Darf ich „Dorfdisko“ zu dir sagen?

Meine Nacht in Veskos Börse

Holzfällerhemd und Jeansjacke drüber. Ausgeblichene schwarze Jeans und graue Suède-Halbstiefel. Also so Dinger aus Rauleder. Na, ist das etwa ein Landbursche vor mir?
„Ich habe nicht die geringste Ahnung“, denke ich, während ich schulterzuckend den Blick vom Spiegel abwende und die Autoschlüssel einstecke. Schon halb aus der Haustür mache ich doch noch einmal kehrt: Kaugummis. Schließlich soll ich das Schicksal der Dorfdisko ergründen und dafür bei Dezibelzahlen im Diskobereich Interviews führen. Doch obwohl ich das Feierverhalten des Homo Ruralis eher vom Hörensagen und einem einzigen, glanzlosen Schützenfestbesuch kenne, nehme ich an, dass auch und vielleicht gerade er dabei auf meinen Fairtradekaffee-Atem verzichten kann.

Verzichten würde ich gern auf den Geruch meines Autos. In meiner einwöchigen, einer Reise nach Edinburgh geschuldeten Abwesenheit hat sich wohl irgendwas im Motorraum zur letzten Ruhe gebettet. „Grundgütiger“, denke ich, drehe Lüftung und Musik auf und versuche die Fahrt zur Konzeption eines Interviewleitfadens zu nutzen. „Würden Sie die Location als Dorfdisko beschreiben? Gibt es so was überhaupt noch? Und empfinden Sie den Begriff ‚Dorfdisko‘ eigentlich als abwertend?“ Kann man das so fragen? Ich würde lieber einen Chinesen interviewen, da ist die kulturelle Diskrepanz wenigstens klar. Hier bin ich, der selbst doch im recht Grünen aufgewachsen ist, dem Leser eine einfühlsame Geschichte über das Herzstück der landjugendlichen Feierkultur schuldig, mit einigen pointiert platzierten Bauernregeln und – angesichts meiner urbanen Vorbehalte – vor allem einer großen Portion journalistischer Diskretion. „Fuck.“ Ein riesiger Haufen Pferdekacke frisst sich ins Profil meiner Reifen. „Hach… wenn’s weiter nichts ist.“ Während ich meine immerhin 60 Pferdestärken über die stockdustere Landstraße peitsche, male ich mir schmunzelnd aus, der kleine VW Polo würde dementsprechende Ausscheidungen produzieren.

Ich halte vor der Wohnung meiner Stiefschwester. Laura ist pünktlich, sie hat gute Laune. „Bereit für die Party deines Lebens?“, fragt sie augenzwinkernd. Ich pariere mit einem skeptischen Blick und drücke den Suède-Stiefel aufs Gas. Irgendwann später – zu spät – wird sie mir die Wahrheit über mein Outfit anvertrauen. Jetzt lacht die Gute wahrscheinlich nur still in sich hinein, während sie uns in den angeblich sicheren Hafen ländlicher Feierkultur navigiert: „Veskos Börse“. Im Herzen Lengerichs mit seinen immerhin 22.000 Einwohnern ginge das alte Fachwerkhaus eigentlich mühelos als Kleinstadtdisko durch. Aber was weiß ich schon? Zumindest, dass ich mich hier – ob Kleinstadt- oder Dorfdisko – in bester Ethnologenmanier möglichst unsichtbar machen werde.

Als wir eintreten, schlägt mir die ganze Wucht einer 360-Grad-holzvertäfelten Schankstube entgegen. Eine fast raumfüllende Theke in der Mitte des Raums, zahllose Kupferstiche und warmes Licht. Aber ansonsten: nichts. „Ich bin hier eigentlich immer nur an Weihnachten, da ist es brechend voll“, sagt Laura, als ich meinen Blick über fast ausnahmslos leere Hocker schweifen lasse. Na klasse. Und selbst wenn, wo würde hier getanzt?

