“Macht doch mal das Licht im Flur aus!”

Wie viel Musik passt in Hannovers Wohnzimmer? Der „Tag der niedersächsischen Hausmusik“ zeigte: eine ganze Menge.

Es ist einer von jenen Begriffen, bei denen man um spontane Bilder und Assoziationen einfach nicht herumkommt. „Hausmusik“ klingt nach höheren Töchtern, die in wandgetäfelten Salons zum Zeitvertreib der besseren Gesellschaft musizieren. Nach zugeknöpften Blusen und vergilbten Notenblättern. Nach Spießigkeit und schweren Teppichen. Gegen dieses Image wollte „Musikland Niedersachsen“ angehen und lud vergangenen November zum Tag der niedersächsischen Hausmusik ein. „Saitensprung“-Redakteurin Romina Halewat wagte den Blick in Hannovers Wohnzimmer und erlebte einen spannenden Tag zwischen Sessel-Sessions und Sofa-Sinfonik.

Samstagnachmittag, 16:52 Uhr. Ich stehe vor einem eindrucksvollen Altbau in Hannovers Zooviertel nahe der Musikhochschule. Gerade habe ich mein Fahrrad abgestellt, drücke mich jedoch noch vor dem Eingang herum – unschlüssig, ob ich hineingehen soll oder nicht. Ich kenne die Besitzer der Wohnung nicht, die ich gleich betreten werde. Die Adresse habe ich aus dem Internet, denn dort wurde das Konzert zusammen mit vielen anderen anlässlich des Tages der niedersächsischen Hausmusik eingetragen. Der Kontakt mit der Gastgeberin beschränkte sich bisher auf eine kurze Mail mit Uhrzeit und Ort sowie dem Zusatz, gerne noch jemanden mitzubringen. Während ich noch hin und her überlege, geht ein Mann an mir vorbei und klingelt bei ebenjener Wohnung. Er wird freundlich durch die Gegensprechanlage begrüßt, der Türöffner ertönt, und der Mann verschwindet eilig ins Treppenhaus. Ich fasse mir ein Herz und betrete zum ersten Mal in meinem Leben ein wildfremdes Wohnzimmer, um mir ein Konzert anzuhören.

Die Idee für die Veranstaltung landesweiter Wohnzimmer- und Hauskonzerte stammt von Musikland Niedersachsen. Die gemeinnützige Gesellschaft mit Hauptsitz in Hannover engagiert sich für die musikalische Vielfalt im Land und will mit der Aktion zum Spaß am eigenen Musizieren anregen. „Wir möchten, dass die Menschen zuhause ihre Wohnungen öffnen – für die Musik und auch für fremde, musikinteressierte Menschen“, erklärt Geschäftsführer Markus Lüdke. Vorausgegangen ist dem Tag eine einjährige Kampagne, die unter dem Motto „Heimvorteil“ die Idee der Wohnzimmerkonzerte ins Land trug. „Wir sind fast das ganze Jahr mit unserem Wohnwagen Hildegard, zwei alten Sesseln und einem Perserteppich durchs Land gerollt und haben in verschiedenen Städten eine mobile Wohnzimmerbühne geschaffen.“ Musiker und Ensembles aus der jeweiligen Region haben Flashmobs, Konzerte oder Workshops veranstaltet. Dabei hätten sie viele Musikinteressierte, Laien und potenzielle Gastgeber kennengelernt und für ihre Idee gewinnen können, so Lüdke. Der Tag der niedersächsischen Hausmusik sei nun der Höhe- und Zielpunkt einer Kampagne, welche die Bewohner auf eine musikalische Erkundungstour durch ihre eigene Stadt mitnehmen soll. Auf eines freue er sich heute aber besonders: „Hausmusik hat für mich einen ganz besonderen Reiz. Man kommt im Grunde genommen Menschen, die man vorher noch gar nicht kannte, sehr nahe, und auf diese Begegnungen bin ich besonders gespannt.“

