Missionarische Aufgabe

Mit „weltlichen“ Konzerten im sakralen Raum nehmen die Kirchen ihre kulturelle Verantwortung wahr und ermöglichen gleichzeitig spirituelle Erfahrungen.

Es ist ein nasskalter Samstagabend im November. Die evangelische Marktkirche im Herzen Hannovers ist gut gefüllt, hier beginnt in wenigen Minuten ein Chor- und Orgelkonzert mit jüdischer Musik. Die Menschen in den Sitzreihen führen diverse Unterhaltungen. Über das Wetter, über die Arbeit, über die bevorstehende Weihnachtszeit. Der ein oder andere liest noch schnell ein paar Nachrichten auf dem Handy, als plötzlich die Orgel einsetzt. Laut, bombastisch, ohne Vorwarnung oder Ansage erklingen die sakralen Töne und entfalten in dem großen Raum ihre volle Wirkung. Das Publikum scheint sich mit einem Mal zu besinnen, dass es sich in einer Kirche befindet: Die Handybildschirme werden dunkel, die Gespräche verstummen, und es entsteht eine andächtige Atmosphäre.

Zwischen Musik und Kirchenraum besteht eine lange gewachsene Beziehung. Aber man wird auch nach einem solchen Abend in der Marktkirche den Eindruck nicht los, dass Kirchen eher als schöne, große Konzertsäle denn als Orte des Gebetes wahrgenommen werden. Dem Gefühl nach sind sie bei kulturellen Veranstaltungen besser besucht als zu Gottesdienstzeiten. Matthias Surall ist evangelischer Pastor und leitender Referent des Arbeitsfeldes „Kunst und Kultur“ in der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers. Er sieht in dieser Entwicklung grundsätzlich kein Problem. Im Gegenteil: Für ihn ist der Kirchenraum in vielerlei Hinsicht Kulturträger, nicht nur wegen der Musik, sondern auch wegen der Architektur. Daher empfindet er es als wichtig, in diesen Räumen Konzerte stattfinden zu lassen. Das habe auch den positiven Nebeneffekt, dass ein anderes Publikum die Gotteshäuser betrete. Der Raum, so Surall, habe hier eine missionarische Aufgabe, und es sei schön, wenn die Menschen überhaupt in die Kirchen kommen.

Welche Konzerte stattfinden dürfen, ist in der Landeskirche Hannovers nicht zentral geregelt; die Entscheidungsgewalt liegt bei der jeweiligen Gemeinde. Und Kirchenkonzerte müssen nicht immer geistliche Konzerte sein: Bei einer entsprechenden Einbettung können durchaus auch nicht-geistliche Veranstaltungen stattfinden, vorausgesetzt, die Inhalte sind mit der christlichen Lehre vereinbar.

Den missionarischen Aspekt von Kirchenkonzerten betont auch die Deutsche Bischofskonferenz, die geistliche Konzerte in sakralen Räumen als gute Form der Verkündigung wahrnimmt. Thomas Viezens, Dommusikdirektor am Hohen Dom zu Hildesheim, bestätigt aus der Praxis, dass in seinem Zuständigkeitsbereich tatsächlich nur geistliche Musik aufgeführt wird. Jedoch gibt es keine scharfe Trennlinie zwischen geistlichen und nicht-geistlichen Werken. Gerade bei der Orgelmusik, die aufgrund der Verfügbarkeit dieses Instrumentes in den meisten Fällen in Kirchen aufgeführt wird, ist die Unterscheidung nicht immer klar zu treffen. Im Zweifel hört man dann im Hildesheimer Dom schon auch Orgelkompositionen von beispielsweise Franz Liszt, bei denen ein geistlicher Hintergrund nicht eindeutig auszumachen ist. Auch Viezens sieht in den Konzerten keine Gefährdung der Kirche als Gottesdienstraum, sondern vielmehr ein zusätzliches Angebot.

Ein sehr weltliches Problem, mit dem sich der Dommusikdirektor als Veranstalter konfrontiert sieht, ist die Finanzierung. Kirchenkonzerte produzieren Kosten, und diese können nur zum Teil durch Sponsoreneinnahmen und die überschaubar gefüllten Kulturbudgets der katholischen Kirche gedeckt werden. Ergo müssen Thomas Viezens und seine Kollegen Eintritt verlangen, obwohl das eigentlich nicht dem katholischen Prinzip der offenen Kirchen entspricht. Und was ist mit dem sozialen Auftrag, die Begegnung mit Kultur auch solchen Menschen zu ermöglichen, die sich keine Eintrittskarten leisten können? „Wir haben eine Konzertreihe auf Spendenbasis mit dem Titel ‚SamstagMittagsMusik‘“, so Viezens, „bei der wir die Erfahrung gemacht haben, dass sich ein solches Projekt gerade so selbst finanzieren kann. Aber nur, weil mein Stellvertreter und ich selber einen Teil der Konzerte spielen.“ Die Besucher spenden zwischen 20 Cent und 20 Euro für ein solches 30-minütiges Orgelkonzert. Damit wären die Kosten für ausschließlich „eingekaufte“ Künstler nicht zu tragen.