Die Antwort lässt zum Glück nicht lange auf sich warten, denn durch die fichtenhölzernen Deckenlamellen dringt ganz offensichtlich Livemusik. „Losing my Religion“ von R.E.M. in einer Qualität, dass selbst meine jugendzentrumsgestählten Popmusikstudentenohren beinahe vom Glauben abfallen. Rein akustisch klingt es, als spielten die Ramones Psychedelic Rock auf gerissenen 10-Watt-Verstärkern. Hey ho, let’s go? Entlang der enormen Theke und endloser Reihen gerahmter Landschaftsmalereien gehen wir zur Treppe, dann in proportional steigender Erwartungshaltung hinauf und: finden uns auf einmal mitten im Getümmel wieder. Unfassbar. Hier oben stehen sich die Menschen gegenseitig auf den Füßen. Dank geschickter Deutung der Unterdruckverhältnisse schaffen wir es, an einen Platz am Rande der Theke gesogen zu werden. Zwischen uns und dem zur Bühne bestimmten Teil des ehemaligen Heubodens tanzen tatsächlich ein paar Damen mittleren Alters. „Dorfdisko, you’re alive and kicking“, schlussfolgere ich und frage Laura, was sie trinken möchte. „Bestellt nicht diese Plörre hier“, ulkt uns ein Mittvierziger von der Seite an und reckt ein Pils der Sorte Kronen in die Luft. Sein Kumpel nutzt die Gelegenheit zum Anstoßen, und beide lachen sich kaputt. Wir nicken grinsend, Laura nimmt ein Beck’s und ich entscheide mich im Namen des investigativen Journalismus für die Plörre.

Die Frauen tanzen, die Männer klammern sich fußwippend an ihr Flaschenbier, und ich beginne die Atmosphäre aufzusaugen. Der Heuboden ist ebenfalls urig in Holz gekleidet, selbst an den Dachschrägen prangen beinahe wieder moderne Rahmen mit Landschaften und Stillleben. Es riecht nach Lauras weltläufigem Bremer Brauereierzeugnis, und dann und wann tragen durch die Menge drängende Gäste ihre moderat aufgetragenen Düfte vorbei. Die Kleidungsstile sind unterschiedlich, oft recht schick. Die Männer tragen das Hemd in der Hose, darüber Lederjacke und darunter Bauch. Über bemerkenswert vielen Langhaarträgern ragt eine aufwendige blonde Damenfrisur empor und— „Jesus Christus, was ist das für ein Ausschnitt?!“ Hätte ich ein Kind, ich würde ihm jetzt die Augen zuhalten. So hingegen starre ich für einen Augenblick ehrfürchtig auf das bar aller Makel und Scham inszenierte Dekolleté einer Frau, die allein schon ihrer Körpergröße wegen die Blicke der Umstehenden bündelt. Erst mal einen Schluck Plörre. „Ist das normal?“, scheinen meine Augen zu fragen, denn Marco macht ein Gesicht, dass „Hell yeah“ schreit.

Die „Ramones“ – optisch tatsächlich eher den späten Jefferson Airplane ähnelnd – erringen die allgemeine Aufmerksamkeit aber betont mühelos zurück. Offenbar kennt man sich gut, spielt häufiger mal nach Feierabend gemeinsam alte Hits und freut sich auf solche Gigs vor anderen Freunden. Gut sind sie wirklich nicht, aber zu stören scheint das niemanden. Im Gegenteil: Unsere Tresennachbarn, die sich als Marco und Thomas aus Dörenthe bei Ibbenbüren vorgestellt haben, finden große Freude daran, die einzelnen Bandmitglieder möglichst unfairen Vergleichen mit den Stars der Rockgeschichte zu unterziehen. Ich lache und mache mit – möglichst diskret natürlich, um unter den Lengerichern nicht doch sofort als eingebildeter Stadthansel aufzufliegen. Als der schnauzbärtige E-Gitarrist das Lick zu „What’s Up“ von den 4 Non Blondes anstimmt, fühle ich mich sogar zum ersten Mal richtig wohl. „Alter Vatter, der Song war ja schon im Original kacke“, urteilt Marco unbestreitbar amüsiert, und ich versuche ihn mit chargierender Zweitstimme vom Gegenteil zu überzeugen. Würde ich instagrammen, dies wäre meine Samstagabend-Story.

