Musik im Alter – Balsam für die Seele

Jeder kennt das: Man geht auf ein Konzert und gibt sich vollkommen der Musik hin. Dabei entstehen Gefühle, die einzigartig sind. Doch was ist, wenn es Menschen aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr möglich ist, Konzerte zu besuchen? Dann muss ein neuer Raum für Musik geschaffen werden. Mit diesem Thema beschäftigt sich unter anderem der Verein „Yehudi Menuhin Live Music Now Hannover“, der die Musik zu Menschen bringt, die nicht zu Konzerten gehen können, weil sie in Psychiatrien, Justizvollzugsanstalten, Heimen, Hospizen oder Alteneinrichtungen leben.

Nach und nach füllt sich der Aufenthaltsraum des „Maternus Seniorencentrums Am Steuerndieb“ in Hannover. Viele Senioren, die den heute zum Konzertsaal umfunktionierten Raum betreten, können nicht mehr selbst laufen und sind auf Rollstühle angewiesen. Die Stimmung ist bedrückend, und die Anwesenden sehen auf den ersten Blick erschöpft aus. Doch wenn man genau hinsieht, bemerkt man in den strahlenden Augen die Vorfreude auf das bevorstehende Konzert – sowohl bei den Senioren, als auch bei den Gästen von außerhalb, die eigens für den Auftritt in das Seniorenzentrum gekommen sind. Es ist Weihnachtszeit. Neben dem mit Kerzen und Weihnachtsdekoration verzierten Kamin steht ein großer geschmückter Tannenbaum. Auf den Tischen liegen selbstgebastelte Weihnachtsgestecke, die für eine heimelige, ruhige Stimmung sorgen.

Die zwei Musikerinnen Anna-Katharina Schau (Akkordeon) und Paula Breland (Klarinette) des „Duo Amabile“ betreten den Raum. Sie studieren an der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover, wurden von Live Music Now ausgesucht und dürfen nun vor den Senioren musizieren – klassische Musik, Filmmusik, Tango, Jazz und verschiedene Weihnachtslieder. Das Repertoire ist genau auf das Publikum abgestimmt, um den Senioren eine möglichst große Freude zu bereiten.

Die gemeinnützige Organisation Live Music Now wurde 1977 von dem Violinvirtuosen und Humanisten Yehudi Menuhin (1916-1999) in England gegründet. Ziel war und ist es, Live-Musik zu den Menschen zu bringen, die aufgrund ihrer Lebenssituation keinen Zugang zu Konzerten haben. Außerdem wollte Menuhin mit seinem Projekt junge, begabte Musiker finanziell und durch Auftritte vor diesem besonderen Publikum in ihrer künstlerischen und menschlichen Entwicklung fördern. Diese Musiker werden in den Musikhochschulen von einer Jury ausgewählt, beurteilt und erhalten ein Stipendium. Die Konzerte werden von ehrenamtlichen Mitarbeitern organisiert und ausschließlich durch Spenden und Einnahmen aus den Benefizkonzerten finanziert. Der erste Verein in Deutschland entstand 1992 in München, mittlerweile gibt es Live Music Now in 19 Städten bzw. Regionen in Deutschland, außerdem in Österreich und in der Schweiz.

Der erste Ton erklingt, und im Raum wird es still. Zum Einstieg ist ein Divertimento von Wolfgang Amadeus Mozart zu hören, was bereits große Begeisterung bei den Anwesenden hervorruft und nun alle Gesichter zum Strahlen bringt. Zwischen den Stücken erzählen die Musikerinnen etwas über die Werke, die Komponisten und stellen sich und ihre Instrumente ausführlich vor. Es ist ein schönes Zusammenspiel zwischen Musik und Erzählungen, das die Aufmerksamkeit der Seniorinnen und Senioren weckt, die sich allerdings zum Teil nur kurzeitig konzentrieren können. Dann wird es etwas lauter im Raum, die Blicke schweifen ab und es wird kurz mit dem Nachbar gesprochen. Das nächste Stück „Der Karneval von Venedig“ enthält die allseits bekannte Melodie „Mein Hut, der hat drei Ecken“. Die Freude, als der bekannte Teil des Liedes erklingt, ist in den Gesichtern der Bewohner deutlich zu sehen. Einige singen mit, andere haben die Augen geschlossen und schwelgen in Erinnerungen. Man spürt die Dankbarkeit der alten Menschen gegenüber denen, die diese Konzerte ermöglichen. Dazu gehört unter anderem das fürsorgliche Personal des Seniorenzentrums.

