Zurück zum guten Ton

Studios werden in Zeiten der Eigenaufnahmen im Wohnzimmer wieder attraktiver – und Hannover ist eine Tonstudio-Stadt!

Seit die Technik für Homerecording erschwinglich wurde, trotzten einige Bands der Krise der Musikindustrie und produzierten ihre ersten EPs im heimischen Proberaum. Das nötige Know-how gab es kostenfrei im Netz, und so manches Bandmitglied wurde zum Hobby-Tonmeister. Angehört wurden die Lieder ja ohnehin häufig bloß über eingebaute Laptop-Lautsprecher. Im amateur- und semiprofessionellen Bereich buchten immer weniger Bands ein Tonstudio, und einige davon mussten schließen. In Hannover gibt es jedoch immer noch eine ganze Reihe von Studios, wie zum Beispiel die Peppermint-Park-Studios von Mousse T oder die legendären Horus-Sound-Studios, wo schon Größen wie die Guano Apes, Subway to Sally oder Revolverheld aufgenommen haben.

In Deutschland sind derzeit nur wenige Studios in der Größenordnung des Horus zu finden, deshalb verschlägt es viele Bands irgendwann hierher. „Hannover ist ja doch ganz anders, als ich dachte“, sagen viele Musiker, die hier aufgenommen und gewohnt haben. In den meisten Fällen ist das auch positiv gemeint. Bands aus großen Städten wie Berlin schätzen das besser überschaubare und ruhigere Hannover zum Arbeiten, Musiker aus kleinere Regionen profitieren von der zentralen Lage und sind begeistert, dass sie mit einem Schritt in Hannovers Kultur- und Nachtleben sind. Hier kennt jeder jeden in der Szene, und das Netzwerk wächst ständig.

Arne Neurand und Mirko Hofmann haben das Horus im letzten Jahr übernommen. Das junge Team ist gut eingespielt und verfügt bereits über viel Erfahrung. Vor allem diese Erfahrung ist beim Homerecording nicht zu ersetzen. Viel schneller ist so der richtige Klang gefunden, und die vorhandene Technik, Instrumente und Mikrofone werden optimal positioniert und eingesetzt. Einem Amateur würde das sehr viel technisches Wissen sowie Geduld und Ideen beim Herumprobieren abverlangen. Zudem kann die „neutrale“ Sicht des Producers die Arbeit an einem Album sehr erleichtern und verbessern. Doch technisches Wissen allein reicht nicht aus. Auch musikalisches Wissen ist für das Gelingen einer Platte vonnöten. Nicht wenige im Wohnzimmer produzierte Demos werden nie fertiggestellt, sondern wieder und wieder ergänzt und bearbeitet – und dabei nicht unbedingt verbessert.

In einer ruhigen Minute führen Arne und Mirko Besucher durch die Räumlichkeiten des Horus-Studios. Die Geschichte des Hauses ist omnipräsent. Hier eine goldene Schallplatte, da altes Equipment. Bands aller Art können hier aufnehmen. Die Wurzeln des Horus liegen klar bei handgemachter Gitarrenmusik, generell ist akustische Musik im weitesten Sinne hier Herzensangelegenheit. Solange die Qualität einer Band stimmt, die Arbeit an der Aufnahme Künstlern und Team Spaß macht und beiden Seiten etwas bringt, ist hier aber jede Musik willkommen. „Vor allem im Rockbereich gibt es ja ohnehin viel Crossover“, meint Mirko.

Das Horus verfügt über einen großen und einen kleinen Aufnahmeraum. Die große Regie ist bestens ausgestattet und perfekt zum Mischen geeignet. Besonders stolz sind Arne und Mirko auf die Akustik in ihren Studios. Hier können auch alle Instrumente gleichzeitig eingespielt und aufgenommen werden – wie in guten alten Zeiten. Dabei wird möglichst viel analoges Equipment benutzt. So entsteht ein hervorragender Klang, der sich dann mit modernsten digitalen Möglichkeiten viel besser als im Wohnzimmer bearbeiten lässt. Die Signale werden nicht nur fachmännisch und technisch einwandfrei aufgenommen und mit einem Minimum an Qualitätsverlust weiterverarbeitet, für bestimmte Stilrichtungen findet sich auch jeweils ein besonderer Sound. Internationale Größen wie Daft Punk machen sich solche Verfahren ebenfalls zunutze. Um den Disco-Sound ihrer Hitsingle „Get Lucky“ bestmöglich hinzubekommen, haben sie die Instrumente ebenfalls analog aufgenommen und digital weiterverarbeitet. In den Horus-Sound-Studios läuft es ähnlich.