Aber hier wird nicht gestreamt, hier wird geschäkert. Ein alter Freund der beiden Döhrtener gesellt sich zu unserer Runde, und die drei Mittvierziger stimmen Lobeshymnen auf die alte Zeit an. Den inneren Kugelschreiber zückend klinke ich mich ein. So finde ich heraus, dass es früher wohl fünf Dorfdiskotheken im Umkreis von 50 Kilometern gegeben habe. Heute könnte man eigentlich nur noch nach Osnabrück oder sogar Münster fahren, wenn es die „Börse“ nicht gäbe. Woran das liegt? „Es hat einfach keiner mehr Bock, was auf die Beine zu stellen.“ Gerade für junge Leute sei das schade.

Auch die spärlicher vertretenen jungen „Börsengänger“, die ich daraufhin befrage, stimmen zu. Die beiden 18-jährigen Vica und Natasha müssen zum Feiern 20 Autominuten zur Ibbenbürener Großraumdisko „Aura“ oder 30 zu den größeren Clubs in Osnabrück einplanen. „Mit dem Bus dauert es noch länger.“ Eine Gruppe polnischer Zeitarbeiterinnen hat sogar noch nie etwas anderes gesehen als die Börse. Und die, so finde ich heraus, hält sich für alles andere als eine Dorfdisko. „Das ist ne Musikkneipe“, gibt mir der etwa 1,60 Meter große Wirt durch seinen grauen Schnauzbart zu verstehen. „Diskos gibt’s hier nicht mehr.“ Mit meinem langsam aufribbelnden Interviewleitfaden lässt sich ihm nichts aus der Nase ziehen. Ob nicht auch junge Leute zum Tanzen kommen würden, hake ich zaghaft nach. „Hör mal zu, samstags ist hier Session. Bis vier, manchmal auch bis fünf, sechs Uhr. Klar wird da auch mal getanzt.“ Und speziell junge Leute? „Nee, eher nicht.“ Aber Weihnachten, da ist doch— „Da is mehr los.“

Tilt. Ich bedanke mich artig und gehe zurück zu meiner neuen Clique. „Das war jetzt ein ganz schöner Fight. Hätte wohl nicht sagen sollen, dass ich fürs Unimagazin schreibe.“ Laura lacht und zeigt auf meine Jeansjacke. „Du siehst vor allem aus wie der letzte Hipster. So was tragen hier nur Mädels.“ Ach so… Na dann. Wir trinken noch ein Beck’s auf das Ende der Dorfdisko, Marco und Thomas geben aus. Nächste Woche wollen die beiden nach Münster zum Konzert der „Wombats“, erzählt Marco. Aber auch die Musikkneipe Veskos Börse werde man mal wieder aufsuchen, schließlich habe die ja auch was zu bieten. „Kann man so sagen“, unterbricht Thomas und deutet hinter mich auf den kleinen Wirt, der nun zu unser aller Erstaunen mit der hochgewachsenen Blondine rumknutscht. „Na also!“, denke ich und nicke dem ungleichen Paar anerkennend zu. Die Dorfdisko ist nicht wirklich tot – sie ist bloß zur Musikkneipe gereift. Und ich? Ich nehme noch mal einen tiefen Zug Landluft, bevor ich mich wieder ins Auto setze.

Kevin Kopsicker

Foto: Kevin Kopsicker

2018-06-29T23:21:26+00:00 April 2018|Kategorien: Orte.Räume|