Full Metal Wellness

Wie harte Metaller in die Luxuswelt der Kreuzfahrer eintauchen

Open-Air-Festivals haben in den letzten Jahren einen Boom erfahren. Die Nachfrage des Publikums reißt nicht ab, und der Trend ist eindeutig: Immer mehr, immer größer, immer teurer. Die absurde Krone setzt dieser Entwicklung ein außergewöhnliches Format auf – die Festivalkreuzfahrt.

Warum zahlen Menschen mehrere Hundert Euro für ein Wochenende im Matsch in überfluteten Zelten zwischen Dixie-Klos? Für warmes Bier, schlechten Sound und stinkende Füße? Offenbar steigt bei breiten Teilen der Bevölkerung das Bedürfnis nach Ausnahmezustand, nach Flucht aus einer durchrationalisierten Welt. Dieser Exodus ist seit ein paar Jahren aber auch weitaus bequemer möglich als beim Camping-Wochenende auf einer Kuhweide in der Provinz. Statt weiter Felder winkt die Weite der Meere, statt Dreckpfützen der Swimmingpool.

Musikkreuzfahrten gibt es nicht erst seit gestern, sondern mindestens seit 2010. Damals stach ein deutsches Reiseunternehmen zum ersten Mal mit Udo Lindenberg und seinen Freunden in See. Ein neuer Stern am weiten Himmel der Themenkreuzfahrten war geboren. 2013 erblickte ein weiterer, sehr „dunkler“ Stern das Licht der Welt: die „Full Metal Cruise“, eine Festivalkreuzfahrt von und für alle, die das „Wacken Open Air“ lieben. Tatsächlich haben sich die Organisatoren des international renommierten Heavy-Metal-Festivals mit den Kreuzfahrtmachern der TUI in ein Boot gesetzt.

Diese Allianz könnte auf den ersten Blick gegensätzlicher kaum sein. Die bodenständigen Metaller vom schleswig-holsteinischen Acker tauchen ein in die Luxuswelt der Kreuzfahrer. Schwarz gekleidete Langhaarige springen in den Pool, direkt vor der Open-Air-Bühne auf dem Deck, und trinken gekühltes Dosenbier. Nach dem Konzert winkt ein Vier-Gänge-Menü im Nobelrestaurant des Schiffes. Headbanger bekämpfen mit professionellen Massagen ihre Nackenschmerzen oder entspannen im Whirlpool ihre abgerockten Glieder. Und wer mal wieder einen neuen Anstrich benötigt, kann sich diesen beim Tätowierer abholen. All inclusive.

Einzigartig ist auch die Nähe von Publikum und Künstlern. Mit etwas Glück ergattert man die Sonnenliege neben dem Lieblingsmusiker. Wobei es bei einem Line-Up von nur etwa zehn Bands (gegenüber rund 150 Bands beim ursprünglichen „Wacken“) gar nicht so wahrscheinlich ist, dass sich überhaupt ein Lieblingsmusiker an Bord befindet. Das ist aber auch nicht so wichtig. Im Vordergrund liegen ein paar Tage Erholung im exquisiten Kreis der knapp 2000 Elite-Metaller.

Denn die „Full Metal Wellness“ hat einen stolzen Preis: Das Rundum-Sorglos-Paket gibt es ab 1.300 Euro. Das kann sich nicht jeder Metal-Fan leisten, wobei auch beim Originalfestival mittlerweile Wochenendpreise von über 200 Euro fällig und die Tickets damit etwa doppelt so teuer sind wie noch vor zehn Jahren. Doch die Nachfrage bleibt ungebrochen, und insbesondere die Festivalkreuzfahrten sind ein Kassenschlager: Die zwei für 2018 geplanten „Full-Metal-Cruises“ waren innerhalb weniger Stunden ausverkauft.

Für Hannovers Musikfreunde bietet sich aber noch eine Alternative: In diesem Jahr wagen sich zum ersten Mal die Lokalmatadoren von Fury in the Slaughterhouse auf hohe See. Die Kreuzfahrt „Fury & Friends“ ist ab schlappen 999 Euro zu haben und damit preiswerter als das iPhone X. Besserverdienern bieten sich also auch in diesem Jahr wieder vielfältige Möglichkeiten, ihr Geld für Pop(kultur?) zu verprassen.

Jan Michael Meyer-Lamp

Bildnachweise: TUI Cruises

2018-09-28T15:12:49+00:00 April 2018|Kategorien: Orte.Räume|