Genau wie ich, als sich mir einige Stunden später die Haustür zur Wohnung von Prof. Charlotte Lehmann öffnet. Dahinter befindet sich eine repräsentative Altbauwohnung, mit glänzenden Dielen, weißen Flügeltüren, hohen Bücherregalen und einem eleganten Flügel im Zentrum. Beim Eintreten wird mir sofort der Mantel abgenommen, ich bekomme ein Getränk angeboten. Der Flur ist mit etwa 35 Personen gefüllt, und erst nach kurzem Durchfragen kann ich mich der Gastgeberin vorstellen. Frau Lehmann, im eleganten Wickelkleid und die grauen Haare zu einem schicken Knoten hochgesteckt, entpuppt sich als ehemalige Konzertsängerin, die sich aus dem aktiven Musikbetrieb zurückgezogen hat und nun Privatschüler in Gesang und Klavier unterrichtet. „Eine dieser Schülerinnen hat mich auf die Aktion aufmerksam gemacht, und da habe ich einfach spontan zugesagt. Bei uns zuhause wird ja sowieso immer musiziert.“ Auf die Frage, ob sie es nicht seltsam finde, so viele Fremde im Haus zu haben, lächelt Frau Lehmann: „Wissen Sie, das ist doch eigentlich künstlerischer Alltag. Man spielt ja oft vor fremden Menschen, wieso sollte es mir da in meiner eigenen Wohnung komisch erscheinen?“

Und so kommen die Besucher, schätzungsweise zwischen Anfang 20 und Ende 60, nach einem kurzen Empfang in den Genuss vielfältiger Lieder des klassischen Repertoires, von Mozart über Bach bis hin zu ungarischen Volksliedern – vorgetragen und interpretiert von Charlotte Lehmanns Schülern. Unter ihnen befinden sich sowohl Laien als auch professionelle Opernsänger. Die Gastgeberin selbst sitzt inmitten ihrer Gäste auf einem Ledersofa, erzählt vor jedem Beitrag eine kleine Anekdote zu Komponist oder Entstehungsgeschichte und scheint das Konzert sichtlich zu genießen. Leise für sich singt sie jedes Lied mit, wirkt einerseits verträumt und lässt andererseits ihre Schüler kaum aus den Augen. Nach jedem Auftritt lacht sie und ermuntert die nächste Formation weiterzuspielen. Aber Moment – Ledersofa, ein Salon mit Flügel, dazu Mozart und Bach? War nicht eigentlich Sinn und Zweck der Kampagne, den Begriff „Hausmusik“ zu entstauben?

„Natürlich freuen wir uns über die Orte und Wohnungen, an denen noch traditionelle Hausmusik gemacht wird, aber wir können uns auch viele neue, verrückte Formate vorstellen – jedes Genre und jede Besetzung ist willkommen“, erklärt Martin Lüdke. Und dass es auch andere Formationen gibt, davon können sich die Besucher des Auftakt-Matineekonzerts im Niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur überzeugen. Hannover Mitte, Punkt 11:00 Uhr. Als Startschuss wird per Live-Webcam in die Wohnzimmer verschiedener Gastgeber geschaltet. In einer Villa in Wolfenbüttel bereitet sich die Studentin Jana auf ein Konzert der Landesmusikakademie Niedersachsen vor, bei dem Gamelan- sowie westafrikanische oder persische Musik zu hören sein wird. Geraldo aus Göttingen macht sich sein eigenes Geburtstagsgeschenk, indem er mit seiner Jazz- und Fusionband ein Hauskonzert gibt – seine Nachbarn hat er aufgrund der Lautstärke vorsichtshalber gleich mit eingeladen. Und Rico aus Hildesheim fürchtet, dass es bei 60 Anmeldungen doch recht kuschelig in seiner Wohnung wird: „Aber es soll heute Abend ja kalt werden, da kann man die Wärme gut gebrauchen“, scherzt er.

