Flüstern für den Seelenfrieden

Wie das eigentümliche YouTube-Format ASMR Angst- und Schlafstörungen bekämpft

YouTube. Du weißt nicht, wie du hierhergelangt bist, aber im Titel steht etwas von „Unboxing“ und „ASMR“. Du siehst in ein Wohn- oder WG-Zimmer. Eine junge Frau sitzt dir gegenüber und öffnet ein Paket – behutsam, ja, langsam. „Ein bisschen zu langsam für ein Unboxing“, denkst du dir als recht gut informierter YouTube-Konsument. Und tatsächlich scheint das Video, sagen wir: anders zu sein. Die junge Frau nimmt das Verpackungspapier und knistert damit nah an einem hochempfindlich eingestellten Mikrofon. „Aha“, denkst du dir, verstehst aber auch dann nicht wirklich mehr, als sie das Papier beiseitelegt und mit sanfter Stimme erklärt, was sich im Paket befindet: eine blaue Teekanne. Unsere Protagonistin packt sie – abermals knisternd – aus und tippt dabei wie beiläufig mit den Fingerspitzen dagegen. Das sensibel eingestellte Mikrofon macht wie eine akustische Lupe jedes noch so leise Geräusch in deinen Kopfhörern ungewohnt deutlich hörbar. Dazu verleiht das Flüstern der Stimme einen interessant konsonantenstarken Klang. „Teekanne. Tee-Kanne“, wiederholt sie mehrfach.

„Ok… I’m in that weird part of YouTube again“, denkst du vielleicht. Oder findest diese Aussage zumindest als eine von unzähligen Kommentaren unter dem Video. Vielleicht aber bist du auch überraschend entspannt. Und ganz vielleicht haben dir die klaren Konsonanten der „Teekanne“ oder die Knistergeräusche sogar einen wohligen Schauer über den Rücken gejagt. Dann gehörst du zu den Menschen, die eine starke Form der „Autonomous Sensory Meridian Response“ empfinden können. Und zwar zu den etwa 20 Prozent, die laut Schätzung des amerikanischen Mediziners Craig Richard erleben, was im Titel des Videos so kryptisch mit ASMR abgekürzt wurde.

Der Begriff „Autonomous Sensory Meridian Response“ ist nicht wissenschaftlich, sondern wurde 2010 aus der Not heraus geboren. Eine wachsende Online-Community hatte sich seit einigen Jahren – primär auf der Social-News-Plattform „reddit“ – über eine angenehm schauerartige, vom Hinterkopf aus durch die Wirbelsäule verlaufende Empfindung ausgetauscht, die durch unterschiedlichste Reize ausgelöst werden kann: Berührungen beim Friseur, die persönliche Zuwendung bei ärztlichen Untersuchungen, bestimmte Geräusche oder auch die Fernsehshow von Maler Bob Ross. Die vielfältigen Auslöser variieren von Mensch zu Mensch und mögen in manchen Ohren nach Hokuspokus klingen. Viele der „Trigger“ genannten Auslösereize belegen aber mittlerweile statistische Erhebungen. Eine Studie aus dem Jahr 2015 stellte fest, dass über die Hälfte der ASMR-empfindlichen Probanden durch Flüstern, persönliche Aufmerksamkeit, klare Geräusche („crisp sounds“ wie z. B. Knistern) und langsame Bewegungen die auch „Kopfkribbeln“ genannte Empfindung erlebten. Zudem legte die Studie nahe, dass ASMR-Medien wie das oben beschriebene Video effektiv gegen Depressionssymptome helfen können.

„Was ihr nicht sagt!“, dachte sich die YouTube-Community um ASMR, deren Schaffen mittlerweile mehrere Millionen Videos umfasste. In den Kommentaren berichteten Zuschauer und -hörer schon lange von heilsamen Effekten. Gegen Einschlafprobleme gibt es heute über zwei Millionen Videos, die im Titel explizit als Schlafhilfe gekennzeichnet sind. Einige konsumieren sogar gezielt ASMR-Videos als Werkzeug, um aufkommende Panikattacken zu stoppen. Und manchmal werden psychische Probleme und Krankheiten – genretreu im Flüsterton – zum konkreten Inhalt der Videos.

