Mit dem Tonbandgerät in die Flüchtlingscamps

Das Zentrum für Jüdische Musik erschließt den Nachlass der Musikethnologin Edith Gerson-Kiwi

Sommer 2012, das Europäische Zentrum für Jüdische Musik (EZJM) ist erst vor Kurzem in die Villa Seligmann umgezogen. In der zweiten Etage, dem ehemaligen Refugium der Dienstboten, stehen mindestens 30 Kartons, wenn nicht mehr, wild durcheinander; dahinter leere Regale. Und dann ist es wie bei jedem Umzug: Öffnen der Kartons, Sichten des Inhalts – und zusätzlich eine Systematik entwickeln, bevor Bücher, Stadtkarten, Noten usw. in die Regale wandern…

So fängt für das vierköpfige Team des EZJM die Arbeit mit dem Nachlass von Edith Gerson-Kiwi an, einer deutsch-israelischen Musikethnologin des 20. Jahrhunderts. Der Nachlass umfasst sowohl ihre Forschungsbibliothek (eine umfangreiche Sammlung an Fachbüchern) als auch ihr privates Archiv. Dazu gehören Briefwechsel mit anderen Wissenschaftlern, Unterlagen zu ihren Forschungsprojekten, aber auch private Briefe und Fotos. Die Bücher der Forschungsbibliothek sind inzwischen alle im Hochschulkatalog HOBSY eingetragen und stehen für Studierende und andere Interessierte zur Verfügung. Die Erschließung des Archivteils beschäftigt die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des EZJM momentan.

Da ist zum Beispiel ein privater Briefwechsel aus ihrer Studienzeit in Deutschland, der viel über die Entwicklung der Musikwissenschaft zu dieser Zeit erzählt. Zunächst muss der Brief transkribiert werden, d.h. er wird aus dem Handschriftlichen übertragen. „Das kann man sich wie bei einem Fortsetzungsroman vorstellen: Jeden Tag gibt es ein neues Kapitel“, erklärt Mitarbeiterin Vera Ibold. Gerson-Kiwi schrieb nicht nur auf Deutsch, sondern auch auf Hebräisch, Englisch, Französisch und Italienisch, so dass die Texte teilweise übersetzt werden müssen. Auch das Entziffern der Handschrift braucht Übung und Geduld.

Edith Gerson-Kiwi wurde 1908 in Berlin geboren. Sie war studierte Pianistin und Cembalistin, 1933 promovierte sie über das italienische Madrigal im 16. Jahrhundert. Veröffentlichen kann sie ihre Dissertation in Heidelberg als Jüdin nicht mehr, sie flieht vor dem Nazi-Regime nach Italien und studiert dort Bibliotheks- und Archivwesen. 1935 emigriert sie nach Palästina und heiratet ein Jahr später Kurt Gerson, der ebenfalls aus Deutschland fliehen musste. Während ihrer Arbeit mit dem Musikethnologen Robert Lachmann spezialisiert sie sich auf die orientalisch-jüdische Musik und die liturgischen Traditionen der Einwanderer, die nach Palästina kommen.

In dieser Zeit korrespondiert Gerson-Kiwi regelmäßig mit den führenden Musikethnologen ihrer Zeit. „Die privaten und geschäftlichen Briefe von Gerson-Kiwi ermöglichen einen ganz anderen Zugang zu historischem Wissen“, betont Bibliothekarin Barbara Burghardt. Das Musikleben in Palästina vor der Gründung Israels, seine Entwicklung in dem neuen Staat, der Anfang von Musikforschung und -wissenschaft an den Universitäten in Israel in den 1960er-Jahren – all das spiegelt sich in ihren Briefen. Auch wird spürbar, wie die großen politischen Entwicklungen das Leben des Einzelnen beeinflussen. Für das Forscherteam ist inzwischen ein persönlicher Bezug zu Gerson-Kiwi entstanden; sie nehmen teil an ihrem Schicksal, fast als wäre sie eine entfernte Verwandte, deren Briefe und Fotos man mit steigendem Interesse liest und durchsieht, auch weil sich immer mehr Querverbindungen ergeben.

