Mit gesenktem Blick

Völlig unscheinbar liegt er da, eingelassen in die Fußgängerzone vor dem Bahnhofsplatz auf Höhe der Straßenbahnschienen: Hannovers Musik-Gulli.
Tagein und tagaus aus trällert er seine Lieder und zieht trotz seiner grauen Erscheinung jede Menge fragende Blicke auf sich. Passieren die Fußgänger das runde Loch im Boden, blicken sie sich verwirrt um und versuchen, die geheimnisvollen Klänge zu orten.
Haben sie die Musik lokalisiert, senken sie abrupt ihren Blick und starren in die Löcher des Gulli-Deckels, als würden sie erwarten, in der Tiefe jemanden oder etwas erspähen zu können.
Man weiß ja nie. Vielleicht haust da Stephen Kings Pennywise mit seinem Kassettenrecorder, der Grusel-Clown aus dem Film ES, der Kindern an den verschiedensten Orten auflauert, um sie dann zu verschleppen. Eher unwahrscheinlich.
Vielleicht warten die Passanten aber auch darauf, dass Guido Cantz mit seinen wasserstoffblonden Haaren hinter einer Hauswand hervorspringt und die Verwirrten mit einem breiten Grinsen in seine Fernsehshow „Verstehen Sie Spaß?“ einlädt. Aber auch eine versteckte Kamera gibt es nicht.
Vermutlich steht dort unten einfach „Noch-Kulturdezernent“ Harald Härke an seinen Plattentellern und mixt für alle den neuesten City-Sound. Damit würde er abseits der nicht endenden Rathaus-Affäre jedenfalls einen enorm wichtigen Beitrag zur Bewerbung um den Titel „Kulturhauptstadt 2025“ leisten. Abgesehen davon wäre das Musizieren sicher auch ein willkommener Zeitvertreib in seinem bevorstehenden vorzeitigen Ruhestand. Dem Oberbürgermeister tanzt er dann auch nicht mehr auf der Nase herum.

Lara Sagen

Bildnachweis: Lara Sagen

2018-09-28T15:05:24+00:00 April 2018|Kategorien: Orte.Räume|Tags: |