Wenn Bahlsen Herrn Leibniz ärgert…

Mit „Kröpcke“ hat nun auch Hannover sein Musical

New York hat eins, Hamburg sowieso, und seit einiger Zeit darf sich auch Hannover dazuzählen – zur Riege der Städte, die mit einem eigenen Musical aufwarten können. 2013 feierte „Kröpcke – Das Hannover Musical“ Premiere in zahlreichen Kleinkunsttheatern. Ende Februar hat die Show nun auch die große Musicalbühne im Theater am Aegi geentert. „Saitensprung“ war bei den Proben dabei.

Es ist Samstag, der 24. Januar 2015. In knapp einem Monat wird sich für die Hannover Theater Company der Vorhang heben. Heute proben die Ensemblemitglieder – sowohl Profis als auch Amateurdarsteller – zum ersten Mal auf der großen Bühne. Vor dem ersten Durchlauf herrscht großes Gewusel, die freudige Anspannung ist allen anzumerken. „Von wo komme ich nochmal rein?“ – „Hat jemand mein Textbuch gesehen?“ – „Wo soll ich mich denn hinstellen?“, schallt es durch die Gänge des Backstage-Bereichs. Die Band spielt sich schon mal ein, der Techniker prüft den Ton, von irgendwoher hört man Gelächter. Der Chor macht ein paar Stimmübungen, die letzten Requisiten werden zusammengesucht. Dann die Ansage: „Alle auf Position, wir beginnen mir der Probe!“ Das Durcheinander verschwindet augenblicklich, es herrscht volle Konzentration. Ein letzter Blick auf das Textbuch, und die Geschichte kann beginnen…

Die Rahmenhandlung des Stücks dreht sich um Anna Blume, die aus dem gleichnamigen Gedicht von Kurt Schwitters herausgeklettert ist und nun, verlassen von ihrem längst verstorbenen Schöpfer, am Kröpcke auf die große Liebe wartet. Begleitet und mit mehr oder weniger hilfreichen Ratschlägen versorgt von der schrulligen Kröpcke-Uhr und deren Weggefährtin, der zänkischen Taschen-Uhr, lernt Anna allerlei skurrile Gestalten kennen. So begegnet sie am Bahnhof den UdS („Unter-dem-Schwanz“-Geborenen), philosophiert mit Herrn Leibniz über dessen Unmut, immer auf diesen einen verdammten Keks reduziert zu werden, und folgt der Spinne, die ihren roten Faden entlang den Sehenswürdigkeiten der Stadt spinnt. Ideengeber, Autor und Regisseur des Musicals ist Dirk Grothe. Der Kleinkunstveranstalter betreibt das Café Lohengrin in der Oststadt und ist bekennender Fan der Stadt. In seiner Hannover-Revue nimmt er nun mit einer gewaltigen Portion Lokalkolorit von der Lüttje Lage bis zur ewigen Rivalität mit Braunschweig jedes noch so kleine Klischee seiner Heimat gehörig auf die Schippe.

Während der Probe sitzt Grothe im Zuschauerraum. Er macht sich Notizen und flitzt immer mal wieder auf die Bühne, um die Darsteller zu korrigieren oder sogar selbst eine Rolle zu spielen. Bei der Frage, wie es zur Idee des Musicals kam, winkt er ab: „Das weiß ich gar nicht mehr so genau. Anekdoten und Eigenheiten gibt es in Hannover ja genug, und die wollte ich auf die Bühne bringen. Ich hatte das Skript schon länger in der Schublade liegen, konkreter wurde es aber erst, als ich über unser Café die jetzige Hauptdarstellerin Agnes Hapsari Retno kennenlernte. Sie hat dann einen Großteil der Songs mitgeschrieben, und auf einmal hatten wir ein fertiges Stück.“ Während auf der Bühne gerade Fritz Haarmann versucht Anna Blume zu einem Messerkauf zu überreden, erinnert sich Grothe an die Anfänge des Musicals: „Wir haben damals einen privaten Zuschuss von 10.000 Euro bekommen. Damit kann man nicht ,Tarzan‘ oder ,König der Löwen‘ machen, aber wir waren eine eingeschworene Truppe, die eine gemeinsame Vision hatte, und somit haben wir alles in Eigenregie auf die Beine gestellt.“