Der finanzielle Aspekt ist kein katholisches Problem. Lothar Mohn, Kirchenmusiker der evangelisch-lutherischen Neustädter Hof- und Stadtkirche St. Johannis in Hannover, spricht sogar von einem „ökonomischen Zwang“, dem die Gemeinden ausgesetzt seien. Die Zahl der Gemeindemitglieder sinke, und damit werde auch das verfügbare Budget weniger, trotzdem müssten die Gebäude in Stand gehalten werden. Daher werden die kirchlichen Räumlichkeiten vermietet. Nicht nur für Konzerte, auch Vorträge und Diskussionen für bis zu 700 Personen können hier stattfinden. Die Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover nutzt die Kirche sogar für Orgel-Seminare und als Übungsraum für Studierende dieses Faches. Und davon profitieren wiederum die Gemeinde und ihr Kirchenmusiker Lothar Mohn: Die spanische Orgel gehört zwar der Hochschule, darf aber für Gottesdienste mitgenutzt werden.

Zurück in die Marktkirche. Das Konzert ist inzwischen beendet, Applaus brandet auf. Die gespannte Andachts-Atmosphäre löst sich, die Menschen erheben sich von ihren Stühlen – viele sind schon wieder im Gespräch angekommen. Vorher wird noch mit den üblichen Floskeln auf die „lächelnden Damen und Herren“ hingewiesen, die „mit Körben am Ausgang stehen und um einen kleinen Obolus bitten, wenn Ihnen das Konzert gefallen hat“. Eintritt musste nämlich nicht gezahlt werden. Dem Klingeln und Rascheln in diesen Körben nach hat es dem Publikum gefallen. „Musikalische Aufführungen in Kirchen sind immer schön“, sagt ein Konzertbesucher. Musik und Gebet seien in seinen Augen gut vereinbar. Auch wenn es in diesem konkreten Fall etwas seltsam gewesen sei, denn der christliche Bezug der Musik habe schließlich gefehlt. Mehrere Personen, die das Konzert verlassen, betonen, sie hätten sich die Musik genauso gut in einem weltlichen Saal vorstellen können.

Einige Tage später und ein paar hundert Meter weiter findet ein Blechbläserkonzert der Musikhochschule in der Hof- und Stadtkirche statt. Es erklingt überwiegend barocke Literatur: Händel, Purcell, ein paar Kompositionen aus dem 20. Jahrhundert sind auch dabei. Geistlichen Bezug haben die Stücke nicht, die Moderation zwischen den Programmpunkten ist als Schauspiel-Monolog inszeniert. In der Pause des Konzerts servieren Studierende im Vorraum der Kirche Sekt und Gebäck. Wenn nicht der Altar im Hintergrund und das Grab von Gottfried Wilhelm Leibniz im Seitenschiff wären, würde man kaum merken, dass man sich in einer Kirche befindet. Doch die Musikerinnen und Musiker nutzen den Raum: Die Werke entfalten in der vollen Akustik eine besondere Wirkung, ohne dass die Nuancen im Vortrag verloren gehen.

Ein Stück für drei Trompeten spielen die Studierenden von drei unterschiedlichen Emporen aus, sodass an jedem Platz im Publikum ein geringfügig anderer räumlicher Klangeindruck entsteht. In diesen Momenten wird der Kirchenraum Klangelement und aktiv in den Vortrag mit einbezogen. Vielleicht gerade deswegen sagt ein Konzertbesucher später, die Musik habe sehr gut gepasst. Kirchen seien außerdem schon deswegen besonders gut geeignet für Konzerte, weil sie meist zentral und gut erreichbar sind. Auch für nicht-geistliche Musik – „wir leben ja schließlich im 21. Jahrhundert“. Eine andere Besucherin sieht in dem fehlenden geistlichen Bezug ebenfalls kein Problem. Sie gehe gerne in Kirchenkonzerte sagt sie, gerade wegen der schönen Akustik.

Drohen Gotteshäuser durch die zunehmende Nutzung als Konzertsäle zu „verweltlichen“? Diese Frage lässt sich abschließend mit einem eindeutigen „Jein“ beantworten. Ja, weil die christlichen Kirchen eine kulturelle Nutzung der Gebetsräume längst akzeptiert haben. Sie begründen nicht-liturgische Veranstaltungen, die teils gar keinen religiösen Bezug haben, mit kultureller Verantwortung und missionarischen Aspekten, verfolgen aber verständlicherweise auch finanzielle Absichten. Nein, weil eine Kirche kein Konzertsaal ist wie jeder andere. Die inhaltliche Angemessenheit der Musik ist (mehr oder weniger streng ausgelegte) Voraussetzung für die kulturelle Nutzung einer Kirche. Und wenn die Musikerinnen und Musiker auf die besondere akustische Wirkung des sakralen Raumes eingehen, führt das beim Publikum nicht nur zu ästhetischem Genuss der Musik, sondern ist möglicherweise auch eine Form der spirituellen Erfahrung.

Jonathan Huber

Fotos: Lara Sagen

2018-06-19T22:10:10+00:00 April 2018|Kategorien: Orte.Räume|