Mythos Tonstudio

Mit Standardsoftware kann heute jeder zuhause professionell Musik produzieren. Dennoch lebt die „Aura“ des herkömmlichen Aufnahmestudios weiter

„Ein Haufen Idioten!“, soll Paul Cole gedacht haben, als er vier langhaarige junge Männer – einer von ihnen barfuß – immer und immer wieder den Zebrastreifen einer unscheinbaren kleinen Straße des Londoner Stadtteils Westminster überqueren sieht. Gerade genießt Cole an einem lauen Freitagmorgen im Jahr 1969 einen Spaziergang während seines Urlaubs in der englischen Hauptstadt. In diesem Moment wird er von Fotograf Iain MacMillan geknipst. Heute gilt dieser mehr oder minder inszenierte Schnappschuss an der Abbey Road als ikonisch bedeutsam, sowohl für die Beatles als auch für das Studio, in dem das gleichnamige elfte Album „Abbey Road“ entstanden ist. Nur wenige Meter entfernt von eben jenem Fußgängerüberweg nahmen auch andere Größen der Pophistorie Teile ihres Œuvres auf: Pink Floyd, Elton John, Michael Jackson. Die Liste der Künstler ist unendlich lang. Denn seit jeher waren Musiker darauf bedacht, den Ruhm der Beatles bei Aufnahmen in der Abbey Road auf sich abfärben zu lassen.

Nicht zuletzt lassen sich Spuren eines solchen Mythos auf den Verpackungen der Schallplatten und CDs aus dem heimischen Regal finden: „Mixed & Mastered at Abbey Road Studios“ heißt es da häufig. Für manche mag das ein Verkaufsargument geworden sein. „Klar, das ist Marketing“, meint Gitarrist Thorsten Drücker, der an der Musikhochschule Hannover studiert hat und seit 2012 an der Universität Paderborn und der Hochschule für Musik in Detmold arbeitet. „Es wird aber auch vorausgesetzt, dass man das Studio und seine Geschichte dahinter kennt. Der Mythos Tonstudio ist hier also sogar im Mainstream angekommen. Der Ort wird als Gütesiegel verstanden.“ Als Dozent für Musikproduktion, Künstlerentwicklung und Gitarre beobachtet Drücker das Phänomen Tonstudio schon länger. „In den Neunzigern gab es eine Zeit, da wurden ,Remastered CDs‘ veröffentlicht. Von Led Zeppelin zum Beispiel. Da gab es eine Reihe, ,Remastered by Jimmy Page‘. Ich habe mich immer gefragt: Was hat der da gemacht? Der hat sich sicherlich nicht hingesetzt und von den Originaltonbändern alle Spuren nochmal neu gemischt.“

So gibt es nicht wenige Musikschaffende und -liebhaber, die mit einer solchen Zuschreibung eine Art magische Wirkung verknüpfen. Doch was besagt der Mythos eigentlich genau? Und wie setzt er sich zusammen? „Der Mythos Tonstudio hält sich bis heute hartnäckig. Das wundert mich. Jeder der sich einen neuen Laptop kauft, bekommt mittlerweile Standardsoftware mitgeliefert, die ein kleines Tonstudio simulieren kann. Man ist nach einer kurzen Einarbeitungsphase in der Lage, sich selbst zu produzieren. So haben Leute wie Moby bereits in den Neunzigern diesen Mythos aufweichen und behaupten können: ,Ich produziere alles vom Sofa in meinem Wohnzimmer heraus‘“, erinnert sich Drücker. „Der Mythos hält sich aber immer noch, weil die Vorstellung Bestand hat, nur in einem Tonstudio, also einem Ort, der ausschließlich dafür konzipiert wurde Musik zu produzieren, die Voraussetzungen zu finden, um wirklich gute Musik kreieren zu können.“ Drücker erinnert sich dabei auch an den regen Austausch mit seinen Studenten. „Ich höre das immer wieder: ,Naja, wir gehen dann und dann ins Tonstudio und nehmen das Demo kurz nochmal richtig auf.‘ Da steckt schon der Mythos drin. Man geht davon aus, dass man in einem Tonstudio viel bessere technische Möglichkeiten vorfindet. Das fängt beim Mischpult an und geht bis zur Mikrofonie. Als könne man mit viel Technik automatisch besser aufnehmen. Die technische Seite trägt zum Mythos bei.“

Drücker vermutet, dass sich eine spirituelle Ebene insbesondere bei historisch bedeutsamen Studios und dem Gedanken an kulturelle Vermächtnisse ergibt. „Es gibt berühmte Tonstudios wie zum Beispiel das Hansa Studio in Berlin oder eben das Abbey Road Studio in London. Da haben die ganz Großen aufgenommen. Als Musiker glaubt man, diese Aura könne Inspiration garantieren und nur da habe man als Künstler eine einzigartige Möglichkeit Großes zu schaffen.“ Doch Drücker relativiert auch: „Beide Punkte sind genau genommen natürlich Quatsch. Man kann mit der heutigen virtuellen Tonstudiotechnik alles simulieren. Es gibt unbegrenzte Möglichkeiten. Was die Aura betrifft, das ist natürlich so etwas wie Religion. Entweder man glaubt daran oder man glaubt nicht daran.“

„Der Mythos Tonstudio hält sich bis heute hartnäckig. Das wundert mich. Jeder der sich einen neuen Laptop kauft, bekommt mittlerweile Standardsoftware mitgeliefert, die ein kleines Tonstudio simulieren kann.“

So stelle sich eine Art „Self-fulfilling prophecy“ ein. „Wenn ich mich an solchen Orten für Tausende von Dollar pro Tag einmiete, dann bin ich unter Zugzwang. Es muss etwas entstehen, und natürlich entsteht auch irgendwas. Hinterher kann ich aber immer sagen: ,Das ist nur so geworden, weil ich dort aufgenommen habe!‘“ In der Pophistorie finden sich etliche solcher Referenzen. Tonstudios waren technologisch bedingt bisher ein fest installierter Ort. So lange dieser Umstand Gültigkeit behielt, konnten sich große, bekannte, ja nahezu schon berüchtigte Tonstudios leicht etablieren. Kenner sprechen sogar von einer hörbaren Handschrift bestimmter Studios. David Bowies Alben „Low“, „Heroes“ und „Lodger“ wurden ab Ende der 1970er Jahre als „Berlin-Trilogie“ bekannt, da sie in den Hansa Studios Berlin entstanden. Die irische Rock-Band U2 schloß im Oktober 1990 daran an und begann ebenfalls dort ihr siebtes Studioalbum „Achtung Baby“ aufzunehmen. Anders als Bowie lebten U2 nie wirklich in Berlin, suchten aber ebenfalls nach Inspiration in einem politisch turbulenten Umfeld.

Künstler und Bands versuchten immer auch, Zwänge der Industrie zu durchbrechen, um eigene Regeln aufstellen zu können. Drücker erinnert sich an sein persönliches Lieblingsalbum: „Für ,Blood Sugar Sex Magic‘ haben sich Red Hot Chili Peppers 1991 ein komplett eigenes Studio in einer alten Villa in Los Angeles eingerichtet. Das war im Grunde genommen kein Tonstudio. Das war ein Haus. Auch hier kam wieder einen Mythos hinzu: In diesem Haus hatte früher Jimi Hendrix ein Wochenende übernachtet. Später hat es Rick Rubin gekauft und hat da auch mit Johnny Cash die ,American Recordings‘ gemacht. Es scheint immer so zu sein, dass man einem bestimmten Raum eine Aura zuschreiben möchte.“ Das Haus – „The Mansion“ genannt –, in dem auch Illusionist Harry Houdini gelebt haben soll, hielt fortan immer wieder für erfolgreiche Produktionen her: Meilensteine von Jay-Z, Marilyn Manson und Linkin Park sind dort entstanden. Gar paranormale Phänomene sollen beobachtet worden sein.

Klar ist: Orte, die wiederholt von Persönlichkeiten der Zeitgeschichte aus unterschiedlichen Hintergründen aufgesucht werden, tragen zur Legendenbildung und zur „Aura“ bei. Klar ist aber auch: Je weiter sich der Schaffensprozess von „Künstler im Studio“ zu „Künstler im Privaten“ wandelt, desto weniger greifbar wird bei der Produktion einer neuen Platte die „Geschichte dahinter“ und um so schwieriger wird es diese zu vermarkten. Drücker geht sogar noch einen Schritt weiter und prognostiziert ein regelrechtes Studiosterben. So habe eine Studie zur technologischen Rationalisierung von Musikstudios festgestellt, dass zwischen 1997 und 2007 besorgniserregend viele Tonstudios geschlossen worden seien. „Ein Freund meinte mal: ,Wir gehen mit unserer Band nicht mehr ins Studio. Wir machen das alles selber im Proberaum. Was man im Studio braucht, ist Zeit. Wenn wir uns ein Studio im Proberaum einrichten, dann haben wir unendlich viel Zeit.‘“ Ob dies auf längere Sicht ein Ende des herkömmlichen Tonstudios bedeutet, bleibt dahingestellt.

So gibt es noch immer nicht wenige Musiker, die gerade auf ein professionell straffes Arbeitsklima vertrauen. Matthias Lohmöller, Besitzer des „DocMaKlang“ in Osnabrück, ist seit über 20 Jahren Tonstudiobetreiber. Auch er hat schon viele Künstler kommen und gehen sehen, sieht der Zukunft jedoch weniger radikal entgegen: „Professionelle Tonstudios sind meiner Meinung nach sehr wichtig, auch wenn sich in vielen Bereichen ihre Funktion für den Musiker verändert hat. Es geht nicht mehr wie früher darum, die Technik bereitzustellen und den rein physischen Aufnahmeprozess zu ermöglichen, sondern eher darum, die Vielzahl an produktionstechnischen Möglichkeiten zu bündeln und dem Musiker ein Umfeld zu bieten, in dem er konzentriert arbeiten kann.“ Die Liberalisierung von Produktionsmöglichkeiten sieht Lohmöller sogar als Chance: „Auch wenn der nötige finanzielle Aufwand für ein Homestudio immer geringer wird und man mittlerweile schon sehr günstig wirklich gute Tools bekommt, glaube ich, dass das professionelle Tonstudio weiterhin wichtig bleiben wird.“

Tim Tschentscher/Kevin Kopsicker

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2018-06-30T11:39:02+00:00 April 2018|Kategorien: Orte.Räume|