Anmelden konnte man sich als Besucher übrigens über eine interaktive Karte, die auf der Homepage von Musikland Niedersachen zu finden war. Mit kleinen Markierungen waren hier die verschiedenen Konzerte und eine kurze Beschreibung eingetragen; der Gastgeber konnte außerdem entscheiden, ob er die Adresse frei zugänglich machte, eine vorherige Anmeldung per Email notwendig war oder ob es sich lediglich um ein Konzert für Familie und Freunde handelte. In Hannover und Umgebung sind am Stichtag so 47 verschiedene Konzerte zusammengekommen, darunter Singen für Babys, arabische Musik im Studentenwohnheim, Filmmusik im Seniorenheim oder kongolesischer Rumba im Einfamilienhaus. Im gesamten Bundesland finden insgesamt rund 80 Konzerte statt – ein großes Wohnzimmer voller Musik.

Hannover Zooviertel, 17:56 Uhr. Nach dem beinahe einstündigen Konzert bei Frau Lehmann sind sich Gäste sowie Musiker einig – und Sonja Herlig, Schülerin und Initiatorin, bringt es auf den Punkt: „Es war ein super schöner Abend, darum hat sich die Teilnahme an der Aktion für uns wirklich gelohnt.“ Zwar erinnerte das Drumherum mitunter stark an Hausmusik im klassischen Sinne – doch Atmosphäre, Musik und Herzlichkeit von Gastgeberin und Gästen zeigten, was sich unter dem Begriff auch noch verbergen kann und dass zudem etwas Altes, Traditionelles durchaus seinen Reiz haben kann. Eine kurze Auszeit vom Alltag, die Konzentration auf pure Musik und die Erfahrung, einmal ein völlig fremdes Wohnzimmer zu betreten und sich auf etwas komplett Neues einzulassen – diese Eindrücke nehmen die Besucher nach einem anschließenden geselligen Beisammensein mit nach Hause.

20:23 Uhr. Etwa fünf Kilometer weiter südlich bereitet sich bereits Ulrike Eberle in ihrer WG auf die ersten Gäste vor. Sie arbeitet gleichzeitig als Referentin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit bei Musikland Niedersachsen – Ehrensache also, dass sie am Tag der niedersächsischen Hausmusik selbst ein Konzert veranstaltet. Und das, obwohl sie heute schon vollen Körpereinsatz gezeigt hat: „Ich war auf drei verschiedenen Konzerten und bin mit dem Rad bestimmt mindestens 30 Kilometer quer durch Hannover gefahren“, erzählt sie lachend.

Bei ihr geht es anschließend um einiges rustikaler – wenn auch nicht weniger herzlich – als bei Charlotte Lehmann zu. Schuhberge stapeln sich im Flur, die Gäste bekommen zur Begrüßung eine Flasche Bier oder ein Glas Wein in die Hand gedrückt, und auf Tischen und Schränken stehen Chips und Salzstangen bereit. Es scheint, als wären alle verfügbaren Sitzgelegenheiten inklusive Iso-Matten in das größte Zimmer der Wohnung gerückt worden. Bis auf einen einsamen Hannover 96-Fan mittleren Alters, der es sich mit Schal und Bierflasche in der hinteren Ecke des Zimmers gemütlich gemacht hat, besteht das Publikum hier größtenteils aus Studenten und jungen Erwachsenen. „Von den 18 Gästen kenne ich ungefähr die Hälfte, der Rest ist über die Karte auf das Konzert aufmerksam geworden“, freut sich Ulrike. Für die musikalische Unterhaltung sorgt bei ihr der Singer/Songwriter Ole Hauk. „Ich habe Ole bei der Tour mit unserer mobilen Wohnzimmerbühne kennengelernt, und weil mir seine Musik so gut gefallen hat, habe ich ihn einfach gefragt, ob er nicht Lust hat, bei mir zu spielen.“