Über den Aufnahmeräumen und der Regie befinden sich zwei geräumige Apartments für Bands, die gerade auf Tour in Hannover haltmachen oder nicht von hier kommen und im Horus aufnehmen. Nach einem anstrengenden Arbeitstag können sie sich eine Etage höher entspannen und bei Bedarf auch kochen. Der Umgangston im Team und unter den Musikern ist locker. Es darf auch mal geflucht oder ein derber Witz gerissen werden. „Da muss ich mich dann echt umstellen, wenn ich abends mit meiner Mutter essen gehe“, erzählt Arne und lacht. Trotz der entspannten Atmosphäre wird hier aber stets konzentriert gearbeitet. Ein weiterer Vorteil an der Arbeit im Studio – hier entstehen die Aufnahmen nicht nebenbei. Man hat Geld bezahlt und das Ziel vor Augen, eine Aufnahme auch wirklich fertigzustellen.

Gerade sind Warum Lila hier im Studio. Die Band hat 2013 den Deutschen Rock-und-Pop-Preis gewonnen und nimmt jetzt im Horus ihr Debutalbum auf: deutsche Musik mit Pop-Rock-Elementen, die gute Laune macht. „Wir sind einfach glückliche Menschen, die das auch gerne in unserer Musik nach außen tragen“, erklärt Sänger Vita. Die Bandmitglieder kommen ursprünglich aus Minden und wohnen nun seit einem Jahr in Hannover. „Das war wirklich ein Quantensprung, was das Ausgehen betrifft“, schmunzelt er. Des öfteren kann man ihn und seine Mitmusiker bei einem Bier im Kuriosum antreffen. Ansonsten freuen sie sich, dass sie hier nicht so bekannt sind wie in ihrer Heimatstadt und in Ruhe ihr Album aufnehmen können. Warum Lila fühlen sich wohl im Horus. Vitas Kollege Erik schätzt besonders das gemütliche Flair. „Die Leute sind einfach cool, und man ist Teil vom Team“, beschreibt er die Arbeit am Album. Drei EPs hat die Band bislang aufgenommen und war schon in verschiedenen Tonstudios zu Gast. Am Horus begeistert sie vor allem der Klang der Drums.

„Der Sound einer Platte ist wieder enorm wichtig geworden, und auch bei jungen Leuten geht der Trend zurück zu guter Tonqualität“, erklärt Arne. Mittlerweile wollen junge Bands immer häufiger wieder gute Studios für ihre Aufnahmen nutzen und sind auch bereit, dafür zu bezahlen. Nach der anfänglichen Euphorie, als Musik plötzlich leicht kopierbar und frei verfügbar war und die schlechte Soundqualität gerippter und komprimierter MP3s, wiedergegeben über kleine Handylautsprecher, ignoriert wurde, liegen Vinyl und guter Klang eben wieder im Trend.

Dieses Jahr feiern die Studios 35-jähriges Jubiläum. So ganz einig ist man sich zwar nicht, ob es nicht eigentlich schon 36 Jahre sind. Für die einen beginnt die Geschichte des Horus mit der Legung des Grundsteins, für die anderen ganz pragmatisch mit der Anmeldung beim Finanzamt. Gefeiert wird trotzdem. Am 6. Juni findet hier der sogenannte Demo-Check-Day statt. An diesem Tag können Bands Arne, Mirko sowie Henning (Geschäftsführer und Mitinhaber, Gitarrist der Guano Apes) ihr Demo vorspielen und erhalten konstruktives Feedback. So können sie vielleicht besser entscheiden, ob sie ihre Musik im Alleingang aufnehmen oder doch lieber in ein Studio investieren wollen.

Ronja Rabe

2017-10-24T16:32:28+00:00 Oktober 2017|Kategorien: Musikstadt Hannover|