Kultur first

Eine Begegnung mit dem Briten Andrew Manze, der seit Beginn der Saison 2014/2015 hinter dem Dirigentenpult der NDR-Radiophilharmonie Hannover steht

„Hello, I’m Andrew!“ So heißt der Chefdirigent der Radiophilharmonie Andrew Manze die Besucherin an diesem Morgen in seinem Büro willkommen. Ein großer, schlanker Mann, dessen breites Lächeln und lachende Augen ihn sofort sehr sympathisch wirken lassen. Seine äußerliche Erscheinung und die freundliche Begrüßung strahlen Unkonventionalität und Herzlichkeit aus und sind bezeichnend für die Persönlichkeit des Dirigenten. Obwohl er sich bei seinem Werdegang ein wenig Überheblichkeit durchaus leisten könnte, begegnet er anderen stets auf Augenhöhe.

Seine Karriere hat der in London geborene Geiger und Dirigent nicht etwa mit einem Musikstudium, sondern mit einem Studium der Altphilologie begonnen. Dahinter stand der nüchterne Gedanke, dass man etwas in der Hand haben sollte, falls es mit der Musik nicht klappt. Erst danach wagte er es, das Studium der Geige aufzunehmen. Anschließend wurde er auf dem Feld der Alten Musik immer bekannter und erreichte Expertenstatus.

Doch eines unterschied Andrew Manze von seinen Kollegen der historischen Aufführungspraxis schon damals: Er war und ist der unerschütterlichen Meinung, dass auch ein altbekanntes und traditionelles Repertoire für das heutige Publikum aufbereitet werden muss. „Wir dürfen Musik nie so interpretieren, als wäre sie alt. Wir müssen sie für die heutigen Zuhörer spielen. Das ist zwar offensichtlich, aber oft vergessen Musiker das.“ Außerdem interessierte sich Manze schon immer für die verschiedensten Stile und Epochen und gab sich nicht nur mit seinem Steckenpferd, der Alten Musik, zufrieden. Diese beiden Punkte sind die Gründe, weshalb es den Dirigenten nach einigen Jahren der Arbeit mit Orchestern wie dem Amsterdam Baroque Orchestra, dem BBC Scottish Symphony Orchestra und dem Helsingborg Symphony Orchestra jetzt zur NDR-Radiophilharmonie verschlagen hat.

Manze hatte schon bei einigen Gastauftritten sofort gemerkt, dass die hannoverschen Musiker seine Ansicht über die Interpretation von klassischer Musik teilen. Auch die Musiker bemerkten diese Verbindung und sprachen sich für eine engere Zusammenarbeit aus. Als dann vor zwei Jahren die Gespräche über eine mögliche Leitung des Orchesters begannen, war der Dirigent hellauf begeistert: „Als ich das erste Mal mit der NDR-Radiophilharmonie Alte Musik gespielt habe, war ich sehr davon beeindruckt, dass die Musiker sich viele Gedanken darüber gemacht haben, wie sie die Stücke interpretieren sollten. Sie haben versucht die Geschichte hinter dem Stück zu ergründen, und genauso gehe ich auch immer vor. Deshalb hielt ich es für eine fantastische Idee, hier als Dirigent zu arbeiten.“ Nach einigen Monaten der Zusammenarbeit gibt Manze strahlend zu, dass die Erwartungen, die er im Vorhinein an das Orchester hatte, sogar noch übertroffen wurden.

Doch ebenso begeistert Hannover als Stadt den Dirigenten immer mehr. Er hat bei ihr eine besondere Musikalität festgestellt, und war davon selber sehr überrascht. „Es ist unfassbar. Hannover hat diese international sehr renommierte Musikhochschule, deren Level unglaublich hoch ist. Aber auch das Niveau der Amateur-Musik ist nicht zu verachten. Vor ein paar Wochen gab es den Tag der niedersächsischen Hausmusik. Die Größe und die Professionalität von Veranstaltungen wie dieser zeigen, dass Hannover eine Stadt ist, die ein sehr gesundes Kulturleben besitzt.“ Außerdem könne man nur in einer solchen Stadt eine gewisse Lebensqualität erfahren.

Und er geht noch weiter, indem er in seinem altphilologischen Wissensschatz kramt und einen Gedanken des Philosophen Platon hervorholt. Dieser war der Ansicht, dass man, um in einer Stadt Ordnung herzustellen, zuerst den Musen einen Tempel bauen solle. Man müsse also als Erstes an die Kultur und die Künste denken, der Rest werde dann nachfolgen. „Ich glaube, dass in diesem Gedanken ein gewisse Wahrheit steckt“, räsoniert Andrew Manze an diesem grauen Morgen in seinem kleinen Büro im Landesfunkhaus Hannover, bevor er wieder los muss zu einer Probe. Nur sehr wenig Zeit konnte sich der Dirigent an diesem Tag für den Gast nehmen, denn eines ist klar: Bei Andrew Manze kommt die Kultur immer zuerst.

Clara Ehrmann

2017-10-24T16:13:16+00:00 Oktober 2017|Kategorien: Musikstadt Hannover|