ASMR-Künstlerin CocoASMR ging noch einen Schritt weiter, als sie in einem YouTube-Video über ihren ganz persönlichen Kampf mit Depressionen sprach. Die 26-jährige Studentin aus Nürnberg hatte 2014 als eine der ersten damit begonnen, deutschsprachige ASMR-Videos zu veröffentlichen. Mit vielen ihrer 32.000 Abonnenten steht sie heute in einem auf YouTube ungewöhnlich engen Verhältnis. Etliche bedanken sich in Kommentaren dafür, dass sie mit Cocos Videos schneller einschlafen oder besser durch kräftezehrende Lebenssituationen kommen. Oft erhält sie lange Privatnachrichten, in denen ihre Abonnenten ihr Herz ausschütten. „Ich lasse sie ihren Frust von der Seele schreiben. Das allein hilft manchmal schon Wunder“, sagt sie im Interview mit dem „Saitensprung“ und macht damit deutlich, wie wichtig ihr dieses scheinbare Nebenprodukt der Videos ist. Vor allem 20- bis 30-Jährige vertrauten sich ihr an. Das Geschlechterverhältnis sei dabei erstaunlicherweise recht ausgeglichen. Unter den Jugendlichen hingegen gebe es überraschenderweise sogar einen deutlich höheren männlichen Anteil. „In dieser schwierigen Phase wollen sie persönliche Probleme nicht mehr mit ihren Eltern besprechen und wissen auch nicht, wie sie stigmatisierte Themen wie Depressionen ihren Freunden anvertrauen sollen.“
Auch bei ihren deutschsprachigen Kolleginnen und Kollegen vermutet Coco als Hauptmotivation den Wunsch, den Abonnenten zu helfen. Während im angloamerikanischen Raum hier und da schon für das große YouTube-Geld mit gesponserten Produkten geraschelt werde, betrachte die deutschsprachige ASMR-Szene die Videos eher als Hobby.

Doch als Hobby bleibt die therapeutische Wirkung der Videos ein Geheimtipp. Dabei besteht professionelles Interesse an den gesundheitsfördernden Aspekten. Craig Richard, Professor für Biopharmazie an der Shenandoah University in Virginia, gründete 2014 die digitale „ASMR University“. Auf der Website ruft er nicht nur zur Erforschung des Phänomens auf und informiert über aktuelle Studien, sondern erhebt auch selbst Daten zum ASMR-Empfinden. Schon Ende 2014 beschrieb Richard – anhand des Vorbilds der Musiktherapie – eine mögliche „ASMR-Therapie“, wie er dem „Saitensprung“ erzählt. „ASMR-Trigger haben sicherlich potentiellen therapeutischen Nutzen bei Erkrankungen wie Schlaflosigkeit, Angststörungen und Depressionen.“ Zwar seien noch keine klinischen Studien zu dieser These veröffentlicht worden, der beeindruckende Umfang „anekdotischer Evidenz“ im Internet jedoch helfe „Aufmerksamkeit und Konzentration auf den potentiellen therapeutischen Wert von ASMR zu lenken“. Auch sieht der ASMR-Forscher mögliche Vorteile darin, ASMR und Musiktherapie zu kombinieren. „Bestimmte Arten von Musik und alle ASMR-Trigger können entspannende Effekte haben. Also wäre es interessant, beides zu kombinieren und zu schauen, ob dadurch noch mehr Entspannung möglich ist. Dieser Frage sollte experimentell auf den Grund gegangen werden.“

Beispiele für ASMR-Videos, in denen Musikinstrumente eingesetzt werden, finden sich bereits ebenso wie Musik, in der ASMR-Trigger zu hören sind. Am Ende des Titels „Atomkraftwerke am Strand“ des Rappers Maeckes rückt die Musik sogar für zwei Minuten zugunsten eines auf Japanisch geflüsterten Sprachsamples in den Hintergrund, dem gegen Ende das Knistern eines Lagerfeuers beigemischt wird. Kurz davor fragt Maeckes noch: „Sag mir, wovor haben wir Angst?“

Kevin Kopsicker

Internetpräsenz der ASMR University: www.asmruniversity.com

Bildnachweis: Lara Sagen

2018-09-28T15:52:33+00:00 April 2018|Kategorien: Orte.Räume|