Eingequetscht und weggerammt

Ein Punk-Rock-Konzert aus der ersten Reihe

Als Fan einer Punk-Rock-Band muss man schmerzfrei sein. Sehr schmerzfrei. Damit meine ich nicht resistent gegen laute und scheppernde Musik, sondern im wahrsten Sinne des Wortes schmerzfrei. Punk-Konzerte sind wahrlich kein Zuckerschlecken. Als jahrelanger Green-Day-Fan spreche ich da aus Erfahrung.

Wenn man, wie ich, leidenschaftlich gerne auf Konzerte geht, ist ein Großteil des Lebens geprägt von durchgeschwitzten Shirts und blauen Flecken. Blaue Flecken hängen meistens unmittelbar mit der persönlichen Wunschplatz-Verteidigung zusammen, denn für richtige Fans gibt es nur den einen Ort für den optimalen Konzertgenuss: Innenraum, erste Reihe. Heiß begehrt und schwer zu erreichen. Auch ich habe dort meinen Stammplatz ganz vorne am Wellenbrecher gefunden – nicht direkt an der Hauptbühne, sondern vorne am Steg, der in die Menge ragt. Dort ist man seinem Idol viel näher. Es trennen dich nur ein, maximal zwei Meter von ihm. Diese Position verteidige ich jedes Mal aufs Neue bis aufs Letzte. Dort hinzukommen gleicht einem langen und harten Kampf.

Also am besten von Anfang an. Die Strapazen eines Konzertabends beginnen nämlich schon viel eher. Direkt nach dem Aufstehen, um genau zu sein. Man wacht mit einem euphorischen „Endlich ist es so weit“ auf, springt aus dem Bett, macht sich in Windeseile fertig, um auch bloß rechtzeitig an der Konzerthalle anzukommen. Meistens liegen drei bis vier Stunden Fahrt vor einem. Da muss man früh los, um Punkt 10 Uhr vor der Halle zu stehen und die Eingangstür zu belagern.

Endlich angekommen, trifft man auf die üblichen Verdächtigen, die in Isolierfolie eingewickelt und auf Iso-Matten sitzend alle Neuankömmlinge kritisch begutachten. Stellt man sich gut mit ihnen, darf man sich dazugesellen. Mittlerweile kennt man sich aber untereinander. Alles Wiederholungstäter, mit denen ich über die Jahre zu einer kleinen Green-Day-Familie zusammengewachsen bin. In Gesellschaft lassen sich die langen acht Stunden Wartezeit bis zum Einlass deutlich kurzweiliger gestalten. Vordrängler und Pöbler werden erfolgreich abgewehrt. Zwischenzeitlich frage ich mich, warum ich das eigentlich schon wieder alles mitmache. Aber die Vorfreude ist so groß, dass die negativen Gedanken wieder schwinden.

Die erste Massenhysterie bricht aus, wenn die Schleusen für den Einlass aufgestellt werden. Was passiert, wenn sich die Türen zwei Stunden vor Konzertbeginn endlich öffnen, kann sich an dieser Stelle wahrscheinlich jeder denken. Zur Verdeutlichung ein kleiner Vergleich aus der Tierwelt: Ein Rennpferd steht kurz vor seinem Rennstart mit Scheuklappen und angelegten Ohren in der Startbox, scharrt aufgeregt mit den Hufen und wartet ungeduldig darauf, dass der Startschuss fällt. Ist das Startzeichen ertönt, gibt es kein Halten mehr. Den Fans bleiben nur wenige Sekunden, um den Weg in den Innenraum ausfindig zu machen und die Position der Bühne zu erspähen. Alle zuvor gründlich ausgetüftelten Pläne werden im Bruchteil einer Sekunde über den Haufen geworfen. Rennen! Rennen, rennen, rennen! In diesem Moment zählt nichts anderes.