Seit ungefähr acht Jahren besteht die Kooperation mit Live Music Now Hannover. Pro Jahr finden acht bis zehn Konzerte statt. Abwechslung wird in dem Seniorenzentrum ganz groß geschrieben, wie Einrichtungsleiter Karsten Lindenau und Sozialarbeiterin Olivia Schönherr berichten. Deshalb gibt es außer dieser Konzertreihe noch viele weitere Angebote wie beispielsweise das regelmäßige Singen mit Karin Fischer freitags. Es ist wichtig, dass den Senioren etwas geboten wird, das sie begeistert, denn wie Yehudi Menuhin sagte: „Musik heilt, Musik tröstet, Musik bringt Freude.“ Musik hilft außerdem, sich an alte Zeiten zu erinnern und den eher tristen Alltag ein wenig aufzufrischen. Vielen Zuhörern und Zuhörerinnen ist es nur durch die Musik möglich, sich zu entspannen, den Gedanken freien Lauf zu lassen und komplett abzuschalten.
Das erste Weihnachtslied erklingt, und einige der Anwesenden singen leise mit. Da der Text nicht jedem vertraut ist, werden in einer kleinen Pause schnell mehrere Gesangbücher verteilt. Es folgen die Weihnachtslieder „Es ist ein Roß entsprungen“ und „Süßer die Glocken nie klingen“. Jemand aus dem Publikum ruft: „Das ist mein Lieblingslied.“

Genau solche Momente sind es, die den Musizierenden so viel bedeuten. Jedes Publikum ist anders, jeder Mensch ist anders, und doch sind Dankbarkeit und Freude immer zu spüren. Sie äußern sich nur unterschiedlich. Besonders deutlich werde dies, je kleiner der Raum sei und je näher das Publikum heranrücke, erzählen die beiden Musikerinnen Anna-Katharina und Paula. Dadurch werde das Konzert persönlicher, die Zuhörer fühlten sich den Künstlern näher und machten mehr mit. Auch in diesem Konzert wird miteinander musiziert und interagiert. Einige der Senioren singen lauthals mit, andere klatschen im Takt, und eine ältere Dame aus dem Publikum ruft begeistert „Sehr schön“.

Zum Ende des Konzerts wird, nach einem Walzer und einem Tango, ein Jazzstück gespielt, das unterschiedliche Gefühle bei den Zuhörern weckt. Manche sind von den außergewöhnlich hohen Tönen der Querflöte begeistert, andere jedoch verziehen etwas das Gesicht. Jazz ist nun mal nicht jedermanns Sache. Doch als Karsten Lindenau zum Abschluss den Musikerinnen dankt und fragt, ob es den Zuhörern denn gefallen habe, bekommt er ein lautes und deutliches „Ja!“ zu hören. Die Senioren wirken nach diesem Auftritt sehr gelassen und zufrieden; die anfänglich etwas bedrückend wirkende Stimmung ist wie weggeblasen. Ob das allerdings nur an dem Konzert liegt oder auch an dem appetitlich aussehenden Abendessen, das bereits auf sie wartet, lässt sich nur vermuten.

Daniela Vathke

Informationen über den Verein: www.livemusicnow-hannover.de
Informationen über das Maternus Seniorencentrum: https://hannover.maternus.de

Bildnachweise: Daniela Vathke

2018-09-28T15:41:52+00:00 April 2018|Kategorien: Orte.Räume|