Raum für Begegnung

Bei „Dance the Tandem“ erhalten geflüchtete Musikschaffende eine Plattform für ihre Kunst. Die monatliche Reihe in der Cumberlandschen Galerie, die vom Staatstheater Hannover und vom Musikland Niedersachsen organisiert wird, ist dabei viel mehr als bloß eine Reihe von Konzerten: Die Gäste essen, sprechen, spielen und tanzen zusammen – nicht nur generationenübergreifend, sondern auch über kulturelle und sprachliche Grenzen hinweg.

Das „Cumberland“, das in Hannover bekannt ist für interaktive kulturelle Veranstaltungen, liegt versteckt im Innenhof hinter dem Schauspielhaus. Über eine große Treppe geht es hinauf zur Galerie, deren Eingangstor mit schweren Vorhängen verdeckt ist. Bereits von draußen ist die Ansage einer Frau zu hören. Hinter den Vorhängen eröffnet sich ein hohes, edel anmutendes Treppenhaus mit verzierten Säulen und bogenförmigen Einlassungen in den Wänden, durch farbiges Licht wunderbar in Szene gesetzt. Auf der mit bunt verschnörkelten Fliesen ausgelegten Ebene steht bereits eine Band, im Hintergrund befindet sich eine Bar, und links steigt eine lange Treppe empor, die als Tribüne dient. Der Raum ist randvoll mit Menschen, die still und gebannt der Rede der Sängerin zuhören. Eine besinnliche, aber auch melancholische Stimmung liegt in der Luft.

Die 44-jährige Sängerin Hevi Youssef stammt aus der nordsyrischen Kurdenregion Afrin. Hevi und ihr Mann Adnan Horo sind bereits 2015 nach Deutschland geflüchtet, aber sie plagt die Sorge um Verwandte und Bekannte. Es ist einer der seltenen Momente, in der die Syrien- und Flüchtlingskrise plastisch werden, und das mit einem Bezug, der aktueller nicht sein könnte. Die schrecklichen Berichte und Bilder aus den Medien, an die man sich in den letzten Jahren leider gewöhnen musste, werden noch bedrückender, wenn man den Opfern direkt gegenübersteht und sie einem persönlich ihre Geschichte erzählen.

Die Band beginnt zu spielen. Neben Sängerin Hevi und Adnan an der Gitarre sind Murad Mahmud an der Saz und Renas Salim an der Klarinette mit dabei. Die Gruppe hat sich erst kürzlich gegründet und führt vor allem kurdische Musik auf. Was in Deutschland selbstverständlich erscheint, ist in Syrien teilweise verboten, insbesondere in Gebieten, die vom so genannten Islamischen Staat kontrolliert werden. Die ernsten, aber auch würdevollen Mienen, mit denen die Musiker die bis zu 300 Jahre alten Werke vortragen, sind vor diesem Hintergrund gut zu verstehen. Nach den ersten eher getragenen Liedern kommt ein schwungvoller Song. Das bunt gemischte Publikum beginnt freudig mitzuklatschen. Plötzlich stimmt Hevi ein deutsches Lied an: „Die Gedanken sind frei“. Immer mehr Zuschauer stimmen mit ein in die so unschuldig wirkende Melodie mit diesen einfachen und doch so bedeutungsvollen Worten – ein ergreifender Moment. Am Ende viel Applaus für die vier Künstler, die sich mit ihrem Auftritt in die Herzen der Zuschauer gespielt und nebenbei auch ein kleines Zeichen des Widerstandes gesetzt haben.

Nach dem Konzert geht es am Publikum vorbei die Treppe hoch. Auf der nächsten Ebene sind Bierzeltgarnituren und ein großes Buffet mit verschiedenen Speisen aufgestellt. Zu meiner Überraschung ist dieses Angebot – wie übrigens auch der Eintritt zu der Veranstaltung – kostenlos. Hevi und Adnan haben nach ihrem Auftritt ebenfalls Hunger, und so bedienen wir uns an den Köstlichkeiten und setzen uns zum Gespräch zusammen. Die beiden erzählen aus ihrem früheren Leben: Der 47-jährige Adnan ist gelernter Kaufmann und hat ein Kulturcafé betrieben, in dem sich das Paar beim gemeinsamen Musizieren kennenlernte. „Das Café war ein wichtiger Treffpunkt zum Austausch“, erklärt er. Insbesondere für Menschen, die wegen des Kriegs ohne Strom, Radio- und Handyempfang von der Außenwelt abgeschnitten waren. „Wir haben aber auch in anderen Städten Konzerte gegeben“, ergänzt Adnan, „unter anderem in Aleppo und Damaskus.“ Als es in Syrien zu gefährlich wurde, musste das Paar das Café und sein bisheriges Leben aufgeben und flüchten. Ihr Ziel war von Anfang an Deutschland. „Dort hatten wir bereits Bekannte, die viel Gutes über das Land erzählt haben“, erläutert Hevi.

Seit knapp drei Jahren leben die beiden in der Nähe von Celle und sind so oft wie möglich künstlerisch aktiv. Auf das „Welcome Board“ – eine Initiative des Musiklandes Niedersachsen und des Niedersächsischen Ministeriums für Wissenschaft und Kultur, die geflüchtete und zugewanderte Musikschaffende unterstützt – ist das Paar über eine Freundin aufmerksam geworden. „Bei einem Projekt des Welcome Board im Center for World Music in Hildesheim haben wir mehrere syrische Musiker getroffen, sowohl kurdische als auch arabische“, erzählt Hevi. „Dort haben wir auch Murad und Renas kennengelernt, mit denen wir heute aufgetreten sind.“ Dem Paar ist wichtig, mit Musikern aus verschiedenen Kulturen zusammenzuspielen. „Sogar Klezmer-Musik haben wir schon gemacht“, hebt Adnan hervor. Für die kommende Zeit haben sie weitere Konzerte geplant, unter anderem in Hannover und Leipzig.

Während unseres Gespräches heizt eine Etage tiefer das Duo „Crepes Sucette“ mit ihrem Mix aus Irish Folk und Balkan dem Publikum ordentlich ein, die Stimmung ist ausgelassen. Hevi und Adnan aber verabschieden sich. „Wir haben morgen früh Deutsch-Kurs“, erklärt Adnan. Zwar haben wir uns schon gut auf Deutsch austauschen können, aber die beiden scheinen nicht nur in ihrer Kunst zielstrebig zu sein.

Jan Michael Meyer-Lamp

Bildnachweis: Jan Michael Meyer-Lamp

2018-09-28T15:09:24+00:00 April 2018|Kategorien: Orte.Räume|