Voktett auf der Couch

Kaum zu glauben, aber es ist wahr: Hannover hat etwa 220 große Chöre. Wenn man dann alle kleineren Gesangsensembles mitrechnet, dürfte die Zahl noch bedeutend höher sein. Darunter befindet sich seit 2012 das Voktett Hannover, bestehend aus insgesamt acht derzeitigen und ehemaligen Studierenden der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover. Wie kann man als Ensemble aus dieser Chormasse herausstechen?

Heute ist einer dieser Tage, um lieber in der Stube zu sitzen und Tee zu trinken. Oder Musik zu hören: Oder besser noch: zu machen. Um zwölf trifft sich das Voktett Hannover zu einer wichtigen Probe. Es steht nämlich nicht nur ein Konzert am Tag darauf an. In der folgenden Woche findet der Felix-Mendelssohn-Bartholdy-Hochschulwettbewerb in Berlin statt. Das Voktett nimmt zum ersten Mal an einem Wettbewerb teil. Doch nervös scheint bisher niemand zu sein.

Wir treffen uns bei Steffen Kruse (erster Tenor) zuhause. Ein Proberaum in der Musikhochschule war heute nicht aufzutreiben. So muss eben das Wohnzimmer als Übekammer herhalten. Wir sitzen in einem Stuhlkreis, in der Ecke hängt Wäsche zum Trocknen. Als Außenstehender könnte man es für das Treffen einer Selbsthilfegruppe halten.
Doch dann, ohne großes Einsingen, ist der Raum, die ganze Wohnung, das Haus von Gustav Holsts „Nunc dimittis“ erfüllt. Ist es zu kitschig zu sagen, dass auf einmal die Sonne aufgeht? Dennoch ist es so. Doch schnell wird unterbrochen. „Die Abschlüsse auf den Konsonanten waren nicht exakt“, wirft Lea Wolpert (zweiter Alt) ein. Außerdem passten die Vokalfärbungen nicht überall zusammen. Das kann schon mal passieren, wenn man Stücke auf Deutsch, Englisch, Französisch und Latein singt. Und das ist nur der Text, die Musik kommt ja noch dazu.

Das Voktett singt so rein, dass auch ganze alte Sachen von Byrd oder Hassler wie entstaubt wirken. Und selbst kurz vor dem Wettbewerb scheint alles routiniert, ja abgeklärt zu sein. „Wir sind schon aufgeregt“, versichert mir Sebastian Knappe (erster Bass). Keiner im Voktett habe in dieser Besetzung Erfahrungen mit Wettbewerben gemacht. „Wir gehen aber optimistisch an die Sache heran. Was bleibt uns sonst auch übrig?“ Und Johannes Lenz (zweiter Bass) meint: „Eigentlich haben wir jetzt schon von dem Wettbewerb profitiert, obwohl er noch gar nicht war.“

Nun gibt es einen Durchlauf des Wettbewerbprogramms. Knapp 45 Minuten Musik, darunter Bach, Britten, Poulenc, alles auswendig. Eine Dreiviertelstunde, in der man sich vor dem Publikum musikalisch zur Schau stellt. Und kein Instrument, hinter dem man sich verstecken könnte. Nur die eigene Stimme. „Wie stehen wir für den Britten?“, fragt Esther Tschimpke (erster Sopran). Nach einer kurzen „Umbaupause“ geht es weiter.

,,Wir proben das Programm seit letztem Sommer sehr intensiv, und so pingelig wie jetzt waren wir noch nie in unseren Proben“, gibt Justus Barleben (zweiter Tenor) zu.
Aber auch diese Arbeitsweise scheint dem Voktett leicht zu fallen. Überhaupt ist die Stimmung sehr entspannt, aber gleichzeitig fokussiert. Felicia Nölke (zweiter Sopran) erinnert sich: „Anfangs haben wir uns ganz zwanglos getroffen, und da die Chemie auf Anhieb stimmte, sind wir dabei geblieben. Seitdem proben wir praktisch wöchentlich. Bei Wind und Wetter.“

Umso erstaunlicher ist es zu erfahren, dass gar nicht alle Hauptfachsänger sind. Gehen da nicht die Interessen weit auseinander? „Wir haben ja alle mit Chören zu tun, schon allein durch das Studium. Aber mit unserer Besetzung haben wir die perfekte Kombination aus Solisten- und Ensemblearbeit, die man bei einem großen Chor nicht findet. Daher werden sich unsere Wege nicht so schnell trennen.“

Und der Wettbewerb in Berlin? Das Üben hat sich gelohnt, denn eine Woche später wurde dem Voktett der erste Preis verliehen. Fürs erste Mal nicht schlecht.

Robert Colonius

2017-10-24T16:37:23+00:00 Oktober 2017|Kategorien: Musikstadt Hannover|