Hat man seinen Stammplatz erreicht und sich an dem Wellenbrecher vor sich festgekrallt, setzt zum ersten Mal ein Hauch von Entspannung ein. Zeit, sich die Konzerthalle näher anzuschauen. Langsam füllen sich die Ränge. 18.000 Menschen fasst die Halle. Die Show ist ausverkauft. Ich drehe mich um und werde von meinem korpulenten Hintermann angeglotzt. Ich lächle freundlich und versuche etwas zerbrechlich zu wirken. „Sehr gut!“, denke ich mir insgeheim. „Der kann die Masse nachher gut abfangen.“

Wie eine Spieluhrenfigur auf ihrem Sockel drehe ich mich wieder zur Bühne. Noch ist die Luft angenehm frisch. Auch der Druck der Menschenmasse ist dank nettem Hintermann noch erträglich.

Die Betonung liegt auf dem Wort „noch“. So ein Konzertabend hat es wirklich in sich.
Bereits kurz nach Beginn scheint die Lüftungsanlage der Konzerthalle komplett zu versagen. 18.000 schwitzende, springende und tanzende Menschen heizen die Halle so sehr auf, dass nur noch eine stickige, abgestandene Gestankwolke aus Schweiß, Bier und anderen undefinierbaren Gerüchen knapp über den Köpfen der Fans schwebt.

Von meiner persönlichen Komfortzone habe ich mich schon vor Stunden verabschiedet. Bewegungsfreiraum ist ein Wort, das ein Punk-Konzert nicht kennt. Während ich diesen Gedanken gerade noch zu Ende führen kann, beugt sich blitzschnell ein Security-Mitarbeiter aus dem Bühnengraben über den Wellenbrecher und hievt einen offensichtlich schon sehr betrunkenen Mann kopfüber aus der Menge. Der Innenraum ist bei solchen Konzerten der Ort der Freude, Hysterie und Ausgelassenheit. Wie am Fließband fischen die Sicherheitsmänner völlig teilnahmslose, zum größten Teil weibliche Fans aus dem Innenraum. Der Druck hier vorne ist unerträglich. Mein Rücken schmerzt immens, und die Schmerztabletten, die ich vor einer Weile prophylaktisch geschluckt habe, haben ihre Wirkung verloren. Wenn es doch nur der Rücken wäre. Immer und immer wieder werde ich mit voller Wucht gegen den Wellenbrecher gedrückt, was mir die Rippen derartig einquetscht, dass mir die Luft wegbleibt. Als wären das nicht schon genug Blessuren, rammt mir regelmäßig jemand von hinten seinen Ellenbogen an den Hinterkopf. Mit aller Kraft stoße ich mich von der Barriere, um mir ein wenig Platz zu verschaffen. Der Security-Mann vor mir scheint mein schmerzverzerrtes Gesicht gesehen zu haben und schaut mich mit fürsorglichem und fragendem Blick an. „Nein! Vergiss es!“, denke ich. „Denk nicht mal daran, mich hier kopfüber rauszuziehen“, versuche ich ihm mit meinem erschöpften Blick und einem „Daumen nach oben“ zu verklickern. Er nickt und reicht mir einen Pappbecher mit Wasser.

So lange habe ich auf diesen einen Moment gewartet, ganz vorne in der ersten Reihe mitzufiebern. Das gebe ich nicht auf, nur weil die Situation gerade mal brenzlig wird. Zu groß ist die Freude, seine Lieblingsband für drei Stunden hautnah vor sich zu haben. „Lebensmüde“, könnte man als Außenstehender meinen. Keine Frage: Sich freiwillig Schmerzen auszusetzen, zwischen nassgeschwitzten und stinkenden Menschen eingeklemmt zu sein und mit Bier überschüttet zu werden – das muss man mögen, zumindest aber ertragen können. Wie einfach und gemütlich es wäre, sich die Musik zu Hause auf dem Sofa anzuhören? Wie viele Blessuren weniger man ertragen müsste, und wie viel Nervenstress man sich sparen könnte? Wer die große Leidenschaft für eine Band pflegt und sich auf einem Konzert wie in einer Traumwelt fühlt, in der er alles außerhalb der Halle vergisst, der stellt sich diese Fragen erst gar nicht.

Lara Sagen

Bildnachweise: Lara Sagen

2018-09-28T15:38:31+00:00 April 2018|Kategorien: Orte.Räume|