Den Teamgeist des Ensembles spürt man auch bei den Proben im Aegi-Theater. Bei kleinen Patzern wird gern gelacht, die Probenatmosphäre ist entspannt, Szenen-Änderungen werden demokratisch in der Gruppe besprochen. Und eine weitere Besonderheit zeichnet die Hannover Theater Company aus: Die Schauspieler kommen aus ganz unterschiedlichen Bereichen. So beendete Hauptdarstellerin Agnes im letzten Jahr ihr Studium an der Hochschule für Musik, Theater und Medien im Fach Jazzpiano. Die Spinne wird von einer professionellen Hamburger Schauspielerin gemimt, und Haarmann-Darsteller Ralf-Reiner Conrad betreibt die Schauspielerei einfach als Hobby. Pressesprecherin und Kröpcke-Uhr-Darstellerin Tosin David sieht in dieser Vielfalt auch den Erfolg des Stückes: „Unser Ensemble gibt es ja schon länger und darum verbindet uns ein großer Teamgeist. Wir sind damals einfach losgegangen mit der gemeinsamen Überzeugung, dass Hannover so etwas gut gebrauchen kann. Und jetzt spielen wir das Musical schon im zweiten Jahr!“ Die kommenden Aufführungen in einem Theater, in dem über 1.100 Zuschauer Platz finden, seien für alle Ensemblemitglieder ein Highlight.

Mitverantwortlich für den Erfolg sind sicherlich auch die Texte des Stücks, gespickt mit viel Liebe zum Detail und feinen Wortspielereien. Von Letzteren sind mitunter so viele in die Handlung eingesponnen, dass man sie unmöglich beim ersten Besuch komplett erfassen kann und manch ein Hannoveraner sicherlich noch etwas Neues über seine Heimat lernt. So klopfen Max und Moritz auf den Busch, während Anna vor lauter Warterei und Rumgestehe bereits zu einer Nummer auf dem roten Faden (Nr. 35 a) avanciert ist. Bahlsen und Sprengel ärgern Herrn Leibniz, die Taschen-Uhr lässt sich nur zu gerne vom Uhrologen untersuchen, und die Nanas verhelfen Hannover mit ihren weiblichen Rundungen schließlich zu mehr Sexappeal. Rockige, romantische und jazzige Popsongs spannen den musikalischen Bogen vom historischen Hannover zum Hier und Jetzt. Und man möchte Herrn Dörli, dem Stadtbezirkskoordinator der Stadtteile Döhren, Ricklingen und Linden, nur zu gern Recht geben, wenn er im Song „Hannover mein“ singt: „Du bist nicht die Liebe auf den ersten Blick… doch lernt man dich erst besser kennen, möchte man sich nicht mehr von dir trennen.“

Am Ende des Tages versammeln sich noch einmal alle Darsteller auf der Bühne, Grothe gibt letzte Anweisungen für die kommenden Proben. Sein Fazit: „Kröpcke ist wie gemacht für dieses große Theater. Die beiden Aufführungen hier sind beinahe komplett ausverkauft, und vielleicht entwickelt sich daraus ja ein regelmäßiges Engagement.“ Und selbstbewusst fügt er nach kurzem Überlegen hinzu: „Die Hannoveraner lieben das Stück – sonst wären wir heute nicht hier.“

Romina Halewat

Weitere Informationen und Aufführungstermine unter www.kröpcke-das-hannover-musical.de

2017-10-24T16:19:18+00:00 Oktober 2017|Kategorien: Musikstadt Hannover|