Hannover hat nichts

…gegen den Titel „Kulturhauptstadt“

Seit Februar ist es offiziell: Hannover möchte 2025 Kulturhauptstadt Europas werden. Dann würde Deutschland wieder eine von zwei europäischen Städten stellen, die den wohlklingenden Titel tragen dürfen. Neben Hannover bewerben sich auch Chemnitz, Dresden, Hildesheim, Kassel, Koblenz, Magdeburg und Nürnberg. Doch wofür wird sich da herausgeputzt?

„Hannover wird einen Kulturentwicklungsplan ausarbeiten und umsetzen, dessen Ergebnisse wir 2025 Besuchern aus ganz Europa präsentieren wollen. Gewissermaßen knüpfen wir damit an die positiven Entwicklungen an, die in der Vorbereitung auf die Expo 2000 begonnen haben – diesmal allerdings noch nachhaltiger und speziell für Kunst und Kultur.“ So fasst es Melanie Botzki im Interview mit dem „Saitensprung“ zusammen. Die Leiterin des Büros Kulturhauptstadt steckt voller Euphorie für das „nicht vergleichbare“ Projekt, dessen Umsetzung der Stadtrat nun einstimmig und demonstrativ die Daumen reckend beschlossen hat.

Tatsächlich fiele der Gewinn für Hannovers Kulturszene aus dem üblichen Rahmen. Bis zur Verkündung des Titelträgers im nächsten Jahr stehen zwar „nur“ zwei Millionen Euro für die Ausarbeitung und Umsetzung des Kulturentwicklungsplans aus eigener Kasse zur Verfügung. Nach erfolgreicher Ernennung zur Kulturhauptstadt aber dürfen Titelträgerinnen im Durchschnitt mit etwa 64 Millionen aus EU-Geldern rechnen. Die Stadt Liverpool hatte vor zehn Jahren sogar 150 Millionen in Kulturprojekte investieren können.

Doch selbst ohne die europäische Gelddusche soll Hannovers lebhafte Kulturszene eine verdiente Politur erhalten. „Der Kulturentwicklungsplan ist sowohl Plan A als auch Plan B. Abgeschlossen sein wird er ohnehin erst 2030 als Teil des Stadtentwicklungskonzepts“, so Botzki. „Das ist das eigentlich Wichtige für die Kultur in Hannover.“ Der Titel sei dann als Sahnehaube zu verstehen. Und für die müsse man jetzt nur noch „das richtige Narrativ entwickeln“.

Schon 2016 präsentierte Botzki die ersten Entwürfe der „Hannoverschen Kunst- und Kulturgeschichte“ bei einem Treffen der Bewerberstädte in Hildesheim. Damals wollte man den Überraschungseffekt ausspielen. Ein ansonsten scheinbar leeres Plakat verkündete die außerorts gefühlte Wahrheit „Hannover hat nichts“. Das Eingeständnis, dass noch ein weiter Weg bevorsteht? Oder etwa schon die gehisste weiße Flagge? Selbstverständlich nicht – unter UV-Licht erglühten plötzlich unzählige grafische Repräsentationen des vielfältigen Kulturlebens der niedersächsischen Landeshauptstadt. „Drucken Sie das Plakat lieber nicht ab. Sonst bekommen wir wieder Beschwerden, was noch alles fehlt“, klagt Botzki halb im Scherz – und halb so sturmgegerbt, dass man die Schwierigkeit nachvollziehen kann, der Kulturszene umfassend gerecht zu werden.

Hannover hat also nicht nichts. Um die vielen Akteure der Kulturszene aber auch zu versammeln und – gerecht repräsentiert – in die Planungen einzubeziehen, schrieb die Stadt 2017 einen Wettbewerb um ein geeignetes Werbekonzept aus. Den Zuschlag erhielt die „Identitätsstiftung“, eine lokale Werbeagentur. Nach intensivem Austausch über die Ziele der Bewerbung rief man den „Ausnahmezustand“ aus. Ein leerstehendes Gebäude am Kröpcke wurde für eine Woche zum Szene-Hotspot auserkoren, an den man zum kreativen Brainstorming „Multiplikatoren der Szene“ einlud, wie Agenturchef Björn Vofrei sie im Gespräch mit dem „Saitensprung“ nennt. Den Ausnahmezustand bezieht der diplomierte Kommunikationsdesigner nicht nur augenzwinkernd auf plötzliche kulturelle Aktivitäten, sondern auch die möglicherweise zukunftsweisende Nutzung innerstädtischer Infrastruktur.

„Leerstehende Verkaufsflächen – noch dazu mit einer dicken Baustelle vor der Tür – verbindet man ja eher nicht mit Kunst und Kultur. Als wir uns über Zukunftsszenarien unterhalten haben, kam aber auch die Zukunft des Einzelhandels zur Sprache.“ Wenn die zunehmende Digitalisierung des Einzelhandels und auch autonomes Fahren voranschritten, Menschen womöglich weniger und ortsunabhängiger arbeiten könnten, bedürfe es neuer Orte und Formen der Begegnung. Aus solchen Überlegungen heraus wolle man 2025 die „Begegnungsstätte der Zukunft“ präsentieren. Dabei werde Nachbarschaft in all seinen Facetten eine zentrale Rolle im Narrativ der Hannoverschen Kultur spielen.

„Identitätsstifter“ Vofrei nennt dafür ein konkretes Beispiel. 1992 trafen sich im Döhrener Jugendzentrum zum ersten Mal Breakdancer aus aller Welt zum „Battle of the Year“. Heute gilt die Veranstaltung als Weltmeisterschaft ihrer Disziplin. Sie wird jährlich in Frankreich ausgetragen und vom Hauptbüro in Hannovers Nordstadt aus koordiniert. „Ohne dieses Event würde es Breakdance heute gar nicht mehr geben“, sagt Vofrei anerkennend. Die Tanzfläche sei ein „Ort der Begegnung“, wie man ihn suche, auch im Hinblick auf die Integration Geflüchteter. Viele ausländische Breakdancer würde man aber bald ohnehin in Hannover sehen, denn für das potenziell bedeutsame Jahr 2025 kehrt das „Battle of the Year“ wieder in seine Heimatstadt zurück.

Dank solcher Geschichten sieht Botzki Hannover neben Magdeburg und Chemnitz unter den Favoriten. Bis 2019 haben sie und das Büro Kulturhauptstadt nun Zeit, dieser Rolle mit einem ausgefeilten Kulturentwicklungsplan gerecht zu werden. Dann nämlich steht Melanie Botzki vor einer 12-köpfigen Jury und wird Konkreteres sagen müssen als: „Hannover hat doch was.“

Kevin Kopsicker

Bildnachweise: Büro Kulturhauptstadt 2025, Anne-Sophie Malessa

2018-09-28T15:18:28+00:00 April 2018|Kategorien: Orte.Räume|