Wer über keine Kontakte zu Musikern verfügte oder selbst Musik machen wollte, jedoch keine ausreichend große Wohnung besitzt, hatte trotzdem die Möglichkeit beim Tag der Hausmusik mitzuwirken. Denn zusammenfinden konnten Gastgeber und Musiker, die sich nicht persönlich kannten, auch über eine webbasierte Mitspielbörse. Das Prinzip ist das gleiche wie bei einer klassischen Wohnungsbörse: Musiker geben ein Wohnungsgesuch auf, und Gastgeber können ihre eigenen vier Wände anbieten. Bei der Vermittlung half anschließend die Geschäftsstelle von Musikland Niedersachsen, die Neulinge zudem mit einem speziellen Gastgeberhandbuch, bestehend aus hilfreichen Tipps für ein gelungenes Hauskonzert, versorgte. Die Bedeutung von einem „Fensterdienst“, also einem Bekannten, der nah am Fenster sitzt und so regelmäßig lüften kann, oder der Bauanleitung für eine Fahne, welche die Gäste zur richtigen Wohnung lotst, sollte nämlich nicht unterschätzt werden.

Bei Ulrike Eberle weisen bereits zahlreiche Fahrräder vor der Wohnung und Plakate im Hausflur den richtigen Weg. Nach einer kurzen Begrüßung, dem Hinweis, dass gleich übrigens Radio Leinehertz anrufen würde, und dem Verteilen von Kissen „gegen Popo-Weh“ startet Ole Hauk mit Akustikgitarre, Mundharmonika und einer kräftigen Portion Lagerfeuerromantik („Ey, macht doch mal das Licht im Flur aus“) sein Konzert. Mal ruhig und nachdenklich, mal laut und treibend spornt er seine Gitarre zu Höchstleistungen an und begeistert die Zuhörer so von der ersten Minute. Es wird gejohlt, mitgesungen, zwischendurch viel gelacht und gescherzt. Gastgeberin Ulrike reicht Bierflaschen durch, macht Fotos vom Geschehen und genießt das Konzert ansonsten von ihrem Iso-Matten-Platz in der ersten Reihe. Nach einem besonders enthusiastischen Choreinsatz des Publikums gegen Ende des Konzerts ist Ole ganz baff: „Ihr wisst ja gar nicht, wie glücklich das macht, wenn die Leute meine Lieder mitsingen.“ Als das Telefon klingelt, ist die Stimmung auf dem Siedepunkt. Radio Leinehertz dürfte wohl kaum mehr als ein grölendes, von Gitarrenklängen begleitetes Durcheinander vernommen haben.

Nach dem Konzert sitzen die Gäste noch zusammen, im Flur wird Quartett gespielt. Ich schaue auf meine Uhr. 23:07 Uhr. Hannover Südstadt. Beinahe 12 Stunden voller Musik, fremder Wohnzimmer und fremder Menschen – mit zwei komplett unterschiedlichen Konzerten, die beide auf ihre Weise einzigartig waren. Ich komme nächstes Jahr bestimmt wieder.

Romina Halewat

Die Musikland Niedersachsen gGmbH ist eine Gesellschaft der Stiftung Niedersachsen. Ihr Anliegen ist es, die heterogene, dezentrale Musikwelt Niedersachsens zu vernetzen und als Serviceeinrichtung fachliche Impulse, insbesondere im Bereich der Musikvermittlung zu geben. Gefördert wird sie durch das Land Niedersachsen sowie die Niedersächsische Sparkassenstiftung. Der nächste Tag der niedersächsischen Hausmusik findet am 22. November 2015 statt. Weitere Infos gibt es unter www.musikland-niedersachsen.de/heimvorteil.

2017-10-24T16:42:03+00:00 Oktober 2017|Kategorien: Musikstadt Hannover|