Die letzte Jukebox der Limmerstraße

Es ist schon spät am Freitag Abend. Nur wenige Feierwütige sind noch unterwegs und bemüht, irgendwo einen letzten Absacker aufzutreiben. Fast am Ende der Limmerstraße, da brennen noch ein paar Lichter in einer unscheinbaren Kneipe. Am Tage würde man sicherlich an ihr vorbeiwandern. Eine große braune Massivholztür, die einer schweren Sicherheitstür ähnelt, will auf den ersten Blick auch keinen einladenden Eindruck erwecken. Doch der Anschein trügt. Grünlich schimmernde Fenster lassen warmes, heimeliges Licht durchsickern. Eine beleuchtete Getränkekarte lockt schließlich in das etwas versteckte Stübchen. Diverse Spirituosen ab 1,30 €, Mixgetränke ab 2,20 € und das große Bier für 3,40 €. Preise, die verraten: Hier lässt es sich etwas länger aushalten. Und in der Tat, es ist noch einiges los in dem kleinen Lokal.

Die Atmosphäre ist urig. In respektvollem Abstand sitzen die etwas gesetzteren Gäste in einer langen Reihe an der Theke. Man scheint sich zu kennen und trifft sich hier wohl häufiger mal zu Schnaps und Plausch. Die großen Debatten über Gott, Kunst, Trump, die letzte Feier oder Probleme mit der Partnerin finden aber an den Nebentischen statt. Dort verkehrt das junge Volk, das doch noch irgendwie solche entschleunigten Gaststätten zu schätzen weiß. Trotz der umliegenden hippen Bars, Pubs, Clubs und netten Cafés ist das Publikum in solch altehrwürdigen Wirtschaften oft bunt gemischt. Auch an diesem Abend zerren Studenten und Rentner gleichzeitig am Altersdurchschnitt. Ein Tisch an der Tür ist gerade frei geworden. Erst beim Hinsetzen fällt auf, wie dick die stickig-rauchige Luft ist. Es gibt zwar einen Deckenventilator, ihn scheint aber niemand zu brauchen. Für Nichtraucher ist das eine Herausforderung. Es ist aber um so schöner, wenn die Gespräche nicht alle paar Minuten abbrechen, weil gerade jemand aufsteht und vor die Tür gehen muss.

Ein kauziger, aber herzlicher Wirt tritt heran und nimmt die ersten Bestellungen auf. Seine Tränensäcke lassen auf ein ereignisreiches Leben schließen, wovon einige Jahre vermutlich hinter dieser oder einer anderen Theke verbracht wurden. „Musik ist hinten!“, ruft er herüber, während er die Getränke vorbereitet. In einem kleinen Nebengang, der zu den Toiletten hinführt, steht ein großer schwarzer Kasten. Ähnlich wie bei einem Spielautomaten befindet sich dort auf Kopfhöhe ein Touchpad. Darauf können unzählige Listen mit Songs aller Genres durchsucht werden. Abgerechnet wird aber trotzdem noch analog, in Kleingeld. Einen Euro für fünf Song-Credits. Das Vorgängermodell steht dicht daneben an der Seite. Es scheint defekt zu sein. Die einzelnen Fächer der Titelauswahl lassen sich aber noch blättern. Bei diesem Gerät hängen selbstausgedruckte Rückseiten von CD-Cover hintereinander und können so mit einem Taster durchgewählt werden. Dann muss die Nummer des gewünschten Faches plus der Songnummer eingegeben werden. An dem Ersatzgerät funktioniert das so ähnlich. Eilig werden einige Songs zusammengesucht.

Zurück am Tisch bemerkt jemand, dass keine Musik in dem Lokal läuft, solange niemand den Automaten mit Geld füttert. Zwar machen lebhafte Diskussionen das Flair der Kneipe aus. Dass die sonst so alltägliche Dauerbeschallung jedoch in dieser Kneipe fehlt, fällt dennoch schnell auf. Bei der Songauswahl hat man zwei Möglichkeiten: Man sucht sich Stücke aus, die vermutlich jeder in einer solchen Situation hören mag. Oder aber man sucht sich solche aus, auf die man selbst gerade Lust hat. Dann kann es allerdings passieren, dass man sich Kommentare von den Gästen gefallen lassen muss. So geht es Bier um Bier. Dicht nebeneinander sitzt man Tisch an Tisch in dem Lokal und wartet darauf, welcher Gast welchen Song in krächzend-schlimmer Lautstärke spielen lässt. Zu Zeiten algorithmusbasierter Playlisten, Starkuratoren oder werbefreier Hitradios ist das doch irgendwie erfrischend altmodisch.

An der Wand prangt das Porträt einer verstorbenen Thekenkraft. Das Lokal trauert um seine Kellnerin. Stolz präsentiert die Person auf dem Bild ein volles Tablett gezapfter Biere. So möchte man sie in Erinnerung behalten. Gegenüber hängt ein roter Sparkasten der Stadtsparkasse. In modernen Bars gibt es so etwas kaum noch. Zirka 16 kleine Fächer besitzt der Kasten. Eine Aufschrift rät: „Spar den Groschen!“ Stammgäste können hier in beliebigen Abständen ihr Kleingeld in den für sie vorgesehenen Münzschlitz einwerfen. Ist das Geld bei einem nächsten Besuch mal knapper als die Zeche hoch ist, darf der Sparkasten angebrochen werden. So überleben hier Relikte einer scheinbar längst vergangenen Kneipenkultur und ziehen die Atmosphäre ins Ulkige. Denn die teilweise neumodische Musik, die aus den Lautsprechern plärrt, passt doch irgendwie nicht in das Bild, sorgt aber für Heiterkeit am Tisch. Jemand hat einen fremdsprachigen Song gewählt. An der Theke kommt Unmut auf: „Das ist aber ein toller Song!“, grummelt einer der Gäste und wirft einen zynischen Blick über dessen Schulter.

Der bunte Musikmix und das gemeinsame Zusammensitzen sorgen aber gerade dafür, dass sich plötzlich jeder Gast berufen fühlt, Urteile als Musikkritiker zu fällen. Mit steigendem Alkoholpegel steigt auch die Fantasie bei der Songwahl. Was der Kasten alles herzugeben hat, ist trotz der Suchmaske nicht zu erkennen. „Ich weiß nicht wie das Ding funktioniert“, sagt der Wirt, „aber ich höre ja, was die Leute da jedesmal aufs Neue rausholen.“ So reihen sich deutschsprachige Chansons der 1950er und Power-Balladen der 1980er an US-Rap der 1990er. Wie selig eins und uneins über Musik gestritten, erinnert, informiert und debattiert wird, ist schon ungewöhnlich. Dass eine notdürftig zusammengeschraubte Klapperkiste aus der Ecke solche lebhaften Meinungen wecken kann, ist geradezu erstaunlich. Als der Wirt schließlich die Tür auf Durchzug stellt, zur letzten Runde bittet und schunkelige Rausschmeißer die Nacht einläuten, sind sich aber alle einig: „Ich hab zu viel Geld bei dem Kasten gelassen!“

Tim Tschentscher

Bildnachweise: Pixabay

2018-09-28T15:30:09+00:00 April 2018|Kategorien: Orte.Räume|