Plattenkritik (Ausgabe: Orte.Räume)

RUNNING WITH LIONS
Lucid Nightmares
Make Big Records

Wer behauptet, Punk wäre tot, kennt Running With Lions noch nicht. Mit ihrer Debüt-EP „Lucid Nightmares“ beweist die Band aus Hamburg, dass zumindest Pop-Punk noch lange nicht tot ist. Die vier Musiker haben sich zum Ziel gesetzt, ihre Heimatstadt als dicken roten Punkt auf die Pop-Punk-Landkarte zu setzen und ein bisschen kalifornisches Flair nach Deutschland zu bringen. Genau das erreicht die Band mit ihrem neuen Album. Schon beim ersten Titel kommt beim Hören ein warmes, wohliges Gefühl auf, und man kann die Sonne geradezu auf der Haut spüren. Das Album versetzt den Zuhörer in einen angenehmen Tagtraum. Ob man dabei mit geöffnetem Fenster im Auto sitzt, sich auf der Terrasse ein kühles Getränk schmecken lässt oder auf einer Halfpipe chillt, ist völlig egal. Diese Träume sind allerdings, im Gegensatz zum Titel des Albums, keine luziden Albträume. Textlich spannt Sänger Eike einen weiten Bogen. Von der Hoffnungslosigkeit im ersten Titel bis zur Einsicht, dass wir doch alle nur aus Fleisch und Knochen sind („Flesh and Bones“), lassen die Lyrics am Ende mit „H.O.P.E.“ doch noch ein bisschen Hoffnung zu. Auf jeden Fall besteht große Hoffnung für den Pop-Punk. Running With Lions reißen ihre Zuhörer mit einprägsamen Melodien und den charakteristischen Gitarrenriffs aus drei Akkorden mit. Wer gerne Green Day, Blink 182 oder New Found Glory hört, ist bei „Lucid Nightmares“ genau an der richtigen Adresse. Hier ist der Ohrwurm programmiert.

Mehr davon: www.facebook.com/runningwithlionspunk

Daniela Vathke

 

OONOPS
Oonops Drops Vol. 1
Agogo Records

Als stolzer Kulturexport ist der hannoversche DJ Oonops längst über die Grenzen Niedersachsens hinaus bekannt geworden. Wenn er nicht als Stammgast in der Cumberlandschen Galerie, im „Faust“ oder „LUX“ auflegt, produziert er nebenbei seine eigene Sendung für den New Yorker Hörfunksender Brooklyn Radio. Musikalisch lässt sich Oonops dabei von eigenen Geschmäckern leiten. Recht ist, was gut und groovy ist. Pendelnd zwischen Jazz, Funk, Soul, Dub und Hip-Hop ist auch der Horizont seiner ersten offiziellen Compilation „Oonops Drops Vol. 1“ frei von Genre-Grenzen. Oonops vertraut hier auf seine internationalen Beziehungen, die über Jahre als Vor-Act für u.a. Akua Naru, Myron & E, Ebo Taylor und Jeru The Damaja entstanden sind. Ziel der Zusammenstellung: eine Visitenkarte für die eigene, eklektische Arbeitsweise liefern und nebenbei bislang unveröffentlichte und verborgen gebliebene Stücke bewerben. Neben heimischen Beat-Schmieden wie den Wahl-Berlinern Figub Brazlevič und Suff Daddy tauchen Gäste auch aus Kanada (Slakah The Beatchild), England (Nostalgia 77), den USA (Shawn Lee) und Frankreich (DJ Cam) auf. Vor allem als DJ-Tool empfiehlt sich die Veröffentlichung des hannoverschen Labels Agogo Records. Sämtliche Anspielstationen fügen sich nahtlos in Warm-Up- bis hin zu Peak-Kontexte ein. Insbesondere ein Remix von Pat Van Dyke dürfte die D-Seite der Platte zu einem steten Begleiter zukünftiger Bar-Abende in Hannover wie auch in Übersee werden lassen.

