“Ein Ort für Menschen”

Das PLATZprojekt Hannover stellt Container zur Verfügung, in denen jedermann sein eigenes Start Up aufbauen kann

Ein verregneter Mittwochmittag im Dezember. Ein Tag, an dem man lieber im Warmen bleiben möchte. Trotz des kalten Wetters verschlägt es jedoch einige raus aus der Stadt an das Ende der langen Fössestraße in Hannover-Linden, denn genau da befindet sich das PLATZprojekt Hannover. Zu dieser Jahreszeit zeigt sich der Platz nicht von seiner schönsten Seite, aber trotzdem versprüht er durch die bunten Container und die selbstgebauten Sitzgelegenheiten eine ganz besondere Atmosphäre. Aber was genau ist das PLATZprojekt eigentlich?

Vor fünf Jahren war der 3000 Quadratmeter große Platz eine Brachfläche, auf der außer ein paar Sträuchern nichts vorhanden war. Direkt neben diesem Platz befand sich schon damals der größte Do-it-yourself-Skatepark Europas. Da lag der Gedanke nahe, auch die freie Brachfläche direkt nebenan zu übernehmen und für ein neues Do-it-yourself-Projekt zu nutzen. Ziel war es, Menschen Platz zu geben, um sich künstlerisch ausleben zu können – daher der Name. Dass es am Schluss Container wurden, in denen diese Kreativität ausgelebt wird, lag an den Kosten. Somit wurde aus dem Brachgelände ein Containerdorf.

Der erste Container, der damals auf den Platz gestellt wurde, dient heute als Treffpunkt aller Mitglieder des PLATZprojekt-Vereins und ähnelt mit seinen Sofas und einer kleinen Bar einem gemütlichen WG-Wohnzimmer mit offener Küche. Das PLATZprojekt gewann nach seiner Gründung bei einer bundesweiten Ausschreibung von „Jugend.Stadt.Labor“ und zählte zu den wenigen Projekten, die finanziell gefördert wurden. Der Verein erhielt damals 120.000 Euro für die nächsten drei Jahre. Dieses Geld diente dazu, eine Infrastruktur aufzubauen und die Idee des Platzes weiterzuentwickeln. Heute finanziert sich das Projekt vorwiegend durch die Mitgliedsbeiträge und die Vermietung der Container, die man für 60 Euro pro Monat nutzen kann.

„Die Container sollen auch einen Raum zum Scheitern bieten“, erklärt Sebastian Backes, Mitglied des PLATZprojekt-Vereins. In den Containern darf jeder sein eigenes innovatives, gewerbliches Start Up aufbauen, ob das nun eine Massagebox, ein Kleiderkabinett oder ein Hotelzimmer ist – den Ideen sind keine Grenzen gesetzt. Es soll ein Platz zum Experimentieren und Probieren sein, Raum zur kreativen Entfaltung geben. Das PLATZprojekt stellt einen ersten Schritt in Richtung Selbständigkeit dar, den jeder ohne große finanzielle Verluste gehen kann. Dabei gibt es von den Mitgliedern Feedback und Zuspruch, die dazu motivieren sollen, weiter an den eigenen Zielen festzuhalten.

Wenn man eine Idee für ein Vorhaben hat, muss man sich mit dem PLATZprojekt-Verein in Verbindung setzen und dort sein Konzept vorstellen. Bei einem gemeinsamen Treffen wird dann über die Möglichkeiten gesprochen und überlegt, inwieweit sie umsetzbar und welche Kooperationen möglich sind. Dann muss nur noch ein Container angeschafft werden, Kosten zwischen 600 und 1.200 Euro, und schon kann es losgehen. Derzeit gibt es ungefähr 30 Projekte.

Wenn man Glück hat, wird das PLATZprojekt direkter Pate und stellt einen Container kostenfrei zur Verfügung. So wie „platzWERK“ von Sebastian und Mauro, ebenfalls Mitglied des Vereins. „Das sind so sieben graue Container. Ziemlich düster. Das wird eine Folteranstalt“, erklärt Mauro grinsend. „Ja, genau. Das wird ein Folterkeller“, stimmt Sebastian ihm zu. In Wirklichkeit befinden sich in den sieben Containern offene (Holz-)Werkstätten, Zeichensäle und Ateliers, die an Interessierte vermietet werden. Die Menschen beim PLATZprojekt sind mit jeder Menge Spaß und Motivation bei der Sache und nehmen sich selbst nicht immer allzu ernst. Es sind Menschen, die Lust auf neue Ideen haben und auch gerne gemeinsam Zeit verbringen wollen. Die Mitglieder des Vereins müssen keineswegs ein eigenes Projekt haben. „Du brauchst hier keinen Container zu haben, um dabei zu sein“, erklärt Mauro, „Das PLATZprojekt ist nicht nur ein Ort für Kreative, sondern ein Ort für Menschen.“

Der Verein richtet über das Jahr verteilt auch mehrere Veranstaltungen aus. Dazu zählen das Frühlings-, Sommer- und Herbstfest sowie der alljährliche Weihnachtsmarkt. Darüber hinaus gibt es Konzerte, entweder Open Air auf der selbstgebauten Holzbühne oder auf der neuen In-Door-Bühne. Wenn Künstlerinnen und Künstler oder Bands Interesse haben, hier aufzutreten, können sie sich jederzeit mit dem Verein in Verbindung setzen. Leider sind solche Veranstaltungen immer mit sehr viel Aufwand verbunden; daher finden Konzerte nur ein paar Mal im Jahr statt.

Der Verein ist nach der „Do-Ocracy“-Struktur aufgebaut – ein Begriff, der aus „Do“ und „Democracy“ zusammengesetzt ist und auf die Selbstorganisation der einzelnen Mitglieder verweist. Zurzeit gibt es ungefähr 80 eingetragene Mitglieder, wobei es tatsächlich ungefähr doppelt so viele sind, die sich dem Verein zugehörig fühlen. Die Alterspanne reicht von 19 bis 50 Jahre und umfasst Menschen in den unterschiedlichsten Lebenslagen. Mitglied kann man ganz leicht werden, das Formular ist auf der Website www.platzprojekt.de zu finden. Der Beitrag kostet zwölf Euro im Jahr; wenn man freiwillig mehr bezahlt, darf man sich sogar als förderndes Mitglied bezeichnen. „Wir sind alle Fördermitglieder“, erzählt Mauro stolz und lacht. „Alle zahlen mindestens 13 Euro.“

Aylin Öz

Bildnachweise: Lara Sagen

2018-09-28T15:25:31+00:00 April 2018|Kategorien: Orte.Räume|