Nach der Zeit als Forschungsassistentin Robert Lachmanns leitet sie ein eigenes Phonogrammarchiv mit Sprachaufnahmen und Musikstücken. In den 1950er-Jahren, als viele Juden aus dem Mittleren Osten nach Israel einwandern, geht Gerson-Kiwi, ausgestattet mit einem schweren Aufnahmegerät, von Flüchtlingscamp zu Flüchtlingscamp und zeichnet Musik sowie Gesänge auf. Sie will unbedingt verhindern, dass die liturgischen Traditionen der verschiedenen Ethnien in Vergessenheit geraten, wenn die älteren Mitglieder sterben.

1969 wird sie zur Professorin für Musikwissenschaft an der Universität in Tel Aviv ernannt, zudem nimmt sie Lehraufträge in verschiedenen Ländern, u.a. in den USA und Deutschland, wahr. Gerson-Kiwi stirbt 1992 in Jerusalem. Anders als ihre Forschungsbibliothek und ihr privates Archiv, die den Weg nach Hannover ins EZJM fanden, blieb das Phonogrammarchiv zusammen mit der Instrumentensammlung in Israel. Ersteres befindet sich heute in den Jerusalem Sound Archives, die Instrumentensammlung in Tel Aviv. Aber auch weitere Briefe von Gerson-Kiwi sind in Israel. „Eine Zusammenarbeit mit dem Jerusalem Sound Archives oder dem Felicja Blumental Music Center in Tel Aviv wäre ein spannendes Projekt für die Zukunft“, sagt Mitarbeiterin Susanne Borchers. Das Team des EZJM ist vorerst aber noch eine Weile mit der Erschließung der Sammlung Gerson-Kiwi beschäftigt, mit dem Sichten von Briefen, Fotos und Arbeitsunterlagen – um sie für die Forschung und andere Interessierte zugänglich zu machen, statt sie in Privatsammlungen und Panzerschränken verschwinden zu lassen.

Christiane Müller

Das Europäische Zentrum für Jüdische Musik in der Villa Seligmann

Im Januar 2012 als Haus für jüdische Musik in Hannover eröffnet, sind unter einem Dach drei verschiedene Institutionen vereint: Zum einen das Europäische Zentrum für Jüdische Musik (EZJM), gegründet von Andor Izsák, das sich der Erforschung und Vermittlung jüdischer Musik verschrieben hat. In der obersten Etage der Villa, im ehemaligen Trockenboden, befindet sich eine kleine wissenschaftliche Spezialbibliothek mit Noten und Literatur. Der Schwerpunkt liegt auf europäischer Synagogalmusik zwischen 1810 und 1938, eine Blütezeit jüdischer Musik, eingebettet in die jüdische Aufklärung (genannt „Haskala“), in der erstmals Orgelmusik Eingang in die Synagogen fand.
Wer sich für jüdische Musik interessiert und noch ein bisschen mehr als Klezmer kennenlernen möchte – eine kurze persönliche Einführung ist jederzeit möglich. Einfach per Mail oder Telefon bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des EZJM melden. In der Villa Seligmann finden außerdem regelmäßig Seminare statt, die in jüdische Musik im Allgemeinen und in die Sammlung der Bibliothek im Speziellen einführen. Hier lohnt sich ein Blick auf die Website: www.ezjm.hmtm-hannover.de.

Neben dem EZJM befinden sich die Siegmund Seligmann Stiftung und die Siegmund Seligmann Gesellschaft in der Villa, die für das Haus und die Organisation von Konzertreihen sowie Ausstellungen zuständig sind. Im Erdgeschoss ist eine umfangreiche Sammlung von Synagogenorgeln zu sehen, die bei den Konzerten gespielt werden.

Die Villa Seligmann selbst ist ein beeindruckendes Gebäude in der Oststadt Hannovers und eines der wenigen Zeugnisse jüdischen Bürgertums vor der Schoa. 1906 bezog Siegmund Seligmann, Direktor der Continental AG, mit seiner Familie die repräsentative Villa. Der Architekt war Hermann Schaedtler. Bis 2012 diente das Gebäude als Musikschule der Stadt, bevor es nach umfangreicher Renovierung zum Haus für jüdische Musik wurde.

Villa Seligmann
Hohenzollernstraße 39
30161 Hannover

2017-10-24T16:55:02+00:00 Oktober 2017|Kategorien: Musikstadt Hannover|