„Normale Konzerte sind nicht unser Ding!“

Das Orchester im Treppenhaus möchte mit außergewöhnlichen Konzertformaten den Zugang zu klassischer Musik erleichtern

Die Neonröhren an der tiefen Decke bilden eine Flucht. Es ist taghell, obwohl wir uns unter der Erde befinden. Über uns ragt das Ihmezentrum 73 Meter hoch in die Luft. Ich stehe mit Thomas Posth im autoleeren Parkhaus. Bis eben hat er mit seinem Orchester noch in der verwaisten siebten Etage des heruntergekommenen Kolosses gegeistert.

Klassische Musik an ungewöhnlichen Orten – mit seinem Orchester im Treppenhaus hat es sich der Dirigent und Leiter zur Aufgabe gemacht, das klassische Konzert aus dem verstaubten Konzertsaal zu holen und ganz neu zu inszenieren, fernab aller herkömmlichen Werte und Normen.

„Mit dem Orchester im Treppenhaus verfolgen wir eine ganz konkrete Absicht. Wir wollen Konzerte so spielen, dass nicht nur das übliche etablierte Klassik-Publikum kommt, sondern dass wir auch ein junges Publikum sehen“, erzählt er. „Deshalb suchen wir immer nach Veranstaltungsräumen, die nach außen hin interessant wirken. Bei unserem Dark Room spielen wir beispielsweise komplett im Dunkeln und laden professionelle Synchronsprecher ein. Das ist einfach ein Element, das Leute anziehen soll, die erst einmal nicht darauf warten, in ein klassisches Konzert zu gehen“, ergänzt Thomas Posth.

Das Hauptprinzip sei es, die Umgebung und die Atmosphäre des Konzerts so zu inszenieren, dass man die Musik außerordentlich gut und aufmerksam hören kann. Dabei gehe es auch darum, sich nicht vom Fremden erschrecken zu lassen. „Es ist wichtig, einfach mal ahnungslos ins Dunkle hineinzugehen und sich selbst zu sagen: ,Okay, es macht mir zwar Angst, aber ich höre jetzt mal genauer zu‘, denn meistens ist es sehr schön, was man vom Fremden erfahren kann“, so der Leiter des Orchesters.

Das Orchester im Treppenhaus ist ein innovatives und erfolgreiches junges deutsches Klassik-Ensemble der heutigen Zeit. Seit 12 Jahren arbeiten die 28 Musiker an einem erweiterten Konzertbegriff. Mit spielerischem Forschungstrieb testen sie die Grenzen des Live-Konzerts aus, öffnen Türen zu neuen Hör-Erlebnissen, intimen Musik-Momenten und überraschenden Inhalten.

Auf die Frage nach dem bislang kuriosesten Aufführungsort muss Thomas Posth lange überlegen. „Kuriose Orte gab es viele. Wir haben mal eine Veranstaltung zusammen mit der Üstra gemacht. Bei der sind die Besucher mit einer Oldtimer-Straßenbahn eine Strecke abgefahren, an der es verschiedene Stützpunkte gab, zum Beispiel eine alte Tunnelröhre unterm Steintor. Dort hat dann ein musikalischer Act stattgefunden. Die Leute sind mit der Straßenbahn reingefahren, haben sich unsere Darbietung angehört, sind wieder eingestiegen und weitergefahren. Wir Musiker sind immer vorangefahren mit unserer privaten Straßenbahn. Das war total cool“, erinnert sich Thomas Posth gerne. Auch das Bredero-Hochhaus, das nur noch aus verlassenen Beton-Etagen besteht, die Baggi-Bar am Hauptbahnhof, das Ihmezentrum oder sogar der Niedersächsische Landtag gehören zu den präferierten Konzertlocations des Orchesters.

Gegründet hat sich das Orchester im Treppenhaus im Jahr 2006 an der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover (HMTMH), die auch heute noch als wichtige Keimzelle fungiert. „Das ist einfach eine sehr gute Hochschule. Bis jetzt konnten wir sehr von den leistungsstarken Klassen profitieren, aus denen immer gute Leute zu uns kamen. Langsam werden wir jedoch unabhängiger, weil unser Orchester jetzt fest besetzt ist und wir die Musiker von der HMTMH nicht mehr zwingend brauchen“, so Thomas Posth. Auch er hat seine musikalische Ausbildung an der HMTMH absolviert. Zuerst studierte er Schulmusik, anschließend Cello und dann Dirigieren. Seit einigen Jahren hat er auch einen Lehrauftrag an der Musikhochschule. „Für mich ist die HMTMH auch heute noch ein wichtiger Bezugspunkt“, erzählt er.

Bei der Wahl des Ortes legt das Orchester im Treppenhaus viel Wert auf die Beschaffenheit und die Wahrnehmung des Raumes. „Wir versuchen immer einen Kompromiss herzustellen zwischen Orten, die uns thematisch interessieren, und einer guten Akustik, und das ist natürlich oftmals schwierig. Gerade in den Räumen des Ihmezentrums ist die Luft ausgesprochen trocken, und wir hätten uns eine angenehmere Akustik gewünscht. Andererseits klingt es hier eben so direkt für die Ohren, dass man die Menschen sehr tief berühren kann“, sagt Thomas Posth.

Auch nach so vielen Jahren, in denen das Orchester nun schon alle möglichen unmöglichen Räume bespielt, lassen Inspiration und Reiz an neuen Orten nicht nach. Dennoch wünschen sich die Musiker manchmal, einfach nur in einem Konzertsaal spielen zu können. „Wir haben mit unseren Orten immer so viel zu tun und so viele Schwierigkeiten, weil sich Pläne oft wieder zerschlagen, wenn sich die Räume als doch nicht geeignet erweisen“, gesteht der Dirigent. „Aber normale Konzerte zu spielen, das ist irgendwie nicht unser Ding.“

Lara Sagen

Bildnachweise: Katrin Ribbe, Moritz Küstner

2018-09-28T15:22:42+00:00 April 2018|Kategorien: Orte.Räume|