präzise heraus. Eine tragende Rolle spielen in diesem Werk die Blechbläser, denen Hindemith einen auffallend dominanten Part verlieh – schließlich war das Boston Symphony Orchestra besonders für seine herausragenden Blechbläser berühmt, vor denen sich die des NDR-Sinfonieorchesters allerdings nicht zu verstecken brauchen.
Ein würdiger Nachfolger also für die erste Hindemith-CD und ein großer Hörgenuss für jeden, der sich in Hindemiths Tonwelten entführen lassen will. Die farbenreiche Interpretation des NDR-Sinfonieorchesters lädt dazu ein.

Antonia Emde

 

2017-10-12T17:46:20+00:00 Oktober 2017|Kategorien: Mode(n)|Tags: |