Die Unberechenbare

Skandal im Opernhaus? In Hannover?

Nette Provinzmetropole mit Opernhaus, ja. Aber provokante, spektakuläre, gar skandalträchtige Aufführungen an der Staatsoper in Hannover? Muss man da nicht nach Hamburg oder Berlin? Zusammen mit Rainer Wagner, dem langjährigen Feuilletonredakteur und -leiter der Hannoververschen Allgemeinen Zeitung, und Sabine Sonntag, Dozentin an der Hochschule für Musik, Theater und Medien, ist „Saitensprung“ der Frage nachgegangen, was eine Aufführung zum Skandal macht. Mit viel Vergnügen erzählten die beiden von aufsehenerregenden Inszenierungen, die sie an der Oper in Hannover erlebt haben.

Der Skandal ist eng verbunden mit Erwartungen. Ohne Erwartungen keine enttäuschten Hoffnungen, keine bösen Überraschungen und keine empörten Zuschauer. „Wenn man einen Skandal machen will, muss man an etwas ran, das jeder kennt, das jeder liebt; Sie müssen Erwartungen nicht erfüllen, Sie verweigern den Kindern etwas, und Sie schenken ihnen etwas, das sie nicht haben wollen“, erklärt Wagner. Die größten Erwartungen sind verständlicherweise mit dem verbunden, was jeder kennt und jeder liebt: Stellen wir uns eine ausverkaufte Opernpremiere vor, Verdis „Aida“. Alle warten auf ein Musikstück, den „Triumphmarsch“. „Und wenn man den Zuschauern diesen Genuss verweigert oder durch die Inszenierung ‚versaut‘, dann werden sie ungehalten“, ergänzt Wagner mit einem kleinen Lächeln.

Welche Erwartungen sind damit genau gemeint? Für Wagner sind es drei spezifische Enttäuschungen, die das Publikum auf die Barrikaden treiben: Zum einen Inhalte bzw. Themen, zum zweiten ästhetische Erwartungen und schließlich die Demontage von Stücken.
Was den Inhalt von Aufführungen betrifft: Religiöse Gefühle sind schon immer sehr verletzbar gewesen. 1980 fand in Hannover die deutsche Erstaufführung von „Jesu Hochzeit“ statt, einer Oper von Gottfried von Einem. Im Vorfeld demonstrierte – allein des Titels wegen – eine Gruppe streng religiöser Menschen mit Transparenten vor dem Opernhaus. Die Aufführung selbst war dann weniger spektakulär als die Aufregung und die Diskussionen zuvor. Wagner vermutet, dass das Konfliktpotential des Themas Religion momentan eher noch zu- als abnimmt, auch vor dem Hintergrund des Anschlags auf Charlie Hebdo im Januar dieses Jahres. Hinzu kommt seiner Meinung nach eine „vorauseilende Angst“, die kritische Reaktionen nicht abwartet, sondern „vorerwartet“. Kommt ein Stück, das Religion und religiöse Gefühle stark berührt, möglicherweise von Vornherein nicht auf dem Spielplan?

Das Publikum reagiert zudem sehr empfindlich, wenn seine ästhetischen Erwartungen nicht erfüllt bzw. „beschädigt“ werden. 1982 inszenierte Herbert Wernicke „Hercules“ in Hannover. „Von bisherigen Händel-Aufführungen waren die Zuschauer eine Art kostümiertes Konzert gewöhnt“, erklärt Sonntag. „Bei ‚Hercules‘ erwarteten sie demnach Sänger in Römeruniformen auf einer der Antike nachempfundenen Bühne.“ Wernicke, Spezialist für Barockopern und zugleich Revolutionär der Aufführungspraxis, holte die Geschichte aber in die Gegenwart, ohne Römeruniformen. Diese Aufführung erreichte einen ziemlich hohen Ausschlag auf dem „Empörungsbarometer“: Türenknallen, „Aufhören!“-Rufe, hineingeschrien mitten in Liebesduette. „Die Vermischung von Historischem und Modernem – das ging ja gar nicht!“, sagt Sonntag schmunzelnd. „Ein Jahrzehnt später, 1993, sorgte die ‚nackte Ästhetik‘ von Mozarts ‚Die Entführung aus dem Serail‘ nach dem gleichen Prinzip für Aufregung“, ergänzt Wagner. Statt Perserteppichen und Minaretten wurden die Figurenbeziehungen in einem kahlen, weißen Raum wie im Labor analysiert.

Wenn man über „gute“ und „schlechte“ Inszenierungen, über Skandale diskutiert, stehen zwei Fragen im Hintergrund: Wie halte ich die Oper lebendig? Und: Welche Kriterien lege ich an eine Inszenierung an? Geht es mir um ein Kostümfeuerwerk, einen Abend, der mich die Welt vor den Toren des Opernhauses vergessen lässt? Oder um die Thematisierung politischer und sozialer Probleme, das Anstoßen und Vorantreiben von Diskussionen in der Gesellschaft?
Wagner sieht eine Möglichkeit, die Oper lebendig zu erhalten, darin, die „Geschichte anders anzuziehen“, sie ins Hier und Jetzt zu holen. „Es gibt eine große Spannbreite, andere musikalische und szenische Aspekte eines Stückes zu betonen. Allerdings nutzt sich der Reiz, Bilder zu demontieren, ab. Wenn der Schurke in jeder Oper ein SS-Mann ist, muss der Reiz entweder weiter verstärkt oder verändert werden“, erklärt Wagner.

Neben der Dekonstruktion der Bilder besteht die Möglichkeit, die Geschichte umzudeuten. „Das wird bei ,Cosi fan tutte‘ schon lange Zeit praktiziert“, weiß Wagner, „die Musik lässt verschiedene Deutungen zu, was den Schluss des Stückes betrifft.“ Statt mit einem Happy End, bei dem sich alle in den Armen liegen, enden manche Inszenierungen offen oder tragisch. Wagner wartet förmlich auf eine weitere Stufe: Die Demontage des gesamten Stückes in der Art der Parodie, die schon Händel und Bach verwendet haben und die im 18. Jahrhundert gängige kompositorische Praxis war. Bach widmete beispielsweise die weltliche Kantate „Hercules am Scheideweg“ in eine Kantate für das Weihnachtsoratorium um, indem er sie mit einem neuen Text versah und kleine musikalische Anpassungen vornahm. „In der Oper könnte man zum Beispiel Arien vom gleichen Komponisten oder im gleichen Stil austauschen“, überlegt Wagner. Ein Vorgehen, das unsere heutige Auffassung von Urheberschaft und Werktreue allerdings herausfordern würde.

In Hannover begann die Ablösung vom „plüschigen“ Kostümrausch, hin zum Hier und Jetzt, 1980 mit dem Intendanten Hans-Peter Lehmann, da sind sich Wagner und Sonntag einig. Nach den Inszenierungen von „Jesu Hochzeit“ (1980) und „Hercules“ (1982) sorgte Lehmanns Entscheidung, die Oper 1985 mit Schönbergs Opernfragment „Moses und Aron“ wiederzueröffnen, für Überraschung und zunächst auch für einigen Unmut,. „Am liebsten haben die Leute ‚Die Meistersinger‘, weil das sehr repräsentativ ist“, meint Wagner. „Oder eine ‚Jubel-Oper‘ wie ‚Fidelio‘, ‚Rosenkavalier‘ oder ‚Tannhäuser‘“, ergänzt Sonntag. Hier zeigt sich wieder der oben beschriebene Zwiespalt der Erwartungen an die Oper. Lehmann entschied sich für das Opernhaus als Ort gesellschaftlicher Auseinandersetzung, und „Moses und Aron“ wurde schließlich ein großer Erfolg, sowohl bei den Kritikern, welche die gelungene Inszenierung des schwierigen Stoffes lobten, als auch bei den Zuschauern. „Anstatt der geplanten sechs gab es elf Aufführungen, ausverkauftes Haus in Hannover“, erinnert sich Sonntag.

Einen Aspekt darf man bei dieser Erfolgsgeschichte nicht vergessen: Lehmann hat sich sehr darum bemüht zu vermitteln und zu erklären. Das ist vielleicht ein wichtiger Punkt: Ja, man muss den Leuten auch mal etwas zumuten – aber zugleich sich erklären, in Dialog mit den Menschen treten und Foren für den Austausch bieten. „Diese ‚Vermittlungsarbeit‘ gehört dazu, wenn man Kultur für eine Stadt (und nicht nur in einer Stadt) machen will“, betont Sonntag.

Auf Lehmann folgte 2001 Albrecht Puhlmann, unter dessen Intendanz das „Empörungsbarometer“ mehr als einmal stark ausschlug. Ein Name fällt in diesem Zusammenhang sofort: Calixto Bieito, ein Regisseur, bei dem der Skandal praktisch „erwartbar“ ist. Wagner erklärt das „Phänomen Bieito“: „Seine Gabe besteht darin, in jedem Stück Sex und Gewalt zu entdecken, und das in nicht geringem Maße.“ Bieito inszenierte fünf Opern in Hannover, die erste war „Don Giovanni“, die zwar verstörte, mit einem Giovanni, der im Jogginganzug auf der Müllhalde lebte, aber das Publikum war in der neueren Aufführungsgeschichte der Oper schon einiges gewöhnt. Anders die Aufführung von Verdis „Il travatore“: Folterszenen, Massenvergewaltigung; ein Ausmaß an Gewaltdarstellung, das zu viel war für einige Zuschauer. Wagner sieht bei dieser Inszenierung eine Grenze überschritten, eine Grenze in der Darstellung sexualisierter Gewalt. Bei einer Podiumsdiskussion diskutierten 500 Leute über diese Inszenierung: Freiheit der Kunst, ja. Aber ist diese Freiheit nicht trotzdem begrenzt, nämlich durch die Menschenwürde, die auch durch die Kunst nicht verletzt werden darf?

Mit der Erkenntnis, dass man Reize nicht endlos verstärken kann, kam eine Art Gegenbewegung auf, die sich darauf besinnt, die Geschichte zu erzählen, ohne Schlamm, Dreck und einer Bühne voller Nackter. Das heißt aber auch: „Je mehr Sie die äußeren Reize zurücknehmen, desto mehr müssen Sie stattdessen bieten“, so Rainer Wagner. Während die Musik bei visueller Reizüberflutung zum Beiwerk gerät, rückt eine schlichte Inszenierung die musikalische Qualität und das Ensemble in den Mittelpunkt.

Seit der Spielzeit 2006/07 ist Michael Klügl Intendant der Staatsoper Hannover. Das Empörungsbarometer verzeichnet nicht mehr die Ausschläge wie bei Bieito-Inszenierungen, dafür gelang 2010 der Ausbruch aus einem Muster: „Von vielleicht ein paar Tausend Opern werden an den Opernhäusern weltweit die gleichen zweihundert, dreihundert unaufhörlich gespielt“, erklärt Sonntag. Um Oper lebendig zu halten, bedürfe es deshalb nicht nur immer wieder neuer Blickwinkel, szenisch wie musikalisch, auf Opern, die man in- und auswendig kennt. Sondern auch der Wiederentdeckung von Opern, die kaum auf dem Spielplan stehen: Mit der Aufführung von Gioacchino Rossinis „Il viaggio a Reims“ glückte 2010 die erfolgreiche Inszenierung eines sehr selten gespielten Stückes. Weiter an Bedeutung gewinnen könnten auch visuelle Mittel, wie sie vergangenes Jahr zum Beispiel bei der Inszenierung von Benedikt von Peter eingesetzt wurden: ein „Don Giovanni“ ohne Don Giovanni, der nur per Video eingeblendet wurde.

„Vielleicht bin ich da Idealist“, sagt Wagner aus tiefster Überzeugung, „aber ich glaube, Oper wird immer ein Publikum haben.“ Zwei Punkte sprechen für ihn: die Emotionalität der Musik – und die Unberechenbarkeit der Oper. Gibt es etwas Fantastischeres, als wenn Intendant und Regisseur einen großen Skandal provozieren wollen – und keinen kümmert’s? Und nein, man muss nicht immer nach Hamburg oder Berlin, es kann sich durchaus lohnen, einen Blick auf den heimischen Opernspielplan zu werfen.

Christiane Müller

2017-10-24T16:23:46+00:00 Oktober 2017|Kategorien: Musikstadt Hannover|