Zwischen Klangschalen und Steel Pans

Heilen mit Tönen und Klängen? Die einen runzeln bei dem Thema skeptisch die Stirn, die anderen sehen darin ein neues Wundermittel gegen die verschiedensten Leiden. Andreas Hüne und Helga Theysohn bieten Klangmassage sowie Integrative Musiktherapie in Hannover an – im Gespräch mit ihnen nähern wir uns dem Phänomen Klang und Heilung.

Klangmassage mit Klangschalen. Das klingt für mich nach jahrhundertealten Ritualen und nach Fernost. Tatsächlich wurde die Peter-Hess-Klangmassage erst vor etwas mehr als 30 Jahren entwickelt. Peter Hess war als junger Mann in Nepal und Indien unterwegs und lernte dort den Einsatz von Klängen zur Heilung kennen. Als Diplom-Ingenieur für physikalische Technik ließ ihn dieses Thema nicht mehr los, und er entwickelte obertonreiche Klangschalen, die im Zusammenspiel von Klang und physisch fühlbaren Schwingungen in die Entspannung führen.

Ich bin auf dem Weg zu Andreas Hüne, der in Hannover Klangmassagen nach Peter Hess anbietet. Sein „Klangraum“ befindet sich im hannoverschen Stadtteil Waldheim. Zugegeben, etwas ab vom Schuss, aber allein die Lage in dem beschaulichen Viertel mit Einfamilienhäusern am Rande der Eilenriede hat einen gewissen Entspannungseffekt.

Hüne bietet mir zur Begrüßung Schlappen für die Füße und einen Orange-Ingwer-Tee an. Heute findet „Klang am Donnerstag“ statt, eine Klangmeditation, zu der jede Woche bis zu acht Leute kommen. Bevor es mit der eigentlichen Klangmeditation losgeht, setzen wir uns in die Teeküche, wo Kekse bereitstehen. Sie liegen – wie könnte es anders sein – in einer kleinen Klangschale.

„Jede Schale ist ein Unikat“, erklärt Hüne. „Es gibt sie in allen Größen, sogar als XL-Schale zum Hineinstellen. Dabei gilt: Je größer, desto tiefer der Klang. Manche sind gegossen, andere geschmiedet, es gibt dick- und dünnwandige Schalen. Das alles beeinflusst den Klang.“ Als Basis-Typen werden die Universalschale, die Herz- und die Beckenschale unterschieden. Der Name verweist auf die Körperregion, zu der der Frequenzbereich der Schale am besten passt. Während einer Klangtherapie können bis zu drei Schalen direkt auf dem Körper stehen, manchmal werden sie auch um den Körper bewegt.

Heute sind wir nur zu zweit bei der Klangmeditation. Das Licht ist abgedunkelt, auf dem Boden sind mit Decken und Kissen zwei gemütliche Liegemöglichkeiten vorbereitet. Ganz vorn stehen die riesenhaften Gongs, davor Klangschalen und Schlägel in allen Größen. Ich kuschele mich in meine Decke ein und betrachte das Lichterspiel der Lampen an der Decke. Meine Augen behalte ich offen, um zu beobachten, was passiert. Hüne spielt zunächst kleine Klangschalen mit hellen Tönen. Das diene dem Ankommen aus dem Alltag, wie er mir später erklärt.

Bald schließen sich meine Augen von ganz allein. Hüne verwendet jetzt auch die größeren Klangschalen mit tiefen Tönen und die riesigen Gongs. Langsam setzt eine tiefe Entspannung ein, ab und zu unterbrochen durch Hundegebell von draußen oder ein Magenknurren. Arme, Hände, Beine und Füße kribbeln, und ich fühle mich ein bisschen, als würde ich schweben. Hüne hatte mir noch den Tipp gegeben: „Wenn man das Gefühl hat zu ‚entschweben‘, einfach die Hände auf den Bauch legen.“ Die Schalen klingen nicht übermäßig laut, aber es ist ein intensiver Klang, den ich tatsächlich physisch spüre – obwohl die Schalen in gewisser Entfernung zu mir stehen.

Medizinisch betrachtet wirken die Klangschalen auf das sogenannte somatosensorische System. Frequenzen im Bereich von 0 bis 400 Hz sind fühlbar, über die Haut sowie über Muskeln, Sehnen, Bänder und innere Organe. Charakteristisch für Klangschalen ist, dass ihr Klang, wie der aller selbstklingenden Metallinstrumente, keine exakte Obertonreihe aufweist – im Gegensatz zum Klavier.

Die physische Wirkung der Klangschalen fällt besonders im Vergleich mit technisch abgespeicherter Musik auf. Während der Klangmeditation legt Hüne für gewisse Zeit eine CD mit Entspannungsmusik ein, sofort hört die körperlich spürbare Schwingung auf. Wie das Magazin des europäischen Fachverbandes Klang-Massage-Therapie e.V. schreibt, ist wissenschaftlich belegt, dass Klangschalenklänge zu einer messbaren Entspannung während der Anwendung führen und langfristig die Mechanismen zur Verarbeitung von Stress stärken können. Von einigen Krankenkassen wird die Klangmassage daher auch schon als Präventionsmaßnahme anerkannt. Eingesetzt wird sie außerdem in Krankenhäusern (z.B. in der Neurologie und auf Intensivstationen) sowie in der Reha.

Mit kleinen Klangschalen und deren hellen Tönen holt uns Hüne zurück in die Realität – danach setzen wir uns noch für einige Minuten in die Küche, bei Tee, Keksen und Gespräch.

Auch in der Musiktherapie-Praxis von Helga Theysohn gibt es Klangschalen – außerdem stehen Xylophon, Kantele, Klavier, Lotusflöte, Trommeln, Kalimbas, Klangfrösche und viele weitere bereit. Am beliebtesten ist die Steel Pan: ein metallenes Instrument, das aus einem runden Resonanzkörper und einem konkav gewölbten Blech besteht, in das verschiedene Tonfelder eingearbeitet sind. Seit fast 20 Jahren bietet sie Integrative Musiktherapie bei Lebensproblemen und als psychotherapeutische Behandlung an. „Ambulante musiktherapeutische Praxen gibt es gar nicht so häufig“, erklärt Theysohn. „Die meisten Musiktherapeuten arbeiten in Kliniken, in der Psychosomatik, mit Kindern, Behinderten, Frühgeborenen oder alten Menschen.“

Es gibt nicht die eine Musiktherapie, sondern die jeweils zugrundeliegende psychotherapeutische Methode prägt die Art und Weise des Arbeitens. Die Integrative Musiktherapie, die Theysohn anbietet, hat ihre Wurzeln in der Psychoanalyse und der Gestalttherapie. Sie ist überwiegend aktiv, d.h. im Vordergrund steht die freie Improvisation und nicht die Musikrezeption. Neben anderen therapeutischen Zielen, die sich nach der jeweiligen Diagnose und Problematik richten, sollen Kreativität und persönliche Entfaltung gefördert werden.

Theysohns Klienten kommen alle ein oder zwei Wochen für eine Stunde zu ihr, die Kosten werden in Deutschland nicht von der Krankenkasse übernommen. „In so einer Stunde geht es zunächst darum, in einem Gespräch gemeinsam das Thema für die Sitzung zu finden“, erklärt Theysohn. „Darauf folgt in der Regel eine vertiefende Arbeit mit Instrumenten, die sich ganz unterschiedlich gestalten kann. In einem Nachgespräch geht es darum, das Erlebte in Worte zu fassen, um es auch auf der mentalen Ebene zu verstehen und für sich nutzen zu können. Häufig findet ein mehrfacher Wechsel zwischen Spieleinheiten und Gespräch statt.“

Wenn sich eine Störung über längere Zeit, vielleicht sogar seit der Kindheit, aufgebaut hat, braucht das Umlernen Zeit. Eine Therapie kann durchaus anderthalb Jahre dauern. Menschen mit ganz verschiedenen Problemen kommen in Theysohns Praxis – mit psychischen und organischen. „Wer zu mir kommt, weiß allerdings, dass seine Leiden nicht rein körperliche Ursachen haben“, sagt Theysohn. Eine Essstörung oder eine chronische Migräne haben zumeist auch eine seelische Komponente. Ein weiterer Schwerpunkt ihrer Arbeit sind Lebensprobleme wie zum Beispiel ungelöste Konflikte mit Familienmitgliedern, Probleme, sich von anderen abzugrenzen und die eigenen Potentiale zu entfalten, oder die Störung von Selbst- und Fremdwahrnehmung. Auch die Biografie-Arbeit im Alter gehört dazu, bei der es darum geht, mit sich und seinem Leben Frieden schließen zu können.

Der Vorteil der Musiktherapie ist, dass sie sich nicht auf die kognitive, sprachliche Ebene beschränkt, sondern ins Erleben führt, erklärt Theysohn. „Jeder Musiker weiß, dass er Gefühle über Musik ausdrücken kann. Wenn ich auf einem Instrument etwas spiele, kann mich der andere verstehen, ohne dass ich es mit Worten erklären muss.“

Integrative Musiktherapie ist damit sehr gut geeignet für Menschen, die Schwierigkeiten haben, das, was sie fühlen, auszudrücken. Entweder weil sie sich nicht so gut artikulieren können, oder, ganz im Gegenteil, weil sie die Sprache als eine Art Abwehrmechanismus nutzen, ohne dabei an ihre Gefühle heranzukommen. Theysohn fragt den Klienten dann zum Beispiel: „Das, was Sie gerade fühlen, welches Instrument könnte dazu passen? Manche stehen erst mal ratlos da, dann helfe ich natürlich. Ist es laut? Hell oder dunkel? Eher metallen? Und so tasten wir uns langsam heran. Entscheidend ist, dass das, was im Inneren ist, einen Ausdruck findet.“ Rhythmik, Melodie, Tonhöhe, Pausen, Dynamik – Musik hat viele Elemente, mit denen man sich ausdrücken kann. Das kann auch für den Klienten beeindruckend sein, erklärt Theysohn: „Auf einmal wird etwas konkret hörbar, was vorher nur ein diffuses Unwohlsein war“.

Theysohn, die an der Musikhochschule in Hannover Block- und Querflöte studierte und viele Jahre an der Musikschule Isernhagen unterrichtete, musste selbst erst einmal umlernen: In der Musiktherapie geht es nicht darum, dass etwas schön klingt. Bei ihr hat das dazu geführt, dass sie, zumindest zu Beginn ihrer Ausbildung, Flöten überhaupt nicht benutzt hat, weil die Versuchung, richtig und schön zu spielen, zu groß war.

Musiktherapie ist außerdem gut geeignet, um Beziehungsstörungen zu bearbeiten, denn Musizieren ist immer auch ein Beziehungsgeschehen. „Wenn ich ein Instrument wähle und mit ihm improvisiere, dann trete ich mit dem Instrument in Beziehung – ich spiele etwas, das Instrument antwortet mir. Wenn ich als Therapeutin mitimprovisiere, merke ich sofort: Ist der Klient ganz bei sich und kann gar nicht wahrnehmen, was ich spiele? Oder achtet er nur auf mich und kann nicht gut bei sich bleiben? Das ist in anderen sozialen Interaktionen dann ganz ähnlich.“ Und etwas sollte nicht vergessen werden, ergänzt Theysohn: Musik wird gespielt, ist also hervorragend dazu geeignet, Lebensfreude zu vermitteln.

Im Gespräch mit Hüne und Theysohn wird deutlich, was Klangmassage und Integrative Musiktherapie nicht können: die medikamentöse Behandlung bei schweren Erkrankungen wie Bulimie, Alkoholsucht oder Psychosen ersetzen. Begleitend, nicht alternativ, können sie allerdings das Gesunde stärken und die seelische Komponente einer Erkrankung ansprechen. Es ist beides notwendig: Eine reichliche Portion Skepsis, wenn Wunderheilversprechen gemacht werden. Aber auch Offenheit für Verfahren, die zunächst ungewöhnlich erscheinen, aber viel Gutes bewirken können. Die Idee, Klänge therapeutisch einzusetzen, ist dabei nicht neu: Im asiatischen und orientalischen Kulturkreis wird deren heilsame Wirkung schon lange genutzt.

Klangraum Andreas Hüne
http://www.klangraum-hannover.de/
Praxis für Integrative Therapie und Musiktherapie Helga Theysohn
http://www.theysohn-psychotherapie.de/index.php/home.html

Christiane Müller

2017-10-12T17:56:57+00:00 Oktober 2017|Kategorien: Mode(n)|