Mehr davon: https://djoonops.bandcamp.com/album/oonops-drops-vol-1

Tim Tschentscher

 

KASIMIR EFFEKT
Kasimir Effekt EP
quadratisch rekords

Die neue EP der Elektro-Formation Kasimir Effekt aus Hannover lässt bereits durch die Namen der Tracks einen außergewöhnlichen Klang vermuten. Mit dem ersten Stück „Photonensturm“ tauchen die drei jungen Musiker durch eindringliche Bassklänge mit ihren Zuhörern in eine Art elektronischen Kosmos ein. In dieser Sphäre angelangt, wird mit dem Song „More Gravitiy“ zunächst eine gewisse Ruhe in den klanglichen Sturm gebracht. Die ist jedoch nicht von langer Dauer, da sich der Song dynamisch sowie rhythmisch steigert und zum Ende hin mit überraschenden Sounds auf den nächsten Titel einstimmt. Der scheint das Herzstück der EP zu sein und wurde passenderweise „Herzton“ betitelt. Die schnell aufeinanderfolgenden Töne lassen ein Bild von klanglichen Teilchen vermuten, die durch den elektronischen Kosmos wirbeln. Das letzte Stück „Commodore“ scheint die vorher ungeordneten Teilchen nun mit eingängigen Beats wieder ordnen zu wollen. Mit neuartigen Sounds bleibt diese Ordnung jedoch keineswegs monoton, sodass Kasimir Effekt mit diesem Track einen passenden Abschluss für eine sehr gelungene EP schaffen.

Mehr davon: http://johannes-keller.org/project/kasimir-effekt/

Aylin Öz

 

KENO
Around The Corner
Agogo Records

Nicht Moop-Mama-Frontmann und Creme-Fresh-Drittel Keno Langbein, aber Produzent und DJ David Hanke, bekannt für häufig wechselnde Alter Egos, geht mit „Around The Corner“ auf die Suche nach den Wurzeln seiner Anfänge. Bei dem Lindener Label Agogo Records veröffentlichte Hanke bereits seit 2014 als Dem Juju Poets, Mankoora, Renegades Of Jazz und zuletzt unter seinem Klarnamen diverse Afrobeat- und Boogaloo-Experimente. Als Keno löst sich Hanke nun zunehmend von organischen Rhythmen und werkelt wieder hörbar elektronischer an Downbeat-Tempi und Trip-Hop-Requisiten. Zwischen Nineties-Noughties-Reminiszenzen und quantisiertem J Dilla im Hinterkopf, samplet sich der Hamburger dabei durch altbewährte Soul- und Jazzkataloge. In dem gleichnamigen Titeltrack versetzen Streicherschnipsel und vorsichtige Gitarrenriffs in eine selige Atmosphäre aus Erinnerungen an alte Portishead-Tage. Auf zwölf pointierten Stücken kommt Hanke in Eigenregie gänzlich ohne Gesang aus. Bei einer ausgewachsenen Spielzeit von 53 Minuten sind dabei für je ein Instrumental kaum weniger als vier Minuten vorgesehen. Kein Beat-Tape also, Hanke bietet detailreich ausproduzierte Stimmungen, die sich nicht in den Vordergrund drängen wollen. Dezente Harfen-Loops („Elwood“, „Spines And Rays“) und gelegentliche Glockenspiele („Where The River’s High“, „Soulongago“) deuten immer wieder Beruhigung trotz treibender Drums an. Selten beschleunigt der Ruhepuls auf über 100 bpm. So entspannt haben Breakbeats schon lange nicht mehr geklungen.

Mehr davon: https://keno-agogo.bandcamp.com/album/around-the-corner

Tim Tschentscher

Bildnachweise: privat

2018-06-20T14:38:00+00:00 April 2018|Kategorien: